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Elektromobilitätsmesse E-Cartec

Einfach kompliziert

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City Car ZD, made in China - 800 sind schon in Mailand im Einsatz - bald soll Deutschland folgen.
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Rascher Weg zur umweltfreundlichen Elektromobiltät? Wer sich auf der weltgrößten Messe für die Technik und Software hinter den neuen Fahrzeugen umsieht, findet viele Lösungen - und eine Menge Hindernisse.

Von Peter Weißenberg/SP-X

Neue Lithium-Ionen-Batterien? Ladeboxen für die Garagen daheim oder im Büro? Elektro-Zweisitzer für 15.000 Euro? Wer in der Welt der Elektromobilität neue Angebote und Geschäftsmöglichkeiten sucht, der sollte vielleicht doch mal über einen Chinesisch-Kurs nachdenken. Denn außer in ihrer Landessprache können sich viele Aussteller auf der Münchner Fachmesse E-Cartec verbal nicht verständlich machen. Die Botschaft von Recodeal-Vizechef Jesse Zhang, OMG-Verkaufsleiter Steven Lee oder Shandong-Electronic-Direktor Jack Lee kommt aber dennoch mit ein bisschen englisch und dem Zeigen der Ausstellungsstücke rüber: Wir bieten alles, was der europäische Kunde will - und wir bieten es für ein Drittel des hier üblichen Preises.

Ein paar Meter weiter geht Karl Knezar trotz dieser Kampfansagen nicht gleich zitternd in die Knie. Der Manager beim Stuttgarter Kabel-Konzern Lapp-Systems weiß nämlich, dass der große Angriff zum kleinen Preis noch nicht so schnell die Elektromobilität revolutionieren wird: "Die Chinesen finden so leicht in Europa keinen Partner. Denn auch ein Stecker ist nicht einfach banale Technik." Zwar erfüllen auch die neuen Konkurrenten durchaus die Regeln der TÜV-Zulassung, so Knezar. Aber der Experte rät Kunden, sich in einschlägigen Foren einmal nach Qualitäts-Zertifikaten umzuschauen. "Wer will schon ein 50.000-Euro-Elektroauto an ein No-Name-Kabel aus dem Internet hängen - aus dem dann nicht genug Strom fließt, das bald bricht oder gar den Akku überhitzt", fragt Knezar.

Damit erklärt der Manager, woran der große Durchbruch für E-Mobilität wohl noch etwas länger dauert. Die Technik drum herum hat oft noch mehr als einen Haken - und sei es der, dass sie schlicht zu teuer ist. Auf der Messe in München sind viele Beispiele dafür zu sehen.

Andre Dudda etwa zeigt da etwas, was sich viele Elektroauto-Fahrer schon lange wünschen: eine ganz normale Zapfsäule. Der Projektleiter beim französischen Konzern Tokheim präsentiert diese Schnellladesäule, die schon bald neben den Spritsäulen an x-beliebigen Tankstellen stehen soll. Richtigen Stecker rein, halbe Stunde vollladen und ab an die Kasse, wo der Elektrofahrer wie jeder andere mit seiner Kredit- oder EC-Karten zahlen kann. So einfach, so kompliziert. Denn Säulen und Abrechnungssoftware, die hat der Entwickler im Griff. Nur leider gibt es noch keinen Stromzähler, der die gezapften Mengen wie vom Eichamt verlangt erfassen kann. Den 50 kW-Gleichstrom von der Tankstelle wird es darum erst frühestens nächstes Jahr geben - wenn denn eine Spritkette die deutlich fünfstelligen Kosten für die Technik ausgeben will.

Induktives Laden vor der Serienreife?

Es gibt aber nicht nur "aaaaber" auf der E-Cartec. Siegfried Speck etwa ist optimistisch, dass seine technische Lösung schon bald ein Standard werden könnte, der der Elektromobilität zum Durchbruch verhilft. Der Ingenieur ist Chef des Unternehmens EAI - und seine Technik zum induktiven Laden steht kurz vor der Serienreife. Unter einem Testwagen der Post-Tochter Streetscooter hat Speck die Metallfläche zum Laden ohne Stecker schon montiert. Der Dauerbetrieb des Paketzustellers startet jetzt. Und weil auch andere Großkonzerne wie Siemens, Eon oder die Bahn mit an Bord sind, hat die Ladetechnik gute Chancen, bald unter viele E-Autos zu stecken. Das automatische Akkufüllen ohne Steckerfummelei im Parkhaus wird dann Wirklichkeit.

Zu den Optimisten auf der Messe zählt auch Michael Steiner. Kein Wunder: "Wir verkaufen ja jetzt schon 100.000 Elektrofahrzeuge im Jahr." Zahlen, von denen BMW, Nissan oder VW nur träumen können. Allerdings sind Steiners Fahrzeuge vor allem Gabelstapler, Marke Jungheinrich - und da ist der Elektroantrieb schon ein 30 Jahre alter Hut. In München hat der Entwickler allerdings ein Auto mit Straßenzulassung dabei: Der Mini-Hotrod von Wenckstern wird bald mit Jungheinrich-Technik rund um das Casino in Monaco oder in Hamburg Touristen als Rundfahrt-Untersatz dienen. "Wir tasten uns so an neue Kundenkreise für Elektromobilität heran - technisch beherrschen wir das", sagt Steiner.

Viel Konkurrenz für die Autobauer

Er bringt damit eine Botschaft auf den Punkt, die auf der E-Cartec deutlich wird: Es sind nicht nur die Apple, Google oder Teslas, die den traditionellen Autoherstellern künftig das Leben schwermachen werden. Auch Gaskonzern Linde, Stapler-Bauer Jungheinrich oder die Post arbeiten an eigenen Angeboten der Elektromobilität. Die großen Namen aus anderen Industrien könnten bald auch schon Normalkunden interessante Angebote machen.

Vielleicht sind es aber auch heute hierzulande noch unbekannte Marken - Shandong Xindayang Electric Vehicle etwa. Frank Lee, Manager des Unternehmens aus dem chinesischen Linyi, zeigt in München einen Kleinwagen von den Ausmaßen des Smart Fortwo, beledert, klimatisiert und mit Navi ausgestattet, vernetzt und natürlich elektroangetrieben. Als City-Car mit 160 Kilometer Reichweite sind allein 800 davon schon in Mailand im Carsharing unterwegs. Mit Unterstützung und Sonder-Parkrechten der Stadt, die sich gegen Konkurrenzangebote von Mercedes, VW und Fiat entschieden hat. "Wir sind jetzt schon in vier anderen italienischen Städten", sagt Lee. Und Deutschland steht auch im Eroberungsplan. Bei einem Kaufpreis von 14.000 Euro für den "ZD" könnte da was gehen - auch ohne Schnellladen oder Induktion.

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