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Fahrbericht Bentley Continental

Feinschliff für die Kronjuwelen

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Selbst ein Bentley muss ein bisschen mit der Zeit gehen. Deshalb haben die Briten ihre wichtigste Baureihe jetzt ganz dezent überarbeitet.
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Selbst ein Bentley muss ein bisschen mit der Zeit gehen. Deshalb haben die Briten ihre wichtigste Baureihe jetzt ganz dezent überarbeitet. Das Problem: Bei so viel Luxus und Leistung spürt man das Upgrade kaum.

Von Benjamin Bessinger/SP-X

Investitionen von vielen hundert Millionen, Heerscharen von neuen Mitarbeitern und das halbe Werk umgekrempelt – seit vier Jahren gibt es für Bentley nichts Wichtigeres als die bevorstehende Premiere des Bentayga. Doch bis der Geländewagen mal das meistverkaufte Modell der vornehmen VW-Tochter wird, gebührt diese Ehre noch dem Continental, dem die Entwickler deshalb auch noch einmal etwas Aufmerksamkeit widmen. Zwar ist die zweite Generation des sportlichen Luxusliners gerade erst vier Jahre alt und so ein profanes Wort wie "Facelift" kommt den Briten ohnehin nicht über die Lippen. Aber weil auch Kronjuwelen mal ein bisschen Feinschliff brauchen, wird der Besteller in diesem Sommer dezent aufgewertet.

Allerdings muss man schon sehr genau hinschauen, um die Änderungen zu erkennen. Bei so einem präsenten Design für Coupé und Cabrio kann man die neue Frontschürze mit dem etwas kleineren Grill, die weiter ausgestellten Kotflügel mit dem schnellen „B“ in den Kiemen, den retuschierten Heckdeckel und den geänderten Diffusor schon einmal übersehen. So opulent, wie der Innenraum ausgeschlagen ist, stechen die neuen Steppnähte auf den Sitzen, die sorgsam modifizierten Instrumente und die größeren Schaltpaddel am Lenkrad nun auch nicht ins Auge. Und dass in der Mittelkonsole jetzt eine neue Uhr thront, werden Bentley-Fahrer geflissentlich ignorieren. Dem Glücklichen schlägt schließlich keine Stunde.

Wie glücklich man an Bord eines Bentleys ist, merkt man spätestens beim Druck auf den Startknopf. Denn egal, ob unter der Haube der 4,0 Liter große V8-Motor mit 507 oder 528 PS steckt oder der W12 mit seinen 6,0 Litern Hubraum und jetzt 590 oder 635 PS – viel souveräner kann man sich mit einem Auto kaum fortbewegen.

Euro 6-Norm für alle vier Antriebsvarianten

Weil Bentley zwar nicht mit der Mode gehen muss, sich aber zumindest an die Gesetze halten sollte, hatten die Briten unter der Haube beim Feinschliff ein bisschen mehr zu tun und mussten alle vier Antriebsvarianten über die Hürden der Euro 6-Norm heben. Bei der Gelegenheit haben sie vor allem an der Grundversion des Zwölfzylinders ordentlich gearbeitet, die Leistung um 15 auf 590 PS gesteigert, das Drehmoment noch einmal um 20 Nm angehoben und zumindest fürs gute Gewissen den Verbrauch um fünf Prozent gesenkt. Dafür schaltet der W12-Motor im Teillastbetrieb wechselweise die rechte oder die linke Zylinderbank ab und fährt nur noch auf sechs Flammen.

Aber warum mit mageren 590 PS zufrieden geben, wenn man auch 635 Pferde traben lassen kann? Eben! Weil genug auch oder gerade in diesen Kreisen nie genug ist und Geld in der Regel keine Rolle spielt, legt traditionell fast jeder zweite Continental-Kunde noch einmal rund 20.000 Euro drauf. Dann kauft er für 216.104 Euro den Continental GT Speed und bekommt dafür zwei Autos in einem: Hier den feudalen Luxusliner, der opulenter ausgeschlagen und komfortabler abgestimmt ist als jedes andere Coupé diesseits des Rolls-Royce Wraith. Und da den wütenden Wadenbeißer, der jeden Lamborghini locker vor sich her scheucht. Und das Beste daran: Für den Wechsel vom einen ins andere Extrem braucht es kaum mehr als ein paar Millimeter Pedalweg und den Griff zum Schaltknauf, den man eine Raste weiter in die Sportstellung schiebt.

Dann fängt der eben noch so vornehme Zwölfzylinder plötzlich lustvoll an zu grölen. Sobald die famose Achtgang-Automatik herunterschaltet oder man den Fuß ein wenig lupft, grollt es in den beiden Endrohren, als würde gleich ein gewaltiges Gewitter aufziehen. Und als wäre die Schwerkraft auf Knopfdruck mal eben außer Dienst gestellt, schwänzelt der 2,3 Tonnen schwere Brite mit seinem Allradantrieb plötzlich so behände durch die Kurven wie ein Elefant im Eiskanal.

In 4,2 Sekunden auf Tempo 100 ist

Am imposantesten ist aber der Spurt auf einer langen Autobahngerade: Wenn man in 4,2 Sekunden auf Tempo 100 ist, in 9,0 schon 160 und einen gefühlten Augenblick später 330 Sachen auf dem Tacho hat, wähnt man sich in einem Jumbo beim Start. Nur dass sich dieser Tiefflieger immer fester an die Fahrbahn saugt, statt seine breite Schnauze in den Himmel zu heben. Aber weil auch die längste Gerade einmal zu Ende geht und weil man selbst mit Allradantrieb und der strammsten Programmierung für die Luftfederung mit so einem Koloss nicht ganz so ungeniert durch die Kurven stechen kann, haben die Briten nicht minder imposante Bremsen eingebaut: Karbon-Keramik-Scheiben groß wie Pizzateller entwickeln eine derart vehemente Verzögerung, dass einem die Augäpfel gegen die Frontscheibe knallen wollen und aus den Radkästen genug Hitze entweicht, dass man damit für mehrere Stunden ein Einfamilienhaus heizen könnte. Sorge um das körperliche Wohlbefinden ist bei solchen extremen Erlebnissen aber überflüssig. Denn egal wie wild man es treibt, genügt ein Knopfdruck und die klimatisierten Massagesessel kurieren jede temporäre Verspannung.

Luxus und Leistung im Überfluss und eine Liebe zum Detail, die man bei kaum einem anderen Hersteller findet – klar, wird eine Fahrt im überarbeiteten Continental so zum Fest der Sinne und man kann im Rausch des Rasens schon einmal übersehen, dass auch ein Auto für 200.000 Euro aufwärts nicht perfekt ist. Und wahrscheinlich hätte es die Ingenieure auch nicht überfordert, noch schnell ein paar USB-Ports einzubauen, ein flotteres Navigationssystem zu programmieren oder dem elektrischen Heckdeckel Beine zu machen. Doch für solche Lappalien fehlt ihnen in Crewe gerade offenbar Sinn und Zeit – schließlich dauert es nur noch ein paar Monate, bis endlich der Bentayga kommt.

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