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Ausgabe 09/2017

Dornröschens digitaler Weckruf

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© AUTOFLOTTE

Alle Mercedes-Benz-Pkw ab Baujahr 2014 sind telematikfähig - ohne Umbau. Daimler startet nun mit drei Grundversionen, die mehr Appetit in den Pkw-Flotten für Datendienste machen sollen.

_ Telematik ist der Herzschlag der Flotte - sofern sie rein gewerblich unterwegs und auf die Größe von Transportern oder Lkw dimensioniert ist. Im Pkw - gerade im User-Chooser-Bereich - ist das Auto Dienstwagen und Incentive für die private Mobilität. Entsprechend verschwommen sind die Grenzen zwischen der permanenten Überwachung durch die Firma und der Privatsphäre des Mitarbeiters. Beides gehört natürlich getrennt, findet aber im gleichen Mobil statt. Die Potenziale vor Augen, aber den Abgrenzungsdruck stets spürend bleibt für viele Fuhrparkmanager Telematik nur eine Nische im Pkw-Bereich. Aber die digitalen Komponenten der modernen Fahrzeuge erlauben zahlreiche Möglichkeiten, die zumindest ohne zusätzlich verbaute Datenboxen erste Wege ebnen.

Fleetboard-Erbe

So will beispielsweise Daimler diesen Bereich deutlich ausbauen. Für diese Pläne sprechen zwei Dinge: die Kompatibilität für Telematik aller Fahrzeuge mit Stern ab dem Baujahr 2014 und die Erfahrung im Lkw-Bereich mit Fleetboard. Die neue Marke "connect business" aus dem eigens geschaffenen Geschäftsbereich Mercedes-Benz Connectivity Services soll nun dabei helfen, die Branche aus ihrem Telematik-Dornröschenschlaf zu wecken. Dafür fühlt sich Geschäftsführer Christoph Ludewig gut gewappnet, wie er im Gespräch mit Autoflotte verrät: "Die neuen Dienste von 'connect business' sind speziell auf die Pkw-Flotten ausgerichtet. Im Lkw-Bereich sind Telematikdienste wie Fleetboard seit Jahrzehnten gesetzt, im Pkw-Flottenbereich wird der Nutzen ebenfalls zunehmend erkannt."

Ludewig, der selbst viele Jahre zum Management von Fleetboard zählte, weiß um beides, den wirtschaftlichen Nutzen für die Flotte und die berechtigten Fragen rund um den Datenschutz. Dieser Nutzen beschränkte sich bislang bei Pkw-Kunden meist auf Convenience-Dienste, wie das Auto per App zu lokalisieren oder die Standheizung fernzusteuern. Telematik und Konnektivität waren also längst kein Must-have."Dennoch haben sich Pkw-Fuhrparkmanager in den

letzten Jahren immer stärker für die Steuerungspotenziale von Telematikdiensten interessiert. Man hat erkannt, wie man mit intelligenter Kombination von Daten die Kosten der Flotte aktiv steuern kann", berichtet der Manager. Ein Beispiel hierfür ist der passende Reifendruck, den der Flottenmanager dank Telematik per Mausklick für die gesamte Flotte überprüfen und bei Minderdruck direkt den Dienstwagenfahrer informieren kann.

Grundfunktionen

Aber die Daimler- Lösung kann natürlich noch mehr. Zunächst startete man im April dieses Jahres mit drei Grundfunktionen, wie Sten Rauch, Leiter Produktmanagement & Operations Connectivity Services, erklärt: "Der Kunde schließt zunächst einen Rahmenvertrag ab und kann seine Services anschließend online ohne Mindestvertragslaufzeit aktivieren. Zum einen gibt es den Dienst Vehicle Monitoring & Maintenance. Hier verfolgen wir die Kilometerstände, die Kraftstoffverbräuche und die Wartungstermine aller Flottenfahrzeuge."

Der zweite Service umfasst alle Fragen zum aktuellen Standort der Fahrzeuge, was unter dem Label "Vehicle Logistics" zusammengefasst wird. Rauch erklärt:"Mit Hilfe der GPS-Daten stellen wir beispielsweise den Standort des Pkw auf einer Karte dar. Wer einen gewissen Bereich festlegen möchte, den das Fahrzeug nicht verlassen sollte, ohne dass der Fuhrparkleiter informiert wird, kann dies mit der Funktion Geofencing tun." Ein digitales Fahrtenbuch ist über Connect Business ebenfalls darstellbar. Dieses nennt sich "Digital Driver's Log"."Hier haben wir uns an die Vorgaben des Bundesministeriums für Finanzen gehalten, wohl wissend, dass - wie bei jeder Lösung - die Fahrer dann final das Okay von ihren lokalen Finanzämtern einholen müssen", bestätigt Rauch.

Digitales Fahrtenbuch

Im Grunde sind diese drei Dienste nichts Spektakuläres, aber der Zuspruch ist groß. "Bereits vor dem Marktstart im April gab es seitens der Kunden große Nachfrage und eine gewisse Erwartungshaltung", berichtet Rauch. Um voneinander zu lernen, steht der Anbieter seit dem Start im ständigen Kontakt mit seinen Kunden.

Und diese fragen laut Geschäftsführer Ludewig die drei Dienste zu gleichen Teilen nach, und zwar unabhängig von der Flottengröße. Gewisse Präferenzen gibt es dennoch: "Interessanterweise nutzen die kleinen Fuhrparks etwas mehr als die Großflotten das digitale Fahrtenbuch", erzählt Rauch und schickt seine Erklärung dafür gleich hinterher: "Von Tag eins an begleitete mich in jedem Kundengespräch die Frage nach dem Datenschutz. Deshalb war für uns klar, dass der Dienstwagenfahrer selbst die Hoheit darüber haben muss, wann Daten erhoben werden. Hierfür reicht es, in unserer App den Modus 'Privatfahrt' einzustellen." Die vorherigen nötigen Abstimmungen mit der jeweiligen Unternehmensführung, dem Betriebsrat und den Mitarbeitern gehen in der Regel in kleineren Firmen rascher voran, was deren momentan stärkeres Interesse hierfür erklärt. Generell werden die Datenfragen über das Konstrukt der Auftragsdatenverarbeitung geregelt. "Das heißt, dass wir die Daten des Kunden in seinem Auftrag verarbeiten", erläutert Ludewig. Die Nutzungsrechte der Daten bleiben damit immer beim Unternehmen selbst. Im Gegenzug ist das Unternehmen gefordert, intern zu klären, dass es die Daten seiner Mitarbeiter erheben und auswerten darf. Mercedes-Benz Connectivity Services selbst darf nur anonymisierte Daten auswerten und nutzen, wenn nichts anderes im Rahmenvertrag vereinbart ist.

Erste Nutzer

Vertrieben wird das neue Angebot im Moment über die Mercedes-Benz Niederlassungen und das GmbH-eigene Vertriebsteam. So übernahm im Kundencenter Rastatt Stefan Möbius, Geschäftsführer von Möbel-Montage-Möbius, Anfang Juni

die ersten fünf von insgesamt 40 Mercedes-Benz A-Klasse-Fahrzeugen, die alle den Telematikdienst nutzen sollen, entgegen. "Als bundesweit agierender Dienstleister in der Möbellogistik, der auch in Italien, Frankreich, Spanien und der Schweiz aktiv ist, müssen wir bei Bedarf auch kurzfristig vor Ort sein. Unsere neue A-Klasse-Flotte gibt uns diese Flexibilität. Mit den digitalen Lösungen von 'connect business' können wir unsere Kapazitäten und den Einsatz der Fahrzeuge optimal planen, wovon am Ende nicht nur wir, sondern auch unsere Kunden profitieren", begründet Geschäftsführer Stefan Möbius die Kaufentscheidung.

Dass andere Flotten ähnlich argumentieren werden, ist für Christoph Ludewig nur logisch. Der Geschäftsführer rechnet künftig mit einer steigenden Anzahl von Flottenbetreibern, die nicht allein ihre Pkw, sondern gleich ein Öko-System von passenden Dienstleistungen einkaufen werden. "Dafür legen wir nun den Grundstein", so Ludewig. Mittelfristig soll die Relevanz in Deutschland, aber auch in Europa erhöht werden. Was gleichzeitig bedeutet, dass die Anzahl der Dienste deutlich wachsen wird. Details wollte man aber noch nicht nennen. Kein Geheimnis ist indes, dass das Produkt auch als Mehrmarkenlösung umgesetzt werden soll.

Einsatzfähige Pkw

"Bislang können die Dienste in allen Mercedes-Benz Pkw ab dem Baujahr 2014 genutzt werden. Für ältere Modelle und andere Marken braucht es allerdings Nachrüstlösungen, die wir in den kommenden Monaten anbieten werden", erklärt Rauch. Ausschließen kann er klassische Stecker für die OBD-II-Schnittstelle. "Unsere Hardwarelösungen werden tiefer im Auto verbaut, da sie mehr Daten zuverlässig auslesen müssen. Der Hardwaretyp richtet sich dann nach dem jeweiligen Dienst, so dass es für einfach umzusetzende Dienste auch einfache und kostengünstige Hardware geben wird", blickt Rauch voraus.

Das offene Konzept sieht zudem eine Schnittstelle für Dritte vor:"Wenn der Kunde seine Daten an einen weiteren Dienstleister weitergeben will, wird dies über eine Datenschnittstelle möglich sein. Gleichzeitig kümmern wir uns um das passende Datenschutzkonzept im Hintergrund", betont Ludewig. Damit kommen künftig über neue Wege recht unkompliziert neue Dienste in die Pkw-Flotten, so dass Telematik auch für sie zum Herzschlag werden könnte.

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