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Ausgabe 05/2019

Kalkulieren mit KI

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© AUTOFLOTTE

Das Unternehmen Control Expert testet derzeit im Realbetrieb eine spezielle Software-Anwendung zur automatisierten Kalkulation von Blech- und Lackschäden. Die ersten Ergebnisse sind vielversprechend.

Nahezu jeder Fuhrparkmanager hat Erfahrung mit Parkremplern. Dementsprechend alltäglich sind Telefonanrufe oder Spontanbesuche in der Werkstatt à la "Ich habe am Fahrzeug XY hinten eine Delle. Was kostet das?". Für die Händler ist das mitunter ein Dilemma: Die kaufmännischen Mitarbeiter am Empfang und am Telefon sind in der Regel keine Kfz-Experten, die Serviceberater haben oft nicht sofort Zeit, aber die Kunden wollen schnellstens eine fundierte Antwort.

Geht es nach Control Expert, einem Spezialisten rund um Digitalprozesse im Schadenmanagement, ist eine solche Schnell-Prognose zur Schadenhöhe schon bald Standard. Der Digitalisierungsexperte aus Langenfeld bei Köln arbeitet derzeit an einer Software-Anwendung namens "Speed Check". Hierbei handelt es sich um eine browserbasierte Software zur Echtzeit-Schadenkalkulation für Lack- und Karosserieschäden."Mit Speed Check wollen wir helfen, Prozesse zu beschleunigen", erklärt Vertriebsleiter Henrik Lange.

Rechner, Tablet oder Handy

Und so funktioniert der Speed Check: Der Nutzer, beispielsweise ein Autohaus-Mitarbeiter am Empfang oder im Callcenter, loggt sich über eine Anmeldemaske im Browser seines Rechners, Tablets oder Smartphones in das System ein. Danach gibt er in ein Suchfeld die Fahrzeugidentifikationsnummer oder den Modelltyp über eine Freitextsuche ein. Das Programm generiert daraufhin ein 3D-Modell des Fahrzeugs mit verschiedenen Schadenzonen. Je nach Fall klickt der Mitarbeiter eine Zone - etwa die Motorhaube - an und wählt in einem Fenster eine von mehreren Schadenkategorien. Diese reichen im Fall der Motorhaube von "leichte Kratzer" bis hin zu "zerstört".

Hat der Mitarbeiter alle Schäden vermerkt, ermitteln selbst entwickelte Algorithmen einer Künstlichen Intelligenz (KI) eine Kostenprognose für Teile, Arbeit und Lack. Deren Berechnungsgrundlage sind die Stundenverrechnungssätze beispielsweise eines Autohauses, die Herstellervorgaben sowie Millionen Fälle mit ähnlichen Schadenbildern aus den Datenbanken von Control Expert. Dank dieser historischen Vergleichsdaten kann die KI auf Erfahrungswerte zurückgreifen und zum Beispiel berücksichtigen, dass bei Modell XY eine tiefe Delle in der Stoßstange zu 99 Prozent auch einen Schaden am Kühler bedeutet.

Noch in der Testphase

Aktuell befindet sich der Speed Check bei zehn Autohäusern im Testbetrieb. Deren erstes Fazit fällt weitestgehend positiv aus. "Das ist auch für Laien sehr einfach zu bedienen. Man braucht dazu keinerlei Karosseriewissen", urteilt Lars Fischer, Geschäftsführer des Autohauses Fischer & Bourtscheidt. Das berichtet auch Thomas Wagner, Serviceleiter bei Orth Automobile: "Das klappt auch ohne Fachwissen und vereinfacht den Schadenprozess deutlich."

In beiden Unternehmen nutzen bislang aber ausschließlich Serviceberater vor Ort die Anwendung. Kommt ein Kunde mit ins Autohaus, begutachten diese zusammen das Fahrzeug und tragen die Schäden für eine erste Prognose in den Speed Check ein. Das Ergebnis bildet die Basis des weiteren Kundengesprächs. Zudem lässt sich die erste Berechnung direkt in Kalkulationssysteme übertragen und weiter bearbeiten. "Das spart eine Menge Zeit und kommt bei den Mitarbeitern dementsprechend gut an", berichtet Wagner.

Geeignet für kleinere Schäden

Im nächsten Schritt sei denkbar, dass die Serviceassistenten diesen Arbeitsschritt übernehmen, um die Serviceberater noch stärker zu entlasten, meint er. Auch eine erste Auskunft am Telefon sei denkbar. Völlig ohne Serviceberater gehe es aber nicht, da fast immer geklärt werden müsse, ob ein Kasko- oder Haftpflichtschaden vorliegt und ob sich eine Reparatur überhaupt lohnt. "Die Kunden brauchen jemanden, der ihnen mit Rat und Tat zur Seite steht", sagt Wagner.

Der Check ist nach Ansicht der Tester in seiner Prognose meist sehr akkurat, aber nicht universell für alle Schäden einsetzbar. Als Größenordnung nennen die meisten rund 2.000 bis 3.000 Euro. "Speed Check spart mir bei der Abwicklung von Bagatellschäden enorm Zeit ein, so dass ich für die Betreuung meines Kunden wieder mehr Zeit habe. Bei komplexeren Schäden, wie zum Beispiel Totalschäden, ist aber eine intensivere Betrachtung durch einen Kfz-Experten nötig", sagt Fischer. Perspektivisch soll das Tool noch mit weiteren Funktionen angereichert werden.

Control Expert plant zum Beispiel, eine automatische Bilderkennung zu integrieren. Damit müsste etwa der Serviceassistent die Schäden nicht mehr manuell an einem 3D-Modell eintragen, sondern nur noch abfotografieren. Eine KI identifiziert dann Dellen und Kratzer und kalkuliert automatisch die Schadenhöhe. Daneben arbeiten Entwickler daran, die technischen Voraussetzungen zu schaffen, um Telematikdaten der Fahrzeuge zu nutzen. "Damit wüsste das Autohaus die Schadenhöhe, noch bevor der Kunde aus seinem Auto ausgestiegen ist", sagt Marketingleiterin Beatrix Paeßens. Zusätzlich plant der Anbieter, den Speed Check als White-Label-Lösung anzubieten. Damit könnten Betriebe ihn im Rahmen der Online-Terminvereinbarung oder einer Kunden-App für Flottenkunden anbieten. Das soll helfen, Reparaturen besser zu planen und Ersatzteile rechtzeitig bereitzustellen.

Control Expert

Das Langenfelder Unternehmen hat sich auf Digitalisierung im Schadenmanagement spezialisiert und prüft für Versicherer automatisiert Gutachten, Kostenvoranschläge und Rechnungen. Zu den Kunden zählen Leasinggesellschaften und Hersteller. Insgesamt verarbeiteten sie bislang 50 Millionen Vorgänge.

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