suchen
Abgas-Manipulationen

Renault wehrt sich gegen Verdacht

1180px 664px
Durchgesickerte Details aus einem Bericht der Pariser Anti-Betrugs-Behörde bringen den Autobauer Renault in Bedrängnis.
©

Abgas-Vorwürfe bei Renault: Enthüllungen aus einem vertraulichen Bericht französischer Anti-Betrugs-Ermittler setzen den Autobauer unter Druck. Doch der sieht sich zu Unrecht beschuldigt.

Von Sebastian Kunigkeit, dpa

Hat Frankreich nun auch einen Abgas-Skandal? Durchgesickerte Details aus einem Bericht der Pariser Anti-Betrugs-Behörde bringen den Autobauer Renault in Bedrängnis. Die Rede ist von betrügerischen Strategien, um die Ergebnisse von Abgastests bei der Fahrzeugzulassung zu verfälschen. Investoren reagierten nervös, der Aktienkurs lag am Freitag sieben Prozent niedriger als vor den Enthüllungen am Mittwoch.

Der Autobauer ist empört und sieht sich zu Unrecht in die Ecke gestellt. "Renault verdient keinesfalls die Behandlung, die es seit einigen Stunden erfährt", sagte Thierry Bolloré, der für Wettbewerbsfähigkeit zuständige Renault-Manager. "Wir sind schockiert, entsetzt und sogar wütend." In einem Interview der Zeitung "Le Figaro" weist er die Vorwürfe kategorisch zurück: "Renault hat nicht geschummelt, hat nicht getäuscht."

Hintergrund sind Untersuchungen, die Frankreich nach dem VW-Abgasskandal angesetzt hatte. 2015 war bekannt geworden, dass der deutsche Autobauer mit einer Software Abgastests manipuliert hatte - der Fall hatte Schockwellen durch die Industrie geschickt.

Installation einer betrügerischen Einrichtung?

Schon seit Monaten war bekannt, dass die Pariser Anti-Betrugs-Behörde ihre Erkenntnisse zu Renault-Fahrzeugen an die Justiz übergeben hatte. Seit Januar prüfen Ermittlungsrichter den Verdacht einer Täuschung. Doch die Zeitung "Libération" und weitere französische Medien nannten nun erstmals Details der Vorwürfe. Demnach heißt es in dem Behördendokument: "Diese Ergebnisse lassen die Installation einer betrügerischen Einrichtung vermuten, um Stickoxid-Emissionen unter den spezifischen Bedingungen der Zulassungstests zu reduzieren und so die ordnungsgemäßen Grenzwerte einzuhalten."

Laut der Wirtschaftszeitung "Les Echos" wird Renault verdächtigt, seine Abgasreinigung so eingestellt zu haben, dass sie bei den standardisierten Labortests perfekt funktioniert, unter anderen Bedingungen aber nicht. Insgesamt seien 900.000 Fahrzeuge betroffen. Die Behörde des Wirtschaftsministeriums spreche von einer "bewussten und vorsätzlichen" Strategie. Das Amt selbst äußerte sich nicht zum Inhalt seines Berichts. Renault gab an, keinen Zugang zu dem Dokument zu haben. Renault-Manager Bolloré sagte, der Autobauer habe keine Betrugs-Software eingesetzt: "Renault-Autos sind niemals mit solchen Systemen ausgestattet worden."

Die Abgasreinigung bei Autos ist seit dem Bekanntwerden des VW-Skandals ein viel diskutiertes Thema. Im Realverbrauch sind die Emissionen oft deutlich höher als im Labor - das hatten Messungen in Frankreich auch für Renault-Modelle gezeigt.

Rechtsvorschriften lassen Grauzonen

Die Rechtsvorschriften lassen den Herstellern Grauzonen: Unter bestimmten Bedingungen ist es nach EU-Recht etwa zulässig, die volle Reinigung der Abgase in einigen Situationen auszusetzen. Eine solche Abschalteinrichtung darf etwa genutzt werden, um bei niedrigen Temperaturen empfindliche Bauteile zu schonen. Umweltverbände kritisieren dies jedoch als Schlupfloch. Ab Herbst sollen schrittweise neue Regeln für realistischere Zulassungs-Tests greifen.

Die Behörden in Frankreich prüfen im Fall Renault den Verdacht einer Täuschung der Verbraucher über die zentralen Eigenschaften des gekauften Produkts. Dafür kann eine Strafe von bis zu zehn Prozent des durchschnittlichen Umsatzes der letzten drei Jahre drohen. Der Bericht soll die mögliche Maximalstrafe für Renault auf 3,58 Milliarden Euro beziffern.

Analysten der Großbank Société Générale sahen nach den Enthüllungen aber keinen Anhaltspunkte dafür, dass Renault tatsächlich rechtliche Konsequenzen drohen. "Es war lange ein schmutziges kleines Geheimnis der Industrie, dass alle Autobauer mit dem System spielen, und die Behörden haben ihnen weiten Spielraum gegeben", schrieben sie in einer Studie. "Wir glauben nicht, dass Renault gegen das derzeitige Recht verstoßen hat (...)."

Belastung für das Image

Für das Image des Konzerns könnten die Vorwürfe dennoch zur Belastung werden. Dabei hat Renault wirtschaftlich ein gutes Jahr hinter sich: Der Gewinn legte um 21 Prozent auf 3,4 Milliarden Euro zu. Bei Elektroautos gilt Renault in Europa als Vorreiter. Das Unternehmen verweist zudem darauf, dass es seit Mitte 2015 bereits Schritte ergriffen hatte, um bei den realen Emissionswerten besser zu werden.

Eine klare Antwort auf die Frage, ob Renault in der Abgasfrage echte Probleme drohen, dürften letztlich nur die Ermittlungen bringen. Und die könnten sich angesichts der technischen Komplexität hinziehen. Manager Bolloré sagte, dass Renault bislang noch gar nicht von den Ermittlungsrichtern kontaktiert worden sei.

360px 106px

Mehr

Mehr zum Thema Abgas-Skandal:






Ihr Kommentar zum Artikel

© Copyright 2017 Autoflotte online

Schon gelesen? Die Top-Nachrichten

img
VW-Sondermodelle

Vernetzt und beheizt

Unter dem Namen "Join" bietet VW nun gleich acht Sondermodelle an. Und setzt dabei vor allem auf Vernetzung.


img
Fahrbericht BMW i3s

Der Stark-Stromer

Vier Jahre nach dem Debüt des i3 spendiert BMW seinem Elektroauto nicht nur ein Facelift, sondern erweitert die Baureihe auch durch eine sportlichere S-Version.


img
EuroNCAP 2018

Schärfere Anforderungen

Mit Hilfe von Assistenzsystemen sollen Autos immer besser darin werden, Unfälle zu verhindern. Deshalb setzt EuroNCAP ab nächstem Jahr die Anforderungslatte für...


img
Opel Grandland X

Flottes Arbeitstier

ANZEIGE: Der neue Opel Grandland X garantiert mit seinen erstklassigen Assistenz- und ­Komfort-Features nicht nur im Arbeitsalltag Sicherheit und Fahrspaß.


img
BVF-Chef

"Diesel ist nicht so leicht ersetzbar"

Besonders gewerbliche Kunden kaufen nach wie vor Diesel-Fahrzeuge. Fuhrparkmanager spielen dabei eine wichtige Rolle - und sagen klar, dass sie auf den Diesel nicht...