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E-Mobil-Rallye

Kona der Langläufer

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Bereits zum zehnten Mal fand im Norden Deutschlands die Nordeuropäische E-Mobil-Rallye statt.
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Autoflotte war auf der Nordeuropäischen E-Mobil-Rallye am Start. Mit dem Hyundai Kona Electric kamen wir auch ins Ziel. Nicht ganz vorn. Schuldiger: die Technik natürlich.

Von Michael Blumenstein/Autoflotte

Bereits zum zehnten Mal fand im Norden Deutschlands die Nordeuropäische E-Mobil-Rallye statt. Die sympathische Ausfahrt mit Sonderprüfungen, Chinesenzeichen und Fischgräten ist mittlerweile zwar keine Ausnahme mehr, denn Rallyes mit Elektroautos gibt es viele. Doch sie gehört zu den etablierten, leistbaren und keineswegs überkandidelten. Zu einer guten Organisation gehört jedoch vor allem auch Können. Das Organisatoren-Paar Bettina und Ingo Buck haben Ahnung von dem, was sie tun. So ist das Wichtigste – die Strecke – auch 2019 hervorragend gewählt.

Start in Lübeck

Der Startschuss fiel im Hof der Lübecker Stadtwerke. Nicht ohne Hintergedanke, können dort die E-Fahrzeuge schnell via CCS oder Chademo und etwas gemächlicher, dafür Akku-schonender, mit weniger starken Lademöglichkeiten auf Anschlag gebracht werden. Bei einigen der teils skurrilen Elektro-Umbauten, wie einem NSU Prinz oder dem DDR-Laster Barkas (aus Karl-Marx-Stadt), der eine 30 kWh-Batterie samt kräftigen E-Motor implantiert bekam, war jede Wattstunde hilfreich. Denn an den zwei Fahrtagen ging es jeweils rund 140 Kilometer ohne Zwischenladung durch bildschöne Landschaften. Team Autoflotte fuhr den Hyundai Kona Electric. Keine schlechte Wahl. Denn Zwischenladen und Leistungsmangel sind für uns damit hinfällig.

Aber von vorn. Team Autoflotte wurde zu Team Autoflotte, da ich, Michael Blumenstein die Chance bekam, an der E-Rallye teilzunehmen. Mein Copilot: Thomas-Markus Leber. Er ist stellvertretender Fraktionsvorsitzender der FDP-Fraktion in Lübeck. Mein erster Gedanke: Politiker?! Aber mir war bewusst, dass es Schlimmeres gibt. Dem war selbstverständlich so, denn Thomas ist nicht nur aufgeschlossen, freundlich, witzig und ein angenehmer Mensch. Thomas ist auch der vielleicht beste Co-Pilot, den man sich auf einer (E-) Rallye wünschen kann. Denn erstens kennt er sich auf den Strecken zwischen Lübeck, Travemünde und Schwerin bestens aus. Zweitens kann er einem Südlicht (ist das das Pendant zum Nordlicht?) wie mir viel zur Region erzählen. Drittens verwebt er es geschickt und amüsant mit politischen Themen und viertens hat er sich im Vorfeld das Roadbook angesehen, fast eine komplette Nacht die Strecke via Goole-Maps abgefahren, Notizen und Gedanken gemacht, wie wir alles bezwingen werden. Perfekt! Danke dafür. Es war in der Tat die beste Vorbereitung auf eine Rallye, die ich je erlebt habe. Mein Gefühl daher: Podiumsplatz. Mit einem 204 PS starken Kona (übrigens ab 32.800 Euro netto), der angeblich 449 Kilometer schafft und einem Beifahrer, der nicht nur Vorarbeit leistete, sondern selbst auch zig Rallyes absolvierte – mehrfach auch bereits diese E-Rallye. Was soll schiefgehen?

Rund 35 Teams, vier aus China, starten am Samstagvormittag also an den Lübecker Stadtwerken, eingebremst durch gefühlt ein Dutzend Sonderprüfungen, um am Abend in Schwerin anzukommen. Mit dabei sind die üblichen Gleichmäßigkeitsfahrten, die beispielsweise auf den Parkplätzen des in Ruhestellung verharrenden Lübecker Flughafens absolviert wurden. Aber es geht nicht immer nur um gleichmäßiges Fahren. Flott musste man ab und an auch sein, was die Piloten mit dem umgebauten Barkas, aber auch China-Team in einem geliehenen Citroen Mehari immer mal wieder zu spüren bekamen. Leistung ist auch bei einem E-Auto durchaus vorteilhaft.

Flüsterleise die Natur genießen

Es ging jedoch nicht nur um das flüsterleise und emissionsfreie Fahren, bei dem man die Natur mit geöffnetem Fenster noch besser genießen kann als bei einer Klassiker-Rallye, bei der es eben auch um Motorsound geht. Teil der Nordeuropäischen E-Mobil-Rallye ist es, nachhaltige Projekte zu erleben. So zum Beispiel das Solarzentrum Mecklenburg-Vorpommern in Wietow. Ein Haus mit angeschlossenem Hotel, das völlig autark ist. Im Nebengebäude demonstriert uns der Vorsitzende Ditmar Schmidt, dass er in seinem Gebäude fünf Klimazonen darstellen kann und dementsprechende Ernten generiert. Strom wird aus der Sonne bezogen. Das alles gelingt bereits seit 2002. Dass es vor Ort keinen Strom für Elektro-Fahrzeuge gibt, stört uns im Kona Electric nicht, verwundert aber doch.

Weiter geht die Reise nach Wismar und von dort direkt ins Herz von Schwerin – Tagesziel. Und so schön. Weniger schön ist es, dass es auch in Schwerin keine – ja, keine – Schnellladesäule gibt, die rund um die Uhr und am Wochenende nutzbar ist. Hier und da kann man bei Autohäusern laden – während der Öffnungszeiten; in einem Parkhaus klappt das auch, sofern der Pförtner vor Ort ist und die Ladekarte aushändigt, oder an manch einem Hotel. 3,7 kW ist jedoch das Maximum. Für Übernacht-Touristen kein Problem. Durchfahrende bleiben eventuell länger in Schwerin und fühlen sich in einer anderen Zeit. Kein Wunder, dass E-Mobilität in vielen Teilen der Republik nicht ankommt.

Wir konnten am Wemag Batteriespeicher laden. Dort wurde 2014 der größte Batteriespeicher Europas fertiggestellt. Mittlerweile ist er mit einer Kapazität von 14,5 Megawattstunden noch immer mächtig, aber nicht mehr der größte auf unserem Kontinent. Er sorgt dafür, dass der Strom auch dann vorhanden ist, wenn ein Blackout eintreten sollte. Die rund 55.000 Batteriezellen stellen sicher, dass während eines länger anhaltenden Stromausfalls die wichtigsten Funktionen in Schwerin betriebsbereit sind. Denn laut Aussage von Geschäftsführer Tobias Struck liegt Mecklenburg-Vorpommern und damit auch die Landeshauptstadt am Ende der europäischen Welt – was die Stromversorgung anbelangt. Der Stromspeicher stellt indes sicher, dass bei einem richtigen Blackout innerhalb eines Tages die Stromgrundversorgung der Stadt gesichert ist und somit kein Chaos eintritt, was Szenarien ab dem zirka dritten Tag ohne Strom vorhersagen. Damit die Technik funktioniert, werden die Batterien ständig zwischen 20 bis 80 Prozent durchgeladen. Da kommen die 35 Stromfahrzeuge gerade Recht. Über Nacht schätzt Struck, dass etwa 100 kW von den E-Mobilen gezogen werden. Der Hyundai Kona Electric, der lädt wieder einmal nicht.

Bildergalerie

Am Sonntag starteten wir auf die letzten Etappen, und bewegten uns irgendwo im vorderen Drittel. Und auch die ersten vier Wertungsprüfungen (WP) des Tages liefen vielversprechend. Thomas sagte an, ich folgte. Bei WP 18 verließ uns dann aber unser Glück oder unser Können. Beim Start in die Atomzeituhr gestartete Prüfung startete unsere interne Stoppuhr nicht. Zwar wussten wir, dass unsere Startzeit exakt 11:17 Uhr war und wir vier Minuten Zeit haben, aber wir wussten nicht, wann diese exakt vorbei waren. Nach etwa zwei Minuten des Rollens, Ärgerns und Zweifelns die zündende (oder elektrisierende) Idee. Wir verwendeten die Atomuhr im world wide web – die muss ja auch exakt sein. Also Handy gezückt und www.atomuhr.de eingegeben. Ha, das klappt. Punkt 11:21 Uhr Lichtschranke durchfahren, das sollte machbar sein. Fünfzehn Sekunden vor Zeitende stockte Thomas beim Runterzählen und brüllte: "fünf, fünf!". Das waren plötzlich die Sekunden bis zum Finale. Der Weg war noch weit. Pedal to the Metal und der Kona sprang mit einem Satz nach vorn. Gleichzeitig verstummte Thomas wieder: "Ne, doch noch fünfzehn"… Da waren wir dann schon durch. Da das Mobilfunknetz durchaus auch defizitär ist, zählte die Atomuhr nicht so runter, wie die Atomuhr in Braunschweig läuft. Maximalstrafpunkte für Team Autoflotte.

Platz neun, wir sind ein bisschen stolz

Um kurz vor 15 Uhr fuhren wir in Neustadt in Holstein auf den Parkplatz, entfernten die Rallye-Aufkleber und gingen in Richtung Siegerehrung. Platz neun sprang am Ende für Team Autoflotte heraus. Potenzial haben wir also noch. Da aber der Spaß, die Natur und die Menschen auf der Nordeuropäischen E-Mobil-Rallye im Fokus stehen, haben wir das Ziel zu 100 Prozent erreicht. Für mich war es sicherlich noch spannender als für Thomas, der ja sowohl die Rallye, als auch die Region kennt. Neu war für ihn vor allem ich. Und der Hyundai Kona Electric, den wir nach 319 Rallye-Kilometern mit einer Restreichweite von 160 abgestellt haben. Etwas geschummelt haben wir. Am Batteriespeicher haben wir ihn für ein paar Minuten an die 11-kW-Ladesäule gehängt – sicher ist sicher, dachten wir.




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