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Fahrbericht Aston Martin DBX

Sportwagen trifft SUV

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Der DBX, das erste SUV von Aston Martin, gilt als Hoffnungsträger für den gebeutelten Sportwagenbauer.
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Weniger protzig als Bentley und lange nicht so peinlich wie Lamborghini: Bislang war Aston Martin auf einen tadellosen Auftritt bedacht. Doch mit dem DBX wird es jetzt auch beim stilsichersten Sportwagenhersteller schmutzig und die Briten wirbeln reichlich Dreck auf.

Von Benjamin Bessinger

Nachdem sich Aston Martin bislang als beinahe letzter Luxushersteller dem SUV verwehrt hat, beugen sich nun auch die Briten dem ungebrochenen Run auf die Buckelpiste und schicken ihren ersten Sportwagen in den Schlamm. Mit dem DBX wollen sie ab diesem Herbst zu Netto-Preisen knapp unter 160.000 Euro die Liga der leistungsstarken Luxusgeländewagen aufmischen und gegen Bentley Bentayga, Lamborghini Urus und die potenten Versionen des Porsche Cayenne antreten.

Der für diese Klasse fast noch bescheidene Preis ist aber nicht das einzig überraschende an dem offenbar unvermeidbaren Debüt im Dreck. Auch das Design geht gegen den Trend. Denn wo die Konkurrenz aus Crewe, Sant’Agatha und aus Deutschland wahlweise auf Protz oder Provokation und im schlimmsten Fall auf beides setzt, hält sich Aston Martin auch auf neuem Terrain vornehm zurück: Bei aller Kraft und allem Selbstbewusstsein wahrt der DBX deshalb noch eine gewisse Eleganz und verkneift sich jede Aggression – und das ist bei einem Kaventsmann von mehr als fünf Metern und knapp 2,5 Tonnen buchstäblich keine leichte Übung. Von vorne jedenfalls ist der Neuzugang im feinen Zwirn deshalb eine Augenweide, die Flanke ist muskulös und die Silhouette eher flach für diese Gattung. Nur das Heck wirkt – nun ja – ein wenig gewöhnungsbedürftig.  

V8 kommt von Mercedes-AMG

Genauso schwer dürfte es Technik-Chef Matt Becker gefallen sein, dem Koloss ein markentypisches Fahrverhalten mit auf den Weg zu geben. Deshalb hat er tief in die Trickkiste gegriffen und drei interessante Zutaten herausgezaubert. Zum ersten ist da der bei AMG in Affalterbach bestellte V8-Turbo, der aus seinen vier Litern Hubraum diesmal 405 kW / 550 PS und 700 Nm schöpft, mit denen er die Wuchtbrumme in 4,5 Sekunden auf Tempo 100 und danach weiter bis 291 km/h katapultiert. Zum zweiten ist da ein Luftfeder-Fahrwerk, das tapfer den Kampf gegen die Fliehkraft aufnimmt und den DBX aufrecht durch jede noch so enge Kurve bringt. Und zum dritten gibt es einen Allradantrieb, der dem Spieltrieb des Fahrers freien Lauf lässt, weil er bis zu 100 Prozent der Antriebskraft nach hinten durchreicht und zusammen mit einem ziemlich freizügigen Stabilitätsprogramm reichlich Querdynamik ermöglicht.

Das Ergebnis ist ein Erlebnis, das einerseits ganz typisch ist für Aston Martin und das andererseits ein paar handfeste Überraschungen bereit hält. Denn wenn man mit souveräner Gelassenheit hart am Limit der Legalität lustvoll über die Landstraßen gleitet, dann fühlt sich der DBX an wie jeder andere Gran Turismo aus Gaydon, nur dass er noch ein bisschen mehr Restkomfort bietet und man ihm erst bei verschärfter Gangart ein paar provozierende Untertöne entlocken kann.

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Ungewöhnlicher sind dagegen die Eindrücke auf fremdem Terrain – denn so, wie ein SUV eigentlich nichts auf einer Rennpiste verloren hat, so war für einen Aston Martin bis dato die Pampa perdu. Doch mit dem DBX geht beides. Denn auf einem Rundkurs duckt sich der Wagen niedriger auf den Asphalt, schärft alle Sinne und lässt unter dem Wimmern der Reifen auf den riesigen 22-Zöllnern sein gewaltiges Gewicht vergessen, wenn er überraschend eng an der Ideallinie und ungewöhnlich aufrecht durch die Schikanen schneidet. Und im Unterholz scheut er mit aufgeblasener Luftfeder und knapp fünf Zentimetern mehr Bodenfreiheit weder Schlamm noch Steine und wühlt sich tapfer durch den dicksten Dreck. Schon möglich, dass ein Range Rover im Abseits weiterkommt und eine G-Klasse natürlich erst recht. Doch fürs Abenteuer im Alltag ist der gemeine Aston Martin-Fahrer damit bestens gerüstet.

Mehr noch als den Fahrer überrascht der DBX allerdings die Passagiere. Denn zum ersten Mal in einem Aston Martin haben die auch hinten komfortabel Platz. Wo der Rapide als bislang einziger Viertürer schon für Schulkinder eine Zumutung war, reisen bei 3,06 Metern Radstand nun auch Erwachsene in der zweiten Reihe wie in der ersten Klasse. Und bei über 600 Litern Kofferraum kann man endlich mehr mitnehmen als nur das kleine Schwarze und eine gut gedeckte Kreditkarte. Selbst Dachträger und allerlei Halterungen für Sportgerät haben die Briten bei ihrem ersten Auto für Praktiker im Programm.

Ohne Touchscreen und Online-Funktionen

Auch sonst ist die Liste der Standards und Optionen lang – und trotzdem nicht lückenlos. Das gilt vor allem für das Infotainment, das Aston Martin genau wie den Motor und die 9-Gang-Automatik beim Anteilseigner AMG einkauft. Während die Briten bei der Hardware allerdings den neuesten Stand bekommen, müssen sie bei der Software eine alte Generation auftragen und deshalb ohne Touchscreen und Online-Funktionen auskommen. Vom Rear-Seat-Entertainment ganz zu schweigen.  Das könnte gerade in dieser Fahrzeugklasse deutlich schwerer werden als bei den Sportwagen.

Schaut man nach dem Erfolg der Konkurrenz, steht trotzdem außer Frage, dass wahrscheinlich auch der DBX ein Bestseller wird. Aber das ist auch bitter nötig. Denn erstens hat Aston Martin mit einer neuen Plattform und einer neuen Fabrik einen gewaltigen Aufwand für den Hoffnungsträger getrieben. Und zweitens lahmt der Absatz der klassischen Sportwagen so sehr, dass die Firma aktuell tief in den Miesen steckt. Da ist es irgendwie passend, dass der DBX zugleich der erste Aston Martin mit einer Anhängerkupplung ist – so kann er den Karren vielleicht doch noch aus dem Dreck ziehen.

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