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VW ID.3

Auf holprigem Zukunftskurs

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VW rollt den ID.3 auf die Startposition.
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Seinen Start hat er ein bisschen verstolpert, doch jetzt soll der ID.3 den VW-Konzern endlich in die Zukunft führen. Allerdings mussten die Niedersachsen bei der Entwicklung und der Freigabe ihres ersten designierten E-Autos ein bisschen umdenken – und die Kunden werden ebenfalls umlernen müssen.

Von Benjamin Bessinger

"Hal-lo - EI DIE" – wenn der VW-Testfahrer mit seinem aktuellen Dienstwagen spricht, dann tut er das laut und deutlich, als diktiere er gerade einem Grundschüler. Nach monatelangen Softwareproblemen sind sie in Wolfsburg einfach übervorsichtig mit ihrem Hoffnungsträger. Zu oft haben sie einen Bug in den Programmzeilen gefunden und zu oft hat eines der erstmals nur noch zwei zentralen Steuergeräte versagt, die künftig viele Dutzend Controller vereinen sollen. Deshalb stehen rund um das Werk Zwickau bereits tausende Exemplare aus der so genannten First Edition, die nach den wahrscheinlichsten Orders vorkonfiguriert und fertig zusammengebaut sind, aber eben doch noch nicht ausgeliefert werden können. Darüber lacht zwar die halbe PS-Welt, doch sind die VW-Granden dafür jetzt sogar dankbar: Denn so kommen sie mit einem blauen Auge durch die Corona-Zeit und haben trotz der im Produktionsstopp verlorenen Wochen genug Autos für die Erstausstattung von Händlern und Frühbuchern – wenn auch mit kleinen Einschränkungen.

Doch heute darf nichts schiefgehen. Denn heute ist nicht nur der erste öffentliche Auftritt des eben zum Markenchef geadelten Ralf Brandstätter. Heute wollen die Niedersachsen die Probleme als gelöst abhaken, nach vorne schauen und endlich grünes Licht geben für den entscheidenden Schritt in die Zukunft: Mit der finalen Verkaufsfreigabe in der neuen Woche (17. Juni) und einer garantierten Auslieferung ab Anfang September machen sie Ernst mit dem Start in die Elektromobilität und Brandstätter kann diesen Moment gar nicht hoch genug hängen: "Der ID.3 steht für unseren großen Plan und für ein Investment von mehr als elf Milliarden. Und genau wie der Käfer oder der Golf das Unternehmen und ihre jeweilige Zeit geprägt haben, wird auch dieses Auto uns und die gesamte Branche prägen." Kein Wunder, dass die Entwickler bei der Jungfernfahrt ein wenig nervös sind.

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Grund dafür haben sie – zumindest heute – keinen. Denn der Schweiß auf dem viel zu langen Endspurt, über den Elektro-Vorstand Thomas Ulbrich stöhnt wie nach einem Marathon unter erschwerten Bedingungen, hat sich offenbar gelohnt und selbst Corona hat sie dabei nicht ganz gestoppt: Brav quittiert die Lichtleiste unter der Frontscheibe des ID.3 die Ansprache des Fahrers und startet den Dialog. Und während Mensch und Maschine munter drauf los plaudern, nimmt der kompakte Stromer Kurs Richtung Zukunft.

R-Modell in Planung

Los geht es mit der "First Edition" für unter 34.000 Euro netto, die mit der mittleren von drei Batteriegrößen vorfährt: 58 kWh und bis zu 420 Kilometer Reichweite verspricht VW den Erstkunden. Später gibt es ein Einstiegsmodell mit 45 kWh und 330 Kilometern Reichweite für rund 25.000 Euro netto und eine Top-Version mit 77 kWh für 550 Kilometer. Allen gemein ist der Heckmotor mit 150 kW / 204 PS und 310 Nm, der Geschwindigkeiten bis 160 km/h ermöglicht. Aber auch dabei soll es nicht bleiben. Die R GmbH arbeitet bereits an einem Sportmodell, das zwar ebenfalls bei Heckantrieb bleiben aber deutlich mehr Leistung bekommen soll.

So gut der ID.3 auch fährt, so viel Platz er auch bietet und so schnell man sich an das Bediensystem gewöhnt hat – ganz fertig ist er dann doch noch nicht. Eine Handvoll der über 250 Software-Funktionen werden die Ingenieure auch bis zur Markteinführung im September nicht zum Laufen bringen. Doch weil jeder Verkaufstag zählt, um den Flottenverbrauch zu drücken und die CO2-Strafen zu vermeiden, liefern die Niedersachsen trotzdem aus.

Wer von Anfang an dabei sein will, muss deshalb auf ein paar Anzeigen im Head-Up-Display verzichten, kann sein Telefon nicht auf dem Bildschirm spiegeln und sich beim Parken nicht auf einen Lenkroboter verlassen. "Das liefern wir schnellstmöglich per Software-Update nach", verspricht Entwicklungschef Frank Welsch und verweist darauf, dass der ID.3 als erster VW " over the air", also mobil aktualisiert werden kann wie ein Smartphone. Dumm nur, dass auch diese Funktion offenbar ebenfalls nicht fertig geworden ist und man zumindest fürs erste Update deshalb trotzdem noch in die Werkstatt muss, wie einer der Entwickler verrät.

Doch VW glaubt nicht daran, dass sich die Kunden davon stören lassen. Erstens streichen sie als Dank für Schnellentschlossene die ersten drei Leasingraten, und zweitens ist so ein Procedere beim großen Vorbild Tesla Gang und Gäbe. Da ist bislang noch kaum ein Modell mit vollem Funktionsumfang ausgeliefert worden, und glaubt man den Insidern, dann ist zum Beispiel das Model 3 selbst ein Jahr nach dem Start noch längst nicht auf dem zur Einführung versprochenen Stand. Und trotzdem hört man von den Kunden keine Klagen.

Überhaupt die Kunden. Die will VW künftig ganz anders ansprechen, will sie wie bei Tesla zur Community formen, den direkte Dialog pflegen und dafür eigens einen Club gründen. Da kommen allerdings nicht irgendwelche gewöhnlichen Käufer rein. Auf dem Weg in die Elektromobilität müssen sie bei VW nicht nur neue Autos bauen und neue Software-Architekturen in den Griff bekommen, sondern auch eine neue Sprache lernen. Denn Kaufinteressenten sind jetzt Pre-Booker, und die ersten Kunden werden zu "First Movern". Deshalb braucht auch das "Hal-lo EI DIE " für den Start der Sprachbedienung einen englischen Zungenschlag. Mittelfristig soll der VW angesichts womöglich etwas konservativerer Kundschaft zwar auch auf ein treudeutsches "Hallo IH-DEH" reagieren. Doch das jetzt auch noch zu programmieren, dafür wird die Zeit wohl nicht mehr reichen. Bis zur Auslieferung im September ist die To-Do-Liste schon lang genug.




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