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Ausgabe 01/02/2021

1.000 am Stück

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© AUTOFLOTTE

Im "Elektrozeitalter" ist es erfrischend, mal wieder mit einem Diesel unterwegs zu sein. Vor allem dann, wenn Zeit Geld ist. 1.000 Kilometer am Stück? Theoretisch machbar, im Seat Leon TDI und auch anderen.

Wir freuen uns, wenn wir im E-Auto 300 Kilometer weit kommen - ohne Ladestopp. Lesen Sie mal unseren ersten Teil der Deutschlandtour ab Seite 24, die wir Mitte Dezember mit unserem VW ID.3 absolviert haben. Spätestens bei der eben genannten Kilometermarke hieß es: Strom fassen. Tempo 120 ist das höchste der Gefühle, Baustellen und nicht vorhandene Autobahnen drücken das Durchschnittstempo meist auf unter 100 km/h. Also rund 300 Kilometer in gut drei Stunden. Wer schneller fährt, steht deutlich früher.

Segen und Fluch zugleich

Segen und Fluch ist die Elektromobilität zugleich. Die Emissionen während der Fahrt sind zwar extrem gering (Reifenabrieb und dergleichen lassen aber auch hier welche entstehen). Doch typische Außendienstler bekommen bei dieser Durchschnittsgeschwindigkeit nervöse Zuckungen. Denn es wird durchaus abgewogen, wie viele Termine an einem Tag möglich sind. Und ob man eine weitere Nacht im unpersönlichen Hotel schlafen muss oder es abends bei freier Autobahn und hohem Durchschnittstempo doch noch nach Hause ins eigene Bett schafft - mit einem Diesel. Denn die spulen nach wie vor auch mal 1.000 Kilometer ab, theoretisch ohne Stopp.

Doch nach drei Stunden Fahrt könnte in einem Seat Leon TDI spielend 150 Kilometer weiter gefahren werden als mit einem E-Auto - ohne zu rasen; und der Tankinhalt verspricht ohne Neubefüllung dann noch immer weitere 450 Kilometer - auf denen das E-Auto nochmals bestromt werden muss. So gut die neuen Elektroautos auch sind. Für Vielfahrende mit sanftem Zeitdruck im Nacken oder Ungeduld im eigenen System sind sie nach wie vor keine echte Alternative. Denn es ist zwar sinnvoll, während der Ladepausen ein Mahl einzunehmen, Telefonate oder E-Mails abzuarbeiten, doch wenn das um 21 Uhr ist und noch 200 Kilometer bis nach Hause vor einem liegen, wünscht man sich hin und wieder doch den Verbrenner, den Rudolf Diesel vor exakt 129 Jahren erfunden hat.

Sauber, schnell, günstig

Ein wahrlich gelungener Geselle dieser Zunft ist der TDI im neuen Seat Leon. Nach wie vor trommeln vier Zylinder im Bug des Spaniers ein durchaus hörbares Stakkato ins Interieur und auch nach außen - da sehnt man sich in der Tat nach einem Elektromotor - doch die Spontanität, mit der dieser Zweiliter zu Werke geht und mit dem Siebengang-DSG harmoniert, gefällt. Die zum Fahrprofil passenden Getriebe-Zahnräder sitzen fast immer; ja, nicht ganz so perfekt wie beim Eingang-Elektroantrieb. Und beim Rangieren nervt das etwas undefinierte Zuschnappen der Kupplung, doch ansonsten schaltet der Automat nahezu zugkraftunterbrechungsfrei und setzt die 150 PS und 360 Newtonmeter Drehmoment in nachhaltigen Schub um. Wobei das nachhaltig hier nichts mit Grün zu tun haben muss, aber kann. Denn eine aufwändige Abgasnachbehandlung, Twin Dose genannt, verspricht die saubersten Abgaswerte bei gleichzeitig niedrigem Verbrauch. Unter fünf Liter Diesel sind spielend machbar - bei E-Auto-Tempo. In 8,8 Sekunden sprintet der 4,64 Meter lange Kombi aus dem Stand auf die in Deutschland erlaubte Landstraßenhöchstgeschwindigkeit. Zwar sind die Stromer mit ähnlicher Leistung etwas schneller bei dieser Geschwindigkeit, doch beim Leon TDI geht es locker bis weit jenseits der 200er- Marke - bei souveräner Straßenlage. Muss man das 2021 noch haben? Jein. Es ist schön, bei wirklich freier Bahn Kilometer zu machen - so lange das noch erlaubt ist. Wohl spätestens 2022, also nach der Bundestagswahl, könnte es mit der "Raserei" vorbei sein. Schade, denn dann werden die Strecken innerhalb Deutschlands länger - aber nicht weiter. Oder anders ausgedrückt: Das Elektroauto ist wieder im "Rennen". Die Zukunft gehört den Stromern, ob wir wollen oder nicht.

Solange das noch anders funktioniert, ist der Seat Leon TDI eine Empfehlung für Kilometerfresser. Das auf Wunsch adaptive Fahrwerk (700 Euro) glättet Straßen fast so souverän wie die Fahrwerke der schweren Elektroautos. Ob es die montierten 18-Zoll-Räder (580 Euro) unseres weißen Testwagens braucht? Sicher nicht. Wir vermuten, dass die in der gefahrenen Ausstattungslinie FR serienmäßigen 17-Zoll ein guter Kompromiss aus Agilität und Federungsvermögen bedeuten und ebenfalls gut aussehen. Großen Anteil am Komforterlebnis haben auch die sportlich akzentuierten Sitze. Zwar haben Sie keinerlei"Gütesiegel" und auch die Lordosenstütze arbeitet analog wie 1990 (mittels Hebel rammt sich eine Beule in den Rücken), aber bequem und seitenhaltintensiv sind sie auch so. Die Sitzposition lässt sich vielfältig wählen, und wer will, sitzt sehr sehr tief.

Das Platzangebot dahinter ist fürstlich. Hat der kurze Leon noch rund fünf Zentimeter mehr Radstand als ein Golf, egalisiert sich das bei den Kombiversionen. So oder so spüren Hinterbänkler das Platzplus im Vergleich zum Astra oder Focus deutlich und freuen sich über"skodaische" Verhältnisse. Ganz hinten passt ebenfalls viel rein (620 - 1.600 Liter) und das Umklappen gelingt easy vom Kofferraum aus via mechanischem Hebel. Elektrisch klappt indes die Anhängekupplung (693 Euro) aus, deren Betätigungstaster sich auch im Kofferraum befindet. Beim Elektroauto muss man suchen, um überhaupt welche zu finden, die was an den Haken nehmen dürfen - geschweige denn, 1.600 Kilogramm. Ob das Anhängen von Lasten an ein E-Auto sinnvoll ist, steht auf einem anderen Blatt.

Null Schalter = auch kompliziert

Elektro wird meist in einem Atemzug mit Digitalisierung genannt. Doch auch beim Verbrenner digitalisiert sich vieles. So ist das Kombiinstrument komplett digitalisiert und mit einer Fülle an Informationen ausgestattet, kann aber auf Minimalanzeige umgeswitcht werden. Das Cockpit des Leon ist nahezu schalterfrei. Einige gibt es noch im Lenkrad, die lassen sich nach einer Eingewöhnungsphase auch blind bedienen. Der Rest wird getoucht, wenn zuvor das Feld gefunden und während der Fahrt auch mit dem Finger getroffen wurde - bei der unbeleuchteten Temperatureinstellung ist das nachts ein "heißes" Thema.

Haben vor zehn Jahren "alle" nach Touchbedienungen gelechzt, hätte wohl kaum einer gedacht, wie schön, einfach und sicher bedienbar echte Schalter sind. Die Sprachbedienung hilft auch im Leon oft, wenn man den Radiosender nicht findet oder das Navi aktivieren möchte. Dass das Ganze toll und hochwertig aussieht, stimmt. Die Materialien und die Qualität passen, nicht nur zu einem Seat, weshalb die Unterschiede zum teuren Golf marginal sind - andere würden schreiben: vernachlässig- oder unsichtbar.

Sehr schön gelöst ist der Totwinkel-Warner. Eine LED-Lichtleiste im oberen Bereich der Türverkleidung macht beim vergessenen Schulterblick auf übersehene Nachbarn aufmerksam. Selbiges gibt es übrigens auch am Heck. Hier leuchtet die LED-Lichtleiste in Rot von links nach rechts und ist derzeit noch ein Wiedererkennungsmerkmal des Leon. Vorne strahlen stets LE-Dioden und erhellen die Nacht. Matrixlicht bietet Seat nicht an. Gegen Aufpreis gibt es ein semiintelligentes Licht, das unter anderem den LED-Blinkern das Laufen beibringt. Spielerei.

Der sportlich angehauchte Leon FR Sportstourer ist derzeit nur mit eben diesem 150-PS-Diesel und Doppelkupplungsgetriebe erhältlich. Gut 28.000 Euro werden dafür fällig und die Ausstattung passt bereits sehr gut. Wer die gesamte Assistenzarmada benötigt, erhält diese gegen Aufpreis. Für 2.600 Euro mehr gibt es den Leon auch als Plug-in-Hybrid. Nochmals 54 PS stärker und bei der Versteuerung nur halb so teuer. Hier kommt der Fuhrparkprofi ins Spiel und muss im Zweifel ein Veto einlegen. Denn der Plugin rechnet sich vor allem für Dienstwagenberechtigte, der Diesel vielleicht für alle und die Umwelt obendrein.

Von Autoflotte getestet

+Tolle KombieigenschaftenPerfektes VielfahrerfahrzeugSchnell und sparsam-Bedienung teils umständlichMit 18 Zoll zu straffLediglich ein TDI für den Kombi

Seat Leon FR TDI DSG

Testwagenpreis: 35.467 EuroR4/1.968 | 110 kW/150 PS | 360 Nm ab 1.700 U/min | 7-Gang-DSG | 8,8 s 217 km/h | WLTP: 4,8 D | 127 g/km 4.642 x1.799 x 1.437 mm; 620 - 1.600 lKH: 16 | TK: 21 | VK: 21Effizienz: A+Wartung: 2 Jahre/30.000 kmGarantie: 2 Jahre

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