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Versorgung

Das Parkplatzdilemma der Pflegedienste

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Meistens sind die Fahrzeuge der Pflegedienste zwar sehr klein, legal stehen sie deswegen aber dennoch nicht.
© Rocco Swantusch/Autoflotte

Sie gehören - endlich offiziell - zum systemrelevanten Teil der Bevölkerung. Trotzdem kämpft das Pflegepersonal nicht nur mit wenig Geld, sondern täglich auch mit der Suche nach Parkraum.

Das Zeitfenster ist eng. Drei Minuten für die Gabe von Medikamenten. An sich kein Problem, müsste der ambulante Pflegedienst in dieser Zeit nicht noch einen Parkplatz suchen, zur Wohnung des Patienten eilen und der einsamen alten Dame ein wenig beim Plaudern zuhören. Für Pflegedienste in deutschen Großstädten scheitert dieser Zeitplan in der Regel bereits bei der Suche nach einem freien Parkplatz.

"Manchmal hilft hier nur die Warnblinklichtanlage einschalten, sich beeilen und hoffen", beschreibt Felix Franke, stellvertretende verantwortliche Pflegekraft beim Stuttgarter Pflegedienst Pasodi, die Situation vieler Kollegen. In bestimmten Stadtgebieten gebe es schlicht keine freien Parkplätze und kein Mitarbeiter habe Zeit, drei oder gar fünf Mal um den Block zu fahren. All das geht am Ende zu Lasten der Patienten.

Parkprobleme bundesweit

Das Parkproblem ist bundesweit bekannt und hat sich in den vergangenen Jahren weiter verschärft. "Fehlende Parkmöglichkeiten und verkehrsberuhigte Innenstädte erschweren Pflegediensten die Versorgung pflegebedürftiger Menschen in ihrem Zuhause erheblich", sagt Bernd Tews, Geschäftsführer des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste (bpa). "Oft behindern fehlende, überfüllte oder beschränkte Parkflächen das schnelle Durchkommen zum Patienten. Auf diese Weise wird die Arbeit der Pflegenden unnötig beeinträchtigt und viel Zeit vergeudet. Auch die pünktliche Versorgung von pflegebedürftigen Menschen mit bestimmten Medikationen - zum Beispiel bei Diabetes - verzögert sich hierdurch nicht selten", sagt Tews. Die Folge seien längere Arbeitszeiten sowie Strafzettel.

Bekommt ein Mitarbeiter eines ambulanten Pflegedienstes für das Parken im Halteverbot oder in zweiter Reihe Strafzettel, muss er sie aus eigener Tasche bezahlen. Beim Kieler Pflegedienst "Herzensgüte" sollen einem Zeitungsbericht zufolge bis zu 30 Verfahren pro Woche auf dem Tisch landen.

Ein Problem für die Pfleger und eines für viele pflegebedürftige Menschen. "Wir haben schon Patienten ablehnen müssen, weil die Parkplatzsituation in deren Wohngebiet einfach zu angespannt ist", sagt Franke."Am Ende ist der Patient immer der Leidtragende", sagt auch Kathrin Mangold, Leiterin der Geschäftsstelle NRW des Bundesverbandes Ambulante Dienste und Stationäre Einrichtungen. Sei es aufgrund von Personalmangel oder weil er aufgrund der Parkplatzsituation abgelehnt werde.

Sonderausweise teils möglich

Um die Pflegedienste bei der Parkplatzsuche zu entlasten, gibt es verschiedene Ansätze. Manche Kommunen erteilen Ausnahmegenehmigungen. In Chemnitz gibt es beispielsweise seit 1. Januar 2020 auf Antrag eine Ausnahmegenehmigung für ambulante Pflegedienste. Diese erlaubt es den Fahrerinnen und Fahrern, in ausgewiesenen Bewohnerparkzonen zu parken sowie kostenlos an Parkuhren und Parkscheinautomaten. Pro Fahrzeug kostet dies dennoch jährlich 72 Euro.

Die Stadt Heilbronn erteilt allen Pflegediensten auf Antrag eine Ausnahmegenehmigung für ein Jahr. Auch diese kostet 100 Euro und berechtigt zum Parken für eine Stunde auf allen gebührenpflichtigen Parkplätzen, wo eine Parkscheibe nötig ist, auf Bewohnerparkplätzen und im eingeschränkten Halteverbot. Je nach Größe der Flotte sind 100 Euro pro Fahrzeug viel Geld und häufig sei es schwierig, überhaupt an so eine Ausnahmegenehmigung zu kommen, erklärt Kathrin Mangold.

Die Diakonie in Heilbronn hat aktuell Berechtigungskarten für zehn Fahrzeuge erhalten. Hinzu kommt, dass die Stadt offenbar relativ kulant mit den Fahrzeugen der ambulanten Pflege umgeht. "Wir versorgen die Bürger der Stadt. Ich habe das Gefühl, dass bei einer Kontrolle großherzig darüber hinweggesehen wird", sagt Gerald Bürkert, Geschäftsführer der Diakoniestation Heilbronn.

Dieses Gefühl kennt Franke jedoch nicht. "Ich kenne einen Pflegedienst, bei dem ein Fahrzeug während des Pflegeeinsatzes abgeschleppt wurde", sagt Franke. Ein großer Pflegedienst aus Hannover berichtet, dass die Bußgelder bei Weitem die Auslagen für Parkgebühren übersteigen. "Im Jahr 2019 hatten wir 680 Euro an Parkgebühren und 1.200 Euro Bußgelder und das, obwohl wir überwiegend im ländlichen Raum unterwegs sind", sagt ein pflegerischer Leiter.

Das Fahrrad als Alternative

Auch Köln und Bonn verteilen beispielsweise Ausnahmegenehmigungen. Allerdings helfen diese oft nicht weiter."Im Zentrum ist es teilweise unmöglich, einen Parkplatz zu finden. Eine Kollegin im Spätdienst war mit dem Fahrrad teilweise zwei Stunden schneller als ich mit dem Smart", berichtet eine Mitarbeiterin eines Kölner Pflegedienstes.

In Bremen setzen viele Mitarbeiter eines dort tätigen Pflegedienstes auf das Fahrrad. "Die Hälfte meiner Kollegen machen genau wie ich die Touren mit dem Fahrrad", sagt ein Mitarbeiter. Bei Bedarf stellt der Pflegedienst sogar Dienst-Fahrräder und wirbt damit, dass man für eine Stelle dort keinen Führerschein braucht. Moderne E-Bikes lassen auch Tagesetappen von 30 Kilometern enstpannt meistern.

Aktuell wird die Thematik auf kommunaler Ebene geregelt. Der bpa wünscht sich zur Entlastung der Pflegedienste eine bundesweite Regelung, und zwar eine einheitliche und kostenlose Ausnahmegenehmigung für Pflegedienste. "Denkbar wäre zum Beispiel eine gewisse Anzahl von "Pflegeparkplätzen" pro Wohngebiet, die, ähnlich wie Schwerbehindertenparkplätze, besonders markiert und ambulanten Diensten vorbehalten sind", sagt Tews. Bisher wachse die politische Aufmerksamkeit für das Thema allerdings trotz der rasant steigenden Zahl älterer und hilfebedürftiger Mitmenschen nur sehr langsam.

Kleinstwagen sind gefragt

Neben der leidlichen Suche nach Parkplätzen haben Pflegedienste auch mit Parkschäden zu kämpfen. "Wir hatten pro Jahr 85 Schadensfälle, die beim Parken entstanden sind", berichtet Gerald Bürkert. Wenn seine Mitarbeiter in der Stadt unterwegs sind, müssen sie jede noch so enge Lücke nutzen, jede Hofeinfahrt. Das führte in der Vergangenheit dazu, dass es regelmäßig krachte, kratze und dellte.

Bürkert suchte nach einer Lösung. Zum einen schickte er Mitarbeiter mit sehr vielen Parkschäden zum Fahrtraining. Zum anderen mietete er für eine Woche einen Smart. Statt eines VW Up ließ er seine Mitarbeiter mit diesem Smart auf Tour gehen. Das Feedback war durchweg positiv und Bürkert stellte innerhalb von vier Jahren die gesamte Flotte von VW Up auf Smart um.

Parkschäden hat er mittlerweile kaum noch. Allerdings bereitet ihm die bereits vollzogene Umstellung seitens Smart auf reinen Elektroantrieb Sorgen. Meine Mitarbeiter sind alle gleichzeitig unterwegs. Morgens, mittags, abends. Und kommen alle gleichzeitig zurück. "Das heißt, ich bräuchte 30 Ladestationen, das ist nicht machbar."

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