Daten sorgen für Gesprächsbedarf

19.12.2019 06:00 Uhr

Daten fallen in jedem Auto zuhauf an. Die Frage ist, wie können diese beispielsweise nach einem Unfall so genutzt werden, dass sie zur Aufklärung helfen, aber auch für die Präventionsarbeit dienen können.

Einfach, verständlich und günstig - mit diesen Attributen wirbt die Allianz für die ADAC Autoversicherung. Diese war bis zu Jahresbeginn ein Joint Venture zwischen dem Automobilclub und der Zurich Versicherung. Am 1.1.2019 dann übernahm der Münchner Versicherungskonzern den 51-prozentigen Anteil der Schweizer. Nicht nur die gut 650.000 Policen, sondern auch knapp 100 Mitarbeiter wechselten so das Lager, so dass man seit Oktober dieses Jahres nun eigene Versicherungsprodukte für den Mitgliedermarkt parat hält. Das Ziel ist klar: die Nummer eins der Versicherungen unter den Mitgliedern des größten deutschen Automobilclubs zu werden.

Damit soll nach dem Eingreifen der Gelben Engel so oft wie möglich die Allianz im Hintergrund mitwirken. Was in der jetzigen herbstlich-winterlichen Saison nicht nur Autofahrer, sondern gerade vermehrt Fußgänger betrifft. Laut Frank Sommerfeld, Vorstand des privaten Sachversicherungsgeschäfts bei der Allianz, passiert das Gros der tödlichen Unfälle mit Passanten zwischen September und Februar; zumindest sind ältere Menschen ab 65 Jahren die Leidtragenden.

Dass bereits eine Aufprallgeschwindigkeit von zirka 35 Stundenkilometern zu schwersten Verletzungen führen kann, zeigte eine Live-Demonstration auf dem Allianz Autotag Ende September in Ismaning bei München.

Autodaten belasten den Fahrer

Um diese Ereignisse künftig zu vermeiden, ist nicht nur die Fahrzeugtechnik gefragt - auch die Unfallprävention kann hier ansetzen und sensibilisieren, aufklären sowie positiv einwirken. Was es dazu braucht, ist in einer digitalen Welt recht leicht zu erraten: Daten. Aus Sicht von Joachim Müller, Allianz Vorstandsvorsitzender, sind dazu zwei Fragen zu klären: Was wird im Fahrzeug wie lange gespeichert? Und in welchen Fällen können diese Daten auch gegen den Willen des Betroffenen verwendet werden? Darüber wird gerade gestritten. Heute schon verursachen kleine Schäden, die zwar mittels Fahrzeugdaten nachgewiesen werden könnten, aber aufgrund der Aussageverweigerung des möglichen Verursachers als Konflikt enden, hohen Aufwand. Kommen mit den teilautomatisierten Fahrzeugen künftig noch heikle Rechtsfragen dazu, wann genau welches System das Fahrzeug gesteuert hat und wann der Fahrer in der kompletten Verantwortung war, erwächst die Kluft zwischen digitaler und analoger Welt zum Graben, über den laut Müller nur eine dritte Partei führen kann: ein unabhängiger Treuhänder.

Die meisten Neufahrzeuge verfügen bereits über einen Ereignisspeicher, dessen Daten allerdings stark vom einzelnen Autohersteller, dem Modell selbst und der verwendeten Software abhängig sind, so der Hinweis seitens der Allianz-Experten. Die Unfallforscher sind damit auf die Kooperation der Autohersteller angewiesen und sehen drei Szenarien, die den Verwendungszweck und damit die Tiefe der übermittelten Daten definieren könnten. Für die Unfallforschung sind zunächst alle Daten von Interesse, um individuelle Schadensereignisse aufdröseln zu können. Denn das Gros der Unfälle basiert auf menschlichen Fehleinschätzungen. Diese spielen in den künftigen hoch- oder vollautomatisierten Fahrzeugen eine geringe bis vielleicht sogar keine Rolle mehr, da das Auto selbst in Kombination mit der Umgebung das sichere Vorankommen übernehmen wird. Kommt es dabei dennoch zum Unfall, ist es entscheidend zu wissen, wer das Auto steuerte (Mensch oder Maschine) und ob eine technische Störung vorlag. Diese Daten wiederum bilden heute wie auch künftig die Basis für die Versicherung, die den Schaden regulieren soll. Aus Sicht der Allianz sollten allerdings nur bei Unfällen mit Personenschaden oder einem konkreten Verdacht einer Straftat alle im Fahrzeug nutzbaren Daten zur Aufklärung der Schuldfrage herangezogen werden können, da hier das öffentliche Interesse an der Aufklärung überwiege. Hier könnte dann das Treuhänder-Modell greifen.

Das ist allerdings noch Theorie. Praktischer - und beeindruckend aufrüttelnd - wurde es beim Tag im Allianz Zentrum für Technik dann beim Crashtest. Eine spezielle Dummy-Puppe, deren Körper aus einem Skelett besteht, deren Elemente die Form und Zerbrechlichkeit menschlicher Knochen nachempfinden, wurde frontal mit zirka 35 Stundenkilometern von einem Fahrzeug erfasst. Aufgrund der niedrigen Geschwindigkeit, löste nicht mal der Airbag aus - was übrigens nur in drei Prozent aller Unfälle wirklich passiert, wie die Experten erklärten. Betrachtet man als Sachverständiger nun die Motorhaube und den Kotflügel, dann sieht man die halbseitig geborstene Windschutzscheibe, die den Aufprall der lebensgroßen 78 Kilogramm schweren Puppe auf den Wagen dokumentiert. Von dort wurde der Körper zurückgeworfen, drehte sich dabei seitlich und landete ein zweites Mal hart - diesmal auf dem Asphalt. Gerade dieser zweite Aufschlag sorgt oft für schwerste Brüche und innere Verletzungen, so die Unfallforscher. Das feingliedrige Skelett zeichnete diese Wucht in einem verstörenden Bild nach. Aus dieser statischen Szenerie mit einer liegenden Puppe und einem verbeulten Fahrzeug nun ein stimmiges Unfallgeschehen zu rekonstruieren, ist nur schwer möglich. Es gleicht vielmehr einer "Einzelforensik", wie es die Profis im Anschluss beschrieben.

Einzelforensik nach dem Unfall

Ein verbindlicher Unfalldatenschreiber, der ab Mitte 2022 für alle neuen Fahrzeugtypen Pflicht werden soll und dem ein sehr kurzes Zeitfenster von einigen Sekunden vor und nach dem Unfall reicht, könnte in diesem Puzzle-Spiel entscheidende Hilfe leisten. Während es in den USA bereits seit 2006 einen Mindeststandard für die Datenaufzeichnung in den Fahrzeugen gibt, wird in Europa noch über deren Ausgestaltung gefeilt.

Diese Unfalldaten können nicht nur für die Fallbearbeitung, sondern auch für die Präventionsarbeit wichtig werden, ist auch Ralph Feldbauer, anerkannter Risikoexperte und Leiter Riskmanagement, persönlich überzeugt. "Aus der langjährigen praktischen Erfahrung in der Begleitung von Projekten bei Firmenflotten liegt für mich der evidente Zusammenhang der Fahr- und Fahrzeugdaten - zum unmittelbar bevorstehenden Unfallgeschehen im Einzelfall ebenso wie zum Schadenbild der Firmenflotte - klar auf der Hand." Mit der entsprechenden Expertise diese dann richtig zu interpretieren, ergebe enorm große Chancenpotentiale in der realen Schadenprävention.

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