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Ausgabe 03/2020

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© AUTOFLOTTE

Volvo-Kunden, die den schwedischen Markenwerten nicht so 100 Prozent entsprechen, sollten sich sputen. Ab Juni 2020 ausgelieferte Modelle fahren nur noch 180 km/h. Eigentlich schade, wie der V60 CC beweist.

Volvo hat sich - wie der eine oder andere Hersteller auch - der Sicherheit verpflichtet. Das ist nicht neu und gut so. Volvo wirbt damit, dass sie Ende der 1950er-Jahre den Dreipunktgurt erfunden haben. Vorher gab es lediglich Beckengurte, die gleiches "Bauteil" im Menschen auch mal brechen ließen, wenn es gekracht hat. Auch der gegen die Fahrtrichtung gewandte Kindersitz ist eine Volvo-Erfindung und das bei den Nordlichtern OnCall genannte Notrufsystem, das mittlerweile in allen von Grund auf neuen Fahrzeugen Pflicht ist, gibt es bei Volvo seit 2001. Alles Erfindungen, die einen freuen. Doch 2020 wird es anders.

Bei 180 ist Schluss

Denn Volvo limitiert seine Fahrzeuge auf 180 km/h - egal, wie viel PS unter der Haube schlummern. Egal, ob Verbrenner, Teilzeitstromer oder E-Auto. Das ist einerseits konsequent - um den Sicherheitsgedanken weiterzuspinnen -, andererseits ein Aufregerthema. In Deutschland. Denn in kaum einem anderen Land darf man legal schneller fahren. Und dort, wo man es dürfte, lassen es die Straßenverhältnisse nicht zu. Also: ein rein deutsches Problem. Doch ist es wirklich ein Problem oder vielmehr eine Frage der Gewöhnung? Und: Wann kann wirklich noch schneller gefahren werden? Nachts kommt oft als Antwort. Richtig, wenngleich das Tempobolzen in der Dunkelheit mit Sicherheit auch nichts mehr zu tun hat. Denn selbst moderne LED-Scheinwerfer strahlen nicht so weit, als dass man bei Tacho 220 noch innerhalb der Sichtweite zum Stehen kommen könnte. 150 Meter reinen Bremsweg gibt Volvo bei einer Vollbremsung aus Tempo 180 an, Reaktionszeit außen vorgelassen. Dass an dem Bremsweg kein Zweifel besteht, unterstreicht der Volvo V60 Cross Country D4 eindrucksvoll. Die Stopper beißen zu und gehören mit 345 Millimeter großen Scheiben an der Vorderachse zu den Riesenpfannen im Segment unter 200 PS. Mit 190 Pferden galoppiert der moppelige 1,9 Tonnen schwere Halbhoch-Beiner dennoch erstaunlich behände und es ist ein bisschen schade, dass der Auslauf bald eingezäunt wird. Denn selbst bei Tacho 220 liegt der CC ruhig und satt im Wind, was auch an der trägen, in diesem Fall aber gleichzeitig komfortablen Lenkcharakteristik liegt.

Bodenfreiheit wie SUV

Im Wind verfängt sich die um 6,5 Zentimeter höher gelegte Allrad-Alleskönner-Variante übrigens recht stark. Schlüpft der V60, also der klassische Kombi, mit einem Cw-Wert von 0,29 bestenfalls durchschnittlich durch die Mittelklasse, stemmt sich der mit Kotflügelverbreiterungen und markanterem Stoßfänger ausgerüstete Rustikal-Kombi mit 0,33 in den Wind. Macht beim Topspeed einen Abzug von 10 km/h im Vergleich zum geduckten Kombi und bedeutet 210 in der Spitze. Ob die weiteren 30 km/h minus bis zur Neuregulierung nun ausschlaggebend sind oder nicht, sei jedem selbst überlassen. Ein Vorteil gerade für Flottenbetreiber: Der Kraftstoffverbrauch kann nicht mehr ausarten, Verschleiß geht runter. Bei 180 km/h lässt die sauber, jedoch nicht perfekt mit dem Biturbo-Diesel harmonierende Achtgang-Automatik den im niedrigen Geschwindigkeitsbereich stets präsenten Selbstzünder bei gut 3.000 Touren drehen. Da ist also noch Luft bis zur Drehzahlgrenze, die verständlicherweise auch nach deutlich mehr Sprit verlangt. Im Mittel konnten wir den V60 CC D4 mit 7,5 Litern bewegen. Unter sieben sind problemlos machbar. Gerade im Ecomodus mit Segelfunktion bis 130 km/h kann Diesel gespart werden. Aber gut zehn Liter sind auch drin, dann ist die Tachonadel aber meist im Bereich mit einer Zwei am Anfang.

Geringe Windgeräusche

Trotz dessen, dass der Cross Country kräftig gebaut ist, fallen die Windgeräusche gering aus. Anteil daran haben einerseits die offensichtlich gute Aeroakustik, die wenig mit der Aerodynamik zu tun haben muss, und andererseits sicherlich auch die doppelt verglasten Seitenscheiben, die als Option (832 Euro) eine Extraempfehlung bekommen. Perfekt passt dazu übrigens die Bowers & Wilkins Soundanlage. 15 Lautsprecher komponieren sauberen Klang - und wer meint, Dolby-Surround sei für Musikgenuss das Nonplusultra, kann auch das aktivieren. Doch der klassische Stereosound, kommend von "vorne", also wie von einer Bühne, ist gerade beim Bowers & Wilkins Paket exzellent. Das muss es auch sein, denn im Preis von 2.770 Euro sind zwar Onlinefunktionen des Infotainmentsystems inklusive, happig ist's dennoch. Es passt jedoch ins Gesamtkonzept aus schönem Design, gutem Klangerlebnis und einer Wohlfühlatmosphäre im Interieur, zu der die teuren Nappaledersitze inklusive Massagefunktion beitragen. Elektrisch ausfahrbare Oberschenkelverlängerung sowie anschmiegsame Seitenwangen der Sitzlehne lassen Langstrecken flott und mühelos überstehen.

Auch auf der Rückbank ist das Platzangebot und der Sitzkomfort für einen knapp 4,80 Meter langen Mittelklasse-Kombi gut und für die Reise zu viert steht nichts im Weg. Denn unter die Kofferraumjalousie passen mit 530 Litern ausreichend Gepäckstücke. Wer mehr dabeihat, belädt dachhoch. Dann sollte jedoch das Trenngitter für 175 Euro geordert werden. Der Clou: Bei Nichtgebrauch klappt sich dieses gegen das Fahrzeugdach hoch und gibt die Sicht wieder komplett frei. Eine weitere Aufwertung des CC, allerdings primär für die Hinterbänkler, ist das große Panorama-Schiebedach mit viel Luft und Licht. Für die Front-Insassen ist es hingegen lediglich nett, verschlechtert jedoch die Akustik.

Nicht alles Gold, was glänzt

Leider ist auch im noblen V60 CC nicht alles optimal gelöst. Das Infotainmentsystem mit Neun-Zoll-Hochkant-Display will verstanden werden. Dabei hilft aber keine gedruckte Bedienungsanleitung mehr. In Untermenüs versteckte Funktionen müssen in der Regel zwar nur ein Mal dem eigenen Wunsch angepasst werden, die zu finden kostet aber mehrere Male graue Haare.

Ebenso kann die Sprachbedienung mal überzeugen, mal nerven. Woran diese schizophrene Einstellung liegt, vermögen wir nicht zu beurteilen. Die Meinung war jedoch eindeutig zweideutig - trotz mehrerer Nutzer. Und auch der Fahrkomfort im innerstädtischen Bereich, gespickt mit Gullideckeln und Fahrbahnschäden, ist kein rechter Genuss. Die flachen 19-Zöller (605 Euro) holpern hier und da unwirsch drüber. Das passt nicht zum sonst so zurückhaltenden Charakter.

So ist das Gesamtpaket durchaus gelungen. Und der V60 Cross Country ist gerade für Vielfahrer der bessere XC60, der nach wie vor das beliebteste Modell der Schweden ist. SUV haben mittlerweile jedoch ein Geschmäckle, das mit dem Cross Country im wahrsten Sinne des Wortes elegant umgangen werden kann - ohne Kompromisse bei der Einstiegshöhe oder gar bei der Offroad-Performance. Doch wer nutzt Letztgenannte überhaupt?

Rund 53.000 Euro fallen für den V60 CC D4 mit den genannten Luxusoptionen an - ebenso viel wie für einen vergleichbaren XC60, kaum mehr als für einen VW Passat Alltrack (190 PS) mit ähnlicher Konfiguration. Ein Opel Insignia Country Tourer (210 PS) oder ein Skoda Superb Scout (190 PS) sind jeweils rund 7.000 Euro günstiger und werden vorerst nicht abgeregelt. Wenn das keine Alternativen sind, heißt es ab Juni Tempo 180.

Volvo V60 Cross Country D4

Testwagenpreis: 55.654 EuroR4/1.969 | 140 kW/190 PS 400 Nm ab 1.750 U/min 8,2 s | 210 km/h | WLTP 6,3 D 165 g/km | 6d-TempEffizienz: A 4.784 x 1.850 x 1.499 mm 529 - 1.441 lHK: 13 | TK: 20 | VK: 24Garantie: 2 JahreWartung: 1 Jahr/30.000 km

Autoflotte-Empfehlung

Sitzkomfort-Paket: 2.185 EuroRückfahrkamera: 403 EuroAkustikverglasung: 832 EuroBowers & Wilkins: 2.773 EuroDigitalradio DAB+: 252 EuroMetallic-Lack: 756 EuroAlle Preise netto zzgl. Umsatzsteuer

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