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Ausgabe 04/2020

Spannende Pionierarbeit

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© AUTOFLOTTE

Im neuen E-Mobility-Carré der Netze BW testet Holger Winnai als einer von 45 Teilnehmern mit einem E-Auto die Kapazitäten der Ladeinfrastruktur vor Ort. Der Unternehmer schildert erste Erfahrungen.

Geht es nach der Bundesregierung, rollen hierzulande bis Ende 2020 eine Million E-Autos auf den Straßen. Bis 2030 soll diese Zahl auf mindestens sieben Millionen steigen. Dazu braucht es eine Ladeinfrastruktur, die erst noch ausgebaut werden muss. Das mündet in offene Fragen: Was muss sich langfristig im Stromnetz ändern, um E-Mobilität flächendeckend zu ermöglichen? Was muss es leisten, damit jeder laden kann, wann er möchte?

Antworten darauf will die Netze BW über verschiedene Feldversuche erhalten. Deshalb führt der Netzbetreiber nach dem Projekt mit Bewohnern von Eigenheimen in Ostfildern (siehe "E-Mobility-Allee | Ergebnisse") jetzt mit dem E-Mobility-Carré in Tamm im Landkreis Ludwigsburg ein weiteres durch. Hier werden die Auswirkungen der Elektromobilität auf das Stromnetz in der Wohnanlage "Pura Vida" mit einer Gemeinschaft aus 63 Eigentümern untersucht. Ralph Holder, Projektleiter bei Netze BW, erläutert die Hintergründe: "In unserem Netzgebiet sind 16 Prozent der Gebäude Mehrfamilienhäuser mit mehr als drei Wohneinheiten, aber weit mehr als 50 Prozent der Wohnungen befinden sich in diesen Häusern." Die Ergebnisse sind daher wichtig für künftige Planungen.

Aufbau der Ladeinfrastruktur

Vor dem Start des E-Mobility-Carré hat die Netze BW allerdings eine Hürde nehmen müssen: die Zustimmung aller Eigentümer zum Projekt. Denn nach dem aktuellen Wohnungseigentumsgesetz ist dafür Einstimmigkeit nötig. Diese hat es nach einem ersten Gespräch im April dann auf der Eigentümerversammlung im Juli gegeben.

Daraufhin wurde mit dem Ausbau losgelegt. Die Techniker haben sowohl einen eigenen Hausanschluss mit einer Ladeleistung von 124 Kilowatt (kW) verlegt als auch drei Verteilerschränke, Messtechnik am Trafo und 58 Ladepunkte mit je 11 kW an Leistung in der Tiefgarage installiert. Bei insgesamt 85 Stellplätzen wird damit ein Elektrifizierungsgrad von 68 Prozent erreicht. Außerdem wurden noch zwei Puffer-Speicher mit je 19 kWh und jeweils ein Wechselrichter als Leistungsbooster mit 18 kW, aufgestellt und angeschlossen. Diese Infrastruktur wird mittels intelligentem Lademanagement, inklusive eines Terminals, über das die Nutzer via Transponder-Chip die Ladesäule freischalten, gesteuert. Dabei handelt es sich um Chargehere, eine Eigenentwicklung der Muttergesellschaft EnBw.

Unterdessen haben sich 45 Bewohner zur Teilnahme bereit erklärt. Als sogenannte "Elektropioniere am Steuer" haben sie Anfang Dezember jeweils ein Elektroauto aus dem Fuhrpark des Netzbetreibers erhalten. Die Flotte im E-Mobility-Carré setzt sich aus 21 BMW i3 und 24 VW E-Golf zusammen. Diese werden bis zum Abschluss des Projektes Ende 2020 kostenfrei zur Verfügung gestellt und gehen danach an die Netze BW zurück. Die Teilnehmer rekrutieren sich wiederum aus Bewohnern mit unterschiedlichsten Profilen und verschiedenen Mobilitätsbedürfnissen - von jungen Singles über Familien bis zum Rentnerehepaar.

Mobilitätsalltag eines E-Pioniers

Holger Winnai ist ein Wohnungseigentümer, der einen VW E-Golf fährt. Der Unternehmer nutzt das Auto vier Mal pro Woche für die Fahrten in die Firmenzentrale nach Remseck und Kundenbesuche in der Nähe. "Ich benötige dafür eine Reichweite von 80 bis 150 Kilometer pro Tag, so dass eine Ladung locker reicht", sagt der Geschäftsführer eines Maschinenbau-Dienstleisters. So kann er etwa 70 bis 80 Prozent seiner Wege elektrisch absolvieren. Die Batterie befüllt er zu 90 Prozent entweder an einem Ladepunkt in der Tiefgarage oder der Wallbox auf seinem Betriebsgelände. Netze BW geht davon aus, dass generell rund 70 Prozent der Ladevorgänge am Wohnort oder bei der Arbeit erledigt werden.

Einmal in der Woche muss Winnai an den zweiten Standort ins rheinland-pfälzische Waldmohr. Für diese Strecke greift er noch auf seinen Dienstwagen mit Verbrenner zurück. "Ich müsste sonst bei Hin- und Rückfahrt vier Mal Gleichstrom laden. Das kostet zu viel Zeit", sagt Winnai.

Gleichwohl testet er das E-Auto auch auf längeren Privatfahrten. Dabei hat er schon zwei Mal auf der Autobahn an einer Gleichstrom-Ladesäule angedockt. "Die Schnellladung geht relativ zügig. Nach 17 Minuten war das Auto wieder bei 78 Prozent und damit ausreichend geladen", freut sich der Maschinenbautechniker. Er sieht die Elektromobilität generell positiv. "Im Umkreis von 50 Kilometern um Stuttgart gibt es nur Geschwindigkeitsbegrenzungen und Staus. Ein Elektroauto ist für diese Verkehrssituation ideal", begründet Winnai. Außerdem gibt es ihm ein gutes Gefühl, zur Verbesserung der Luftqualität in der Region beizutragen.

Winnai verbindet mit dem Projekt konkrete Erwartungen. Bis Ende 2020 will er die Vor- und Nachteile erfahren. Er hofft auf ein Ergebnis, auf dessen Basis er auch ein E-Fahrzeug als Dienstwagen anschaffen kann. Seinen Wunsch-Pkw hat er schon im Visier: den Mercedes-Benz EQC.

Erste Erkenntnisse

Für den Netzanschluss ist das Ladeverhalten der Teilnehmer in den ersten Wochen vor offiziellem Projektbeginn jedenfalls keine Herausforderung gewesen. Die durchschnittliche Ladezeit eines E-Autos hat in der letzten Januar- und ersten Februar-Woche nach Auswertungen der Netze BW etwa zwei Stunden betragen. "Das ist die effektive Ladezeit von durchschnittlich rund 16 Stunden, in denen das Fahrzeug stand und angeschlossen war", sagt Ralph Holder. Zudem waren vom 27. Januar bis 2. Februar von den 45 Elektrofahrzeugen höchstens 23 gleichzeitig über den Stecker mit einem Ladepunkt verbunden und zwölf haben in der Spitze gleichzeitig geladen."Das sind extrem niedrige Werte. Zugleich hat sich der Peak bei einem Gesamtleistungsbedarf von 83 kW bewegt, was deutlich unter den maximal möglichen 124 kW liegt. Und das ist in den Wochen zuvor nicht anders gewesen", konstatiert Holder. Die Frage ist, ob das bis Ende des Jahres so bleibt.

Ungeachtet dessen will der Netzbetreiber die Leistungsfähigkeit gezielt ausreizen. Deshalb sollen in den kommenden Monaten noch Stresstests laufen und beispielsweise alle Fahrzeuge zum selben Zeitpunkt laden. Handfeste Ergebnisse über einen längeren Zeitraum von neun Monaten gibt es dann 2021.

E-Mobility-Allee | Ergebnisse

Das erste Projekt der Netze BW hieß E-Mobility-Allee. Hier hatten zehn von 22 Haushalten in einer Straße mit Eigenheimen in Ostfildern vom 30. Juni 2018 bis Ende Oktober 2019 elf E-Autos zur freien Nutzung, die alle aus einem Stromkabel versorgt wurden. Dazu wurde jeweils eine private Ladestation mit 22 kW pro Teilnehmer aufgebaut sowie zwei Batterie-Pufferspeicher, einer mit einer Speicherenergie von 19 Kilowattstunden (kWh) in einer Garage und ein frei stehender mit 66 kWh, die mittels Lademanagement gesteuert wurden. Damit blieb das System laut Netzbetreiber stabil. In Spitzenzeiten am Abend habe die Mehrbelastung des örtlichen Stromnetzes nur rund 24 Prozent über dem Wert vor dem Feldversuch gelegen. Weitere Kernergebnisse: Durchschnittlich 200 kWh wurden im Monat pro E-Fahrzeug nachgeladen. Durchschnittliche Fahrleistung: rund 1.200 Kilometer pro Monat. Stromkosten: durchschnittlich 60 Euro pro Monat. Durchschnittliche Standzeiten an den privaten Ladestationen: rund 7,5 Stunden. Durchschnittliche reale Ladezeit: rund 2,5 Stunden. Anschlusshäufigkeit: rund dreimal pro Woche und die häufigste Ladezeit: zwischen 19 und 20 Uhr.

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