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Ausgabe 10/2019

Universaltalent

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© AUTOFLOTTE

Adaptive City Mobility (ACM) klingt nach Cleverlösung. Ist es auch. Jedoch kann das 3,30 Meter Universaltalent bislang noch nicht gekauft werden. Dabei wäre der ACM tatsächlich eine Lösung für viele.

Seit rund zehn Jahren fördert das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) neue Konzepte, die für den urbanen Individualverkehr nützlich sein können. "Der Zweck staatlicher Förderung ist es auch, Anreize zu schaffen, und zwar dort, wo Marktversagen vorliegt", sagt Christian Liebich, bei seiner Rede zum Status quo des Adaptive City Mobility (ACM) im Domagkpark im Münchener Norden. Liebich ist seit 2010 im BMWi für die vorwettbewerblichen Forschungsförderungen für Elektromobilität zuständig. Gefördert werden Elektromobiliätskonzepte, die das Gewerbe im Fokus haben.

Gewerbe im Fokus

Als solches wird auch das Projekt ACM angesehen. 2013 begann die Idee, ein kleines, wendiges, bezahlbares und vor allem modulares Stadtfahrzeug zu konzipieren. 13 Millionen Euro stellte der Bund als Fördersumme zur Verfügung. Weitere zehn Millionen Euro flossen bislang von den Partnern des Projekts in den ACM. 2015 hat die RWTH Aachen mit dem Bau eines Technologieträgers begonnen und in Phase 2 des ACM insgesamt acht Prototypen auf die kleinen Räder gestellt, die bis heute rollen, um Erkenntnisgewinn zu generieren.

"Mit seinem innovativen Anspruch fällt ACM aus dem Rahmen. Konsequenter Leichtbau als Antwort auf den anhaltenden SUV-Trend: weniger ist mehr. Und was vor sieben Jahren begann, ist heute aktueller denn je", sagt Liebich und verdeutlicht mit einem Chart, dass es um jedes Gramm geht. L7e nennt sich die Gewichtsklasse, in die der leer und ohne Batterien 559 Kilogramm leichte ACM sich einordnet. Mit den acht Batteriemodulen, die via Schublade unter dem Fahrzeug einzeln ausgetauscht und an Haushaltsteckdosen mit 3,7 kW innerhalb von vier bis sieben Stunden geladen werden können, kommt das Fliegengewicht auf 659 Kilogramm. Jedes Lithium-Ionen-Batteriemodul wiegt zwölf Kilogramm, kann also leicht gewechselt werden. Idealerweise ist dann die selbst entwickelte Wechselstation in Griffweite, bei denen die Module, auf einem Rollwagen fixiert, geladen werden können, was aber nicht zwingend notwendig ist.

Die Idee der Wechselakkus, mit der Shai Agassi mit seinem Projekt "Better Place" in ähnlicher Weise vor rund zehn Jahren scheiterte, ist eine ganz pragmatische. ACM soll zum einen ein reines Flottenfahrzeug für den gewerblichen Einsatz sein. Jedoch nicht nur in Deutschland oder Mitteleuropa.

Berlin, Frankfurt, Delhi und XY

"Indien, China und weitere Länder, die keine Möglichkeit haben, das Stromnetz oder gar die Ladeinfrastruktur auf die Schnelle an die Elektromobilität anzupassen, können mit ACM mobil und lokal emissionsfreie Mobilität anbieten und vor allem verbessern", sagt Projektinitiator Paul Leibold, der sich vor einigen Jahren noch bei BMW um das Thema Elektromobilität kümmerte. In vielen Ländern der Erde werden Tuck-Tucks, Rikschas oder andere Fahrzeuge mit wenig sauberen Verbrennungsmotoren eingesetzt, um Menschen, Lasten und Lebensmittel zu transportieren - für die wäre es ein Upgrade und gerade große Städte würden immens vom ACM profitieren. Und genau da ist auch der Ansatz für Berlin, Frankfurt, München und Europa, wo ACM ein Downgrade in vielen Bereichen darstellen würde - ein positives. So hat ACM den Anspruch, Fahrzeuge zu reduzieren, denn der Citystromer, der mit seinen 19 PS rund 90 km/h schnell werden kann und maximal 160 Kilometer Reichweite besitzt, ist kurz (3,30 Meter, hoch (1,66 Meter) und schmal (1,48 Meter) und damit nicht nur für Paketdienste prädestiniert. Immerhin passen mehr als 1.300 Liter in den Kofferraum oder anders formuliert: Es kann sogar eine Europalette direkt mit dem Stapler reinbugsiert werden. Wer den Laderaum nicht benötigt, montiert fix zwei Einzelsitze im Fond. Vorne ist stets nur der Fahrersitz vorhanden. Damit soll es laut Leibold möglich sein, dass das Fahrzeug - das aus Alu, glasfaserverstärktem Kunststoff und einer 40 Kilogramm leichten Karbon-Fahrgastzelle besteht - an einem Tag für die Bäckerei am Morgen die Brötchen verdient, danach Taxi-, Shuttle- oder Stadtrundfahrt-Anbieter samt Fahrgäste mobilisiert und am Nachmittag den Paketboten die Parkplatzsuche und allen anderen Verkehrsteilnehmern Stau erspart.

Ab 15.000 Euro

Bei unserer ersten Mitfahrt ist vom Elektroantrieb alles zu hören. Und anders als oft vermutet, sind Elektromotoren nicht immer leise. Doch die Versuchsfahrzeuge sind weder geräuschoptimiert noch entsprechen sie qualitativ dem, was in Serie möglich sein soll. Einfach wird der ACM freilich bleiben. Das bedeutet auch technisch. So ist das 48-Volt-Bordnetz Garant für einfache Reparaturmaßnahmen ohne Spezialwissen oder gar teure und komplizierte Hochvolt-Schulungen. Auch die weiteren Bauteile sind einfach, aber haltbar. So ist der Plan der Macher, dass der ACM in Deutschland beispielsweise für 15.000 Euro angeboten werden kann - mit mehr oder minder lokaler Produktion. Die könnte der Idee nach auch in Indien stattfinden, um den Preis vor Ort auf umgerechnet unter 10.000 Euro zu dezimieren. So oder so sei der ACM internen Berechnungen nach das günstigste Flottenfahrzeug auf dem Markt - nach Kilometerkosten.

Ohne Intelligenz wäre ACM aber bloß ein rudimentäres Elektroauto. Intelligent Connectivity ist die integrierte, zukunftsfähige Software, die das Fraunhofer Institut entwickelte und dann mit einer Siemens-Hardware verschmelzen ließ. Die Batterien und der "Ladecontainer" stammen vom Batteriespezialisten BMZ. All das macht den ACM smart und clever. Damit werden zudem Daten gesammelt, die in Echtzeit von Flottenmanagern via App, die der Flottensoftware-Anbieter Remoso bereitstellt, ausgelesen werden können, um den Überblick über seinen Fuhrpark zu behalten. Anfragen von großen Flottenbetreibern wie Ola Fleet in Indien, die dort und auch Down Under unter anderem das Pendant zu Uber sind, haben bereits Interesse geäußert. Ein wichtiger Aspekt aus deren Sicht ist, dass der ACM sofort startklar wäre - ohne komplizierte Infrastruktur. Denn es gibt weltweit nicht überall stabile Stromnetze, um Highend-Elektroautos fahren zu können. Es werden daher Lösungen benötigt, die Elektromobilität für jedermann ermöglicht. Und es braucht weniger, aber vielfach nutzbare Elektroautos. Das Businessmodel von ACM ist nicht, mehr Autos zu produzieren. Es sollen die schmutzigen ersetzt und die sauberen sowie einfach nutzbaren vor allem geteilt werden.

Serienproduktion ungewiss

Nach wie vor ist es nicht sicher, ob der ACM jemals in Serie produziert werden wird. Ob sich der Aufwand dennoch gelohnt hat? "Nach meinem Eindruck hat diese Art Fahrzeug noch niemand bisher hervorgebracht", sagt Liebich, und vergaß dabei den aCar von Evum Motors, über den Autoflotte in der April-Ausgabe berichtet und der auch auf autoflotte.de zu finden ist.

Liebich ist sich aber sicher, dass "wir mit dem Forschungsprojekt beweisen konnten, dass es funktionieren würde, auch nach Projekt-Ende im Oktober." Investoren sind willkommen, um ACM weiterleben zu lassen. 50.000 sind das Ziel, um profitabel zu werden, keine unrealistische Menge, wenn man die Welt-Regionen betrachtet, die günstige, haltbare und einfache Mobilität benötigen. Der Korken sei aus der Flasche, jetzt geht es an die Industrialisierung des wahren People World Cars - das nach dem Käfer nun Mensch und Umwelt in den Mittelpunkt rückt. Michael Blumenstein

Technische Daten ACM

- Acht Akkus zu je 12 kg- Pro Li-Ionen-Akku 2 kWh- Verbrauch: 8,5 kWh/100 km- Akkuwechsel: max. 5 min.- Ladedauer bei 230 V: 4 - 7 Std.- Leistung: 14 kW/19 PS- Topspeed: 90 km/h- 0 - 50 km/h: 5 Sekunden- Reichweite: bis zu160 km- Fahrzeuggewicht: 650 kg- Zuladung: 380 kg- Kofferraum: 360 - 1.300 Liter- L: 3,30 m B: 1,48 m H: 1,66 m

Adaptive City Mobility in Kürze

- Projektstart: 2013- Ziel: multimodales E-Fahrzeug- Fördersumme des BMWi: 13 Mio. Euro- Investition Investoren: 10 Mio. Euro- Partner: BMZ, Euro Design, Fraunhofer/ESK, Green City, Remoso, Roding, RWTH-Aachen, Siemens, Plexi Weiss, Streetscooter

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