Eine Luxusautomarke in Europa und speziell in Deutschland zu etablieren, dürfte zu den schwierigsten Aufgaben in der Branche gehören. Lawrence Hamilton, Chef von Lucid Motor Europe, ist dennoch sehr zuversichtlich, das zu schaffen. Der Manager begann seine Karriere bei Daewoo. Es folgten Stationen bei Mazda Europe, Mitsubishi und Kia in England, Toyota in Saudi-Arabien und Hyundai in Kanada. Bevor er zu Lucid wechselte, war er Managing Director bei Genesis Europe.
Mehr als fünf Meter lang zu einem Preis von rund 100.000 Euro: Sie positionieren den Lucid Gravity ziemlich genau in dem Segment, in dem sich die etablierten deutschen Premiumhersteller tummeln. Warum sollte sich der deutsche Kunde für einen Gravity entscheiden?
L. Hamilton:Wir denken, dass wir ein Fahrzeug entwickelt haben, mit dem Potenzial, Kunden in Deutschland zu begeistern, das einen außergewöhnlichen Charakter hat und in seinem Segment einzigartig ist.
Welche Charaktereigenschaften meinen Sie?
A: Große Reichweite, hohe Ladegeschwindigkeit, überragendes Platzangebot, Vielseitigkeit und nicht zuletzt eine Performance auf dem Niveau von Supersportwagen. Diese Kombination finden Sie nirgends auf der Welt. Zudem ist der Gravity das einzige High-Performance-SUV, das sieben Erwachsene bequem unterbringen kann. Wir nennen es „First Seven-Seater-Supercar.
Im Flotten- und Dienstwagen-Geschäft spielt für die Kaufentscheidung oft der Preis eine große Rolle. Kann Lucid hier mit einem attraktiven Angebot aufwarten?
L. Hamilton: Der Gravity bleibt hier bewusst in der Einstiegsversion Touring unter der Schwelle von 100.000 Euro, so dass der steuerliche Vorteil bei Dienstwagen in Anspruch genommen werden kann.
Welche Rolle spielt der deutsche Automarkt in der Strategie von Lucid?
L. Hamilton: Zwei Dinge. Erstens: Wir wissen, dass der deutsche Automarkt der anspruchsvollste der Welt ist, besonders im Luxussegment. Daher ist es für uns wichtig, mit Lucid eine entsprechend hohe Reputation aufzubauen, die hilft, das Prestige auf globaler Ebene zu festigen. Zweitens: Volumen. Deutschland ist in Europa der größte Automarkt. Wenn wir hier erfolgreich sind, bringt uns das Vertrauen und Prestige in den anderen Märkten.
Lucid plant, sein Angebot durch drei Mittelklasse-Modelle zu erweitern, in einem Preissegment, weit unter dem des Gravity. Wann werden diese Fahrzeuge in Europa verfügbar sein? Und welche Rolle spielen die Modelle in der Strategie von Lucid?
L. Hamilton: Wir starten die Produktion noch in diesem Jahr. Ziel ist es, die Werte von Lucid, wie beispielsweise Fahrdynamik, Design und Effizienz in eine Klasse mit deutlich höheren Stückzahlen zu transferieren. Planzahlen zu Verkäufen kann ich Ihnen an dieser Stelle noch keine nennen. Wir sind überzeugt, im Midsize-Segment eine gute Position einzunehmen.
Wo werden Sie die neuen Modelle produzieren lassen? Ebenfalls in Arizona, wo der Gravity vom Band läuft?
L. Hamilton: Die Midsize-Modelle werden für Europa in unserem Werk in Saudi-Arabien gebaut. Es ist das erste vollwertige Automobilwerk, das dort entstanden ist.
Bei den beiden ersten Fahrzeugen soll es sich um Crossover-Modelle handeln, die Earth und Cosmos heißen. Wo liegen die Unterschiede?
L. Hamilton: Mit Lucid Cosmos sprechen wir Kundinnen und Kunden an, die höchste Effizienz, viel Platz und starke Performance erwarten. Lucid Earth richtet sich an Menschen mit einem noch ausgeprägteren Abenteuergeist und überträgt unsere typischen Fahreigenschaften und Effizienz in ein robusteres Konzept.
Lucid Lunar
Können Sie schon etwas zum dritten Modell sagen?
L. Hamilton: Aktuell noch nicht. Details zu unserem dritten Midsize-Modell werden wir zu einem späteren Zeitpunkt bekannt geben.
Auf dem kürzlich stattgefundenen Lucid Investor Day haben Sie den Zweisitzer Lunar präsentiert. Was hat es damit auf sich?
L. Hamilton: Lunar ist ein Concept Car, das unsere Ambitionen zum Thema Robotaxi unterstreicht. Da wir meinen, das Robotaxis in der Mehrheit von Einzelpersonen oder Pärchen gebucht werden, setzen wir auf eine kompakte Größe.
Glauben Sie an den Robotaxi-Markt?
L. Hamilton: Absolut. Bedenken Sie nur die sehr viel geringeren Betriebs- und Fahrkosten gegenüber heutigen Taxis. Das wird ein riesiger Markt. Einen fixen Startpunkt haben wir nicht. Wir befinden uns hier noch in der Konzept-Phase.
Ist Lucid nicht bereits im Business Autonomes Fahren tätig?
L. Hamilton: Ja, wir arbeiten hier intensiv mit Uber und Nuro zusammen.
Lucid Gravity X Concept
Wo sehen Sie die Marke Lucid in Europa und Deutschland zum Ende der Dekade?
L. Hamilton: Wir haben ambitionierte, aber realistische Ziele, was Verkäufe und Markanteile angehen. Für genaue Zahlen ist es aus heutiger Sicht jedoch zu früh. Wichtiger für uns ist die Positionierung der Marke. Unser Anspruch ist, dem Kunden das beste Elektroauto der Welt anzubieten. In allen Aspekten. Er muss keinerlei Kompromisse eingehen.
Denken Sie, es ist für eine amerikanische Automarke aufgrund der derzeitigen politischen Situation schwieriger geworden, ihre ursprünglichen Ziele in Europa zu erreichen?
L. Hamilton: Einen negativen Einfluss auf die globale Situation, wie sie sich im Moment darstellt, sehe ich nicht. Ich kann mir sogar gut vorstellen, dass Kunden im Luxussegment einer relativ jungen Automarke sehr aufgeschlossen gegenüberstehen, die eben nicht aus dem Osten, sondern aus dem Westen kommt.
Ausländische Premium-Marken tun sich äußerst schwer auf dem europäischen und speziell auf dem deutschen Markt. Jaguar, DS, Genesis und Lexus sind nur einige prominente Beispiele. Was planen Sie, anders zu machen als die genannten?
L. Hamilton: Alle bisherigen Premium-Modelle im EV-Business kommen von traditionellen Herstellern. Wir sind ein Player, der auf einem weißen Blatt Papier beginnen konnte, kompromisslos. Lucid verfügt heute über die fortschrittlichsten Technologien auf dem Elektroantriebs- und Batteriesektor. Das wird sich herumsprechen und unser Markenimage weiter festigen.