Tipps für die Präventivarbeit in der Flotte: Ein autonomes Back-up an Bord hilft, dennoch ist der Fahrer gefordert

14.12.2018 06:00 Uhr

Ralph Feldbauer, Leiter Riskmanagement Flotten bei der Allianz, und Johann Gwehenberger, Leiter der Unfallforschung im Allianz Zentrum für Technik, über die Gefahren der Fahrroutine und empfehlenswerte Fahrzeugausstattung.

Gibt es Unterschiede bei der Häufigkeit von Parkschäden zwischen Dienstwagen- und Privatfahrern?

Ralph Feldbauer: Allein durch die vielfältige unterschiedliche Nutzung der Dienstwagen erhöht sich die Häufung von Parkschäden im Vergleich zu den Privatnutzern - nachweislich erkennbar über die für unsere Flottenkunden gefertigten professionellen Schadensanalysen. Der Firmenwagenfahrer zeigt eine wesentlich höhere Fahrleistung sowie nachvollziehbar einen größeren Zeitanteil im Straßenverkehr auf. Die klassischen Ursachen wie Ablenkung durch Telefonate, komplexere Fahrzeugbedienung, der Faktor Stress mit Fokus auf die Zeit und eine zunehmende Verkehrsdichte, aber auch immer weniger und verkleinerte Parkmöglichkeiten im Innenstadtverkehr sind die Grundlage für die höhere Schadensanzahl der Dienstwagenflotten bei Park- und Rangierschäden.

Die Fahrroutine der Vielfahrer wirkt sich hier also nicht positiv aus?

R. Feldbauer: Bei diesen vermeintlichen Kleinschäden wird der Selbsttäuschungsfaktor der Fahrroutine selbst altgedienten Dienstwagenfahrern schnell wieder bewusst. Allerdings erst nach Eintritt des Schadens und auch nur für einen begrenzten Zeitraum, da die Folgekosten in vielen Fällen nicht ihn direkt, sondern meist die Firma betreffen und der Sensibilsierungsfaktor auch daher wieder schnell abnimmt und sich diese Schäden dann auch wiederholen. Als Riskmanager kennen wir das Phänomen seit Jahren und nennen es landläufig die "Dienstwagenfahrermentalität". Nur durch gezielte Präventivansätze lassen sich hier Lösungsansätze finden und definieren. Die Schnittstelle zwischen Mensch und Technik wird insbesondere im Firmenfahrzeug in Zukunft noch weitaus relevanter.

Wenn so viele Unfälle beim Ausparken passieren, braucht es da nicht auch mehr automatische Auspark-Assistenten?

Johann Gwehenberger: Parkassistenten, die beim Ausparken unterstützen, zum Beispiel durch Warnen oder automatisches Bremsen beim Rückwärts-Herausfahren aus einer Querparklücke, wenn Kollisionsgefahr droht, sind bei richtiger Anwendung sicher hilfreich. Es gibt Systeme, die das nach vorwärtsgerichtete Bereitstellen des Fahrzeugs aus einer Längsparklücke beherrschen. Aber der Umgang mit den Systemen erfordert Übung und Erfahrung.

Das gehört also auf die Orderliste für den nächsten Dienstwagen?

J. Gwehenberger: Auf jeden Fall sollten künftige Flottenfahrzeuge einen automatisch bremsenden Park- und Rangierassistenten haben, der im letzten Bruchteil von Sekunden vor einer drohenden Kollision eine automatische Notbremsung einleitet. Damit können künftig viele ärgerliche Bagatellschäden und manchmal sogar größere Schäden verhindert werden.

Welche Fahrerassistenzsysteme halten Sie allgemein für absolut empfehlenswert gerade für die Dienstwagenfahrer, die zwar viel Routine haben, aber eben auch oft in brenzliche Verkehrssituationen geraten?

J. Gwehenberger: Aus unseren langjährigen Untersuchungen von mittlerweile über 30.000 leichten bis schwersten Verkehrsunfällen kristallisieren sich neben Assistenzfunktionen für das Parken und Rangieren und dem serienmäßigen ESP insbesondere solche Systeme heraus, die das Auffahren auf vorausfahrende Fahrzeuge, Fußgänger und Radfahrer oder Unfälle beim Spurwechsel- und Spurverlassen vermeiden helfen. Dabei sind jene Systeme besonders wirksam, die im Hintergrund dauerhaft aktiv sind, den Fahrer klar und unmissverständlich warnen sowie im äußersten Notfall eingreifen. Beispielsweise zeigen unsere aktuellen Wirksamkeitsanalysen für automatische Notbremssysteme (AEB), dass Fahrer von Fahrzeugen mit AEB in nur noch halb so viel Auffahrunfälle verwickelt sind wie Fahrer von Fahrzeugen ohne diese Technik.

Wie aufmerksam bleibt denn der Fahrer, wenn er ein solches Back-up hat? J.

Gwehenberger: Auch mit AEB ist nach wie vor die Gefahr von Auffahrunfällen nicht vollständig gebannt. Man darf sich auch mit Assistenzsystemen nicht in absoluter Sicherheit wiegen. Der Fahrer ist und bleibt noch lange in der Verantwortung bei seiner Fahraufgabe und sollte deshalb die Grenzen der in seinem Dienstwagen eingebauten Systeme kennen.

Herr Feldbauer und Herr Gwehenberger, herzlichen Dank für das Gespräch.

Interview:

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