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Mit dem ID.3 zu den E-Pionieren - Teil 4/5

Urban Distribution vs. Luftfracht

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Nordhessen ist belannt für seine Fachwerkhäuser. Und VW hat ein Werk in Baunatal. Ob der Motor unseres ID.3 wohl daher kommt?
© Michael Blumenstein/Autoflotte

Die vierte Etappe der ID.3-Deutschland-Tour startet mit einem Déjà-vu in Bochum und endete mit Ehrfurcht in Eisenach. Ladepause gab es auch wieder: interessante, langweilige und teure.

Geht es nach Herbert Grönemeyer, ist Bochum die Perle des Ruhrgebiets. Geht es nach Tropos, wird Herne der Nabel der urbanen E-Distribution. Das vom Automobillogistik-Experten Mosolf gegründete Startup liefert mit dem "Able" einen schmalen und wendigen Elektro-Kleintransporter, der einem Wettbewerber wie aus dem Gesicht geschnitten sieht. Dabei bewahrheitet sich wieder mal, dass es noch lange nicht dasselbe ist, wenn zwei das Gleiche tun.

Auch im Falle des Able kommen die Grundkomponenten aus dem Reich der Mitte. Doch in der piekfeinen Produktionshalle werden eben lediglich die Grundkomponenten verwendet. Sobald es ins Detail geht, etwa bei Elektronik, Verschraubungen oder gar den Aufbauten, kommen deutsche oder europäische Hersteller zum Zug. Schick steht er nun auf schwarz lackierten Alurädern. Pritsche oder wahlweise Kofferaufbau wirken wie aus dem Vollen gefräst. Dafür muss der Kunde ein wenig mehr berappen, als für das Wettbewerbsprodukt von der anderen Seite der Perle (siehe Autoflotte 4/2021).

260 Kilometer Reichweite

Heute tauschen wir kurzfristig das Volant unseres ID.3 mit dem eines Able XT2, dem Spitzenmodell von Tropos. Mit seinem Li-Ion-Akku mit 26 kWh Kapazität verspricht der Hersteller bis zu 260 km Reichweite. Als ID.3-Fahrer ist man angesichts solcher Angaben skeptisch, denn der VW würde damit gerade mal gut 100 km weit kommen. Allerdings ist der XT2 nur mit maximal 61 km/h unterwegs. Seine Domäne findet der 3,70-Meter-E-Truck daher in der Stadt, wo er je nach Konfiguration bis zu 700 kg laden und sogar noch bis zu 300 kg ziehen dürfte. Der Zehn-kW-Motor beschleunigt das Wägelchen elektrotypisch flott. Die Kabine ist naturgemäß knapp geschnitten, bietet aber gute Übersicht. Auch wenn in Cockpit und Innenraum Hartplastik in "frischem Grau" dominiert, ist der Deutsch-Chinese kaum schlechter verarbeitet als unser ID.3.

Wir starten bei Tropos mit nicht komplett gefülltem Akku. Aber das kalkulierte Zwischenziel auf dem Weg gen Osten, die Shell Recharge-Station in Geseke an der A44, sollten wir erreichen. Die Raststätte Hellweg Süd präsentiert sich nahezu menschenleer. Als E-Automobilist freut's einen, denn das verheißt eine freie Ladesäule. Wir waren heute bereits 130 km unterwegs und zapfen 29,41 kWh und damit die bei kalten Temperaturen üblichen 22 kWh. Und ein Blick in die Abrechnung zeigt, dass das Nachfassen an diesem Schnelllader ein teurer Spaß ist. Wir bezahlen 70 Cent (inkl. Steuer) für die kWh. Kurzes Rechenexempel: 22 kWh pro 100 km à 70 Cent macht 15,40 Euro. Als wir diesen Beitrag verfassen, kostet der Liter Diesel in München im Schnitt 1,33 Euro. Man hätte für die 15,40 Euro also knapp 11,6 Liter Diesel bekommen. Und wer jetzt meint, das wäre eine Milchmädchenrechnung, der hat recht ... Denn mit dem Diesel wäre ich nicht mit maximal 120 km/h durch die Lande geschlichen. Zugegen weist die Shell Recharge-Säule den gezapften Strom als Ökostrom aus. Wenn also die Kostenbilanz der E-Mobilität noch nicht stimmt, so bleibt zumindest das gute Umweltgewissen. Nach weiteren 175 km halten wir im schönen Werratal. Denn hier bietet die Raststätte - so, wie es sich gehört - Strom direkt neben Diesel und Benzin. Man fühlt sich als Kunde 1. Klasse.

Wir gehen in die Luft

Unser nächster Themenstopp führt uns zum Flughafen Eisenach-Kindel. Haben Sie nie zuvor gehört? Wir auch nicht. Aber es gibt ihn wirklich und dort erwartet uns eine ganz besondere Attraktion: Wir gehen quasi in die Luft. Ein befreundeter Logistikunternehmer aus der thüringischen Nachbarschaft sagte:"Fahrt zu Sven Lindig nach Eisenach. Der liefert mir meine Flurförderzeuge und beschäftigt sich unter anderem auch mit Brennstoffzellen-Staplern. Und er hat ein recht außergewöhnliches Hobby - E-Flieger." Gesagt, getan.

Was uns allerdings tatsächlich erwartete, hat uns dann doch die Sprache verschlagen. Sven Lindig baut echte E-Flieger für Passagiere. Neben einem Viersitzer, der seine Flug- und durchaus auch Langstreckentauglichkeit bereits bewiesen hat, hat sich Lindig einer besonderen Kuriosität angenommen: dem Horten Nurflügler. Kleiner Ausflug in die Geschichte: Reimar Horten war ein genialer Flugzeugkonstrukteur, dem es als Erstem gelang, ein Flugzeug ohne Rumpf in die Luft zu bekommen. Das war in einer Zeit, als 1.000 Jahre auf letztlich zwölf Jahre verkürzt wurden ... Heißt auch, dass im Mai 1945 all sein Wissen in die Hände der amerikanischen Besatzer fiel - und letztlich den Grundstock für die heutigen Tarnkappenbomber der Amis bildete.

Sven Lindig und seine Mitstreiter, Bernhard Mattlener - übrigens Gründer der neuzeitlichen Horten Aircraft - sowie Flugingenieur Hans Heinen, haben aber eine deutlich sympathischere Verwendung für den Nurflügler. Der Prototyp HX-2 war das erste zivile Nurflügelflugzeug. Es absolvierte im September 2017 ihren ersten Rollout. Bis es zum ersten Mal auch in die Luft ging, sollte es noch ein Jahr dauern. Statt des geplanten Start-und-Stopp wurden daraus - vor lauter Begeisterung aller Beteiligten - zwei 20-minütige Testflüge. Zugegeben trieb die HX-2 damals noch ein Verbrennungsmotor an.

Auch mit Wasserstoff

Doch durch die spezielle Konstruktion mit viel Volumen in den Flügel, bietet sich die HX-2 geradezu an, sie mit Brennstoffzellentechnik auszustatten und mit Wasserstoff zu betreiben. Lindig und seine Partner arbeiten mit Hochdruck daran, ihr ehrgeiziges Projekt baldmöglichst in die Luft zu bringen.

Für uns heißt es, auf den Boden der Tatsachen zurückgekehrt, die Heimreise anzutreten. Eisenach-Kindel nach München: rund 400 km. Wieder mal kalkulieren wir mit Erfahrungswerten und Ladeapps, wie wir die letzte Etappe angehen - denn zugegeben, nach drei Tagen quer durch die Republik und vielen interessanten Menschen ist es 17 Uhr geworden und wir wollen nur noch heim. Also, mit 100 schleichen, einmal zwischenladen; oder doch 130, dafür mit dem Risiko, zweimal laden zu müssen? Irgendwie hätte man als E-Auto-Fahrer beste Voraussetzungen, um auch in der Formel 1 Strategieplaner für die Tankstopps zu werden ...

Wir entschließen uns zu "lieber langsam" und dafür nur einmal laden. 400 km ziehen sich wie Kaugummi, wenn man Tempomat 107 fährt. Die sonst so anregenden Gespräche bei den diversen Besuchen und Ladestopps sinken aufs absolut Notwendige. Es gibt keine Mails mehr, die man beim Ladestopp des Nachts um 20:00 Uhr noch abarbeiten könnte oder müsste. Alle Zeitungen sind ausgelesen. Ergo überbrücken nur noch ein lauwarmer und mies schmeckender Tankstellenkaffee und eine fade Wurstsemmel aus dem Shop die Wartezeit in Erlangen.

Sven Lindig, CEO LINDIG Fördertechnik

Was bedeutet Elektromobilität für Sie?

2014 durfte ich erstmalig einen Tesla Roadster fahren. Großer Fahrspaß, aber nicht alltagstauglich. Nachdem ich 2016 das Model S testete, wurde ich Tesla-Fan und entschied mich für die Marke. Ich sehe aber nicht nur den Fahrspaß in einem rollenden Computer. Ich bin überzeugt, dass wir von fossilen Brennstoffen wegmüssen.

Ist Elektromobilität aus Ihrer Sicht die beste Antriebsform?

Ich bin für Technologieoffenheit und dafür, den für die jeweilige Fahrzeugklasse besten Weg zu wählen. Für Pkw sehe ich BEV als effizientesten Antrieb an. Es gibt aber teilweise hohe Energiebedarfe, z.B. für Kommunalfahrzeuge, Lkw, Schiffe oder Flugzeuge. Hier ist grüner Wasserstoff die bessere Alternative. Dieser bietet sich auch als Speichermedium an, um die volatilen erneuerbaren Energien besser für die Energiewende zu nutzen. Aber auch andere eFuels können bei positiver Gesamtenergiebilanz eine Rolle spielen, um Verbrenner sauber zu betreiben.

Was könnte bei der E-Mobilität besser gemacht werden?

Das Henne-Ei-Problem der Ladeinfrastruktur hat nur Tesla ganzheitlich gelöst, dies hat die deutsche Autoindustrie zuerst peinlich verschlafen. Nun ziehen Ionity & Co Ladesäulen hoch und verprellen im zweiten Schritt die Nutzer mit überzogenen Ladepreisen. Wir brauchen ein intelligentes Ladenetz mit Fähigkeiten wie Ladezeitensteuerung und bidirektionales Laden zur Nutzung der Akkus zur Netzstabilisierung.

Welches Elektrofahrzeug ist Ihr Favorit?

Nach wie vor mein Tesla Model X, weil ich hier die gesamte - nicht ganz kleine - Familie mitnehmen kann. Die Flügeltüren erinnerten mich an den Film "Zurück in die Zukunft" und es heißt ja so schön:"Männer bleiben immer Jungs, nur die Spielzeuge werden teurer ..." ;-)

Fahren - oder vielleicht in Ihrem Fall fliegen - wir 2030 alle elektrisch?

Ganz sicher nicht, hier wette ich gerne. Es wird vielleicht irgendwann die Produktion neuer Verbrenner eingestellt. Aber nicht jede neue Technologie "killt" sofort die vorherige, Zeitungen werden trotz Internet noch gelesen. Der Anteil elektrischer Antriebe wird zunehmen und ich bin überzeugt, dass unsere batterieelektrische F2e von Flight Design in hoher Stückzahl am Himmel zu sehen ist. Unser Projekt Horten Aircraft wird dann hoffentlich mit grünem Wasserstoff in den voluminösen Flügeln als Mittelstreckentaxi deutsche Verkehrslandeplätze miteinander verbinden.

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