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Fahrbericht Rolls-Royce Cullinan

Krösus fürs Grobe

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Der erste Geländewagen der Rolls-Royce-Geschichte ist sich auch für Wasserdurchfahrten nicht zu schade.
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Bislang wurde sie allenfalls vom Champagnerduft umweht. Doch jetzt kann sich Emily auf Staub und Schmutz gefasst machen. Denn künftig thront die berühmteste Kühlerfigur der Welt auch über dem ersten SUV von Rolls-Royce: Vorhang auf und Bühne frei für den Cullinan.

Von Benjamin Bessinger/SP-X

Ist das Euer Ernst? Diesen schmutzigen Feldweg soll ich nehmen? Mit einem Rolls-Royce? Wo die Briten bislang peinlichst genau darauf geachtet haben, dass ja kein Körnchen Staub den prallen Glanz ihrer protzigen Karossen trüben kann, schicken sie ihre Premierengäste jetzt ins Abseits. Und das mit voller Absicht. Denn hier und heute geht es nicht um eine neue Version von Phantom oder Ghost, sondern um den Cullinan – das ersten SUV im Zeichen der Spirit of Exctasy. Nachdem sich die britische Luxusmarke (viel zu) lange dem Trend verweigert und so Modellen wie dem Range Rover oder dem Bentley Bentayga reichlich Luft gelassen hat, zieht die noble BMW-Tochter zum Jahresende endlich nach und setzt dem SUV mit dem Cullinan die Krone auf. Das gilt bei 5,34 Metern Länge, 3,30 Metern Radstand und 1,83 Metern Höhe für die Proportionen genauso wie für die Präsenz des Designs mit dem wuchtigen Grill am Bug und dem skurrilen Bürzel am Heck - und das gilt erst recht für den Preis, der bei 315.000 Euro beginnt und damit selbst im Luxussegment unerreicht ist.

So ungewohnt das Terrain für den Cullinan ist, so tapfer schlägt er sich auf den neuen Wegen. Mit dem ersten Allradantrieb in über 100 Jahren, einer Luftfederung, die den Wagen bei Bedarf um vier Zentimeter weiter aufbockt, und vor allem mit schier unendlichem Vortrieb schiebt sich der Gigant aus Goodwood durchs Gelände und ist sich weder für Matsch noch Modder zu schade. Und wer sich dabei nicht auf die Offroad-Automatik verlassen will, kann aus sechs weiteren Geländeprogrammen für Schnee, Sand, Schotter & Co wählen. Es scheint so, als meinten es die Briten wirklich ernst mit dem Abenteuer-Auto für den Geldadel.

Aber der Cullinan eignet sich nicht nur fürs Abenteuer, sondern mehr als jeder andere Rolls-Royce vor allem für den Alltag. Nicht umsonst gibt es zum ersten Mal bei den Briten so etwas wie einen ernsthaften Kofferraum mit geteilter Klappe und niedriger Ladekante, eine umklappbare Rückbank, mit der man das Ladevolumen auf knapp zwei Kubikmeter erweitern kann und sogar eine Anhängerkupplung.

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Rolls-Royce wäre allerdings nicht Rolls-Royce, wenn es nicht auch ein paar eher snobistische Sonderausstattungen gäbe. Nicht nur, dass die Briten für mehrere tausend Euro einem Picknick-Koffer ins Heck stellen. Nein, sie haben auch so genannte "Recreation Modules" entwickelt, die als elektrische Schubladen für Freizeitgegenstände wir Angelruten, Jagdwaffen oder Kamera- Ausrüstungen maßgeschneidert wurden. Und wer endlich mal ein Pferderennen mit Stil verfolgen will, der lässt aus dem unteren Teil der Heckklappen auf Knopfdruck die beiden Klappsessel der "Viewing Suite" heraussurren.

Picknicktische samt integriertem Tabletcomputer

Zwar betritt Rolls-Royce mit dem Cullinan buchstäblich Neuland. Doch den Kunden wird das Auto ausgesprochen vertraut vorkommen. Vorne, weil das Cockpit genauso charmant antiquiert ist wie bei allen anderen Rolls-Royce-Modellen und man um die animierten Instrumente und den mittlerweile zu kleinen Touchscreen mehr Lack und Leder findet als in jedem anderen Auto und dazu noch lieb gewordene Schrullen wie die Orgelzüge an den Lüfterdüsen oder die Rändelräder für die Klimaregelung. Und hinten, weil schon die normale Rückbank ein wunderbar bequemes Sofa ist, vor dem auf Knopfdruck Picknicktische samt integriertem Tabletcomputer ausfahren. Wer noch einmal den Gegenwert eines Kleinwagens drauf packt, bekommt dort stattdessen zwei luxuriöse "Executive Seats" mit Barfach in der Mitte und einer Trennscheibe zum Kofferraum, damit beim Laden weder Lärm noch Wind in die Wohlfühlzone dringen. Während Rolls-Royce den Cullinan eigentlich als Auto für Selbstfahrer sieht, wird er so dann doch zur Chauffeurs-Limousine mit erweitertem Aktionsradius.

Allerdings wäre es jammerschade, die Freude am Fahren einer bezahlten Hilfskraft zu überlassen. Schließlich steckt unter der Haube ein famoser V12 mit imposanten 571 PS und noch wichtiger 850 Nm Drehmoment. Die lassen selbst die 2,7 Tonnen kalt, die der Cullinan auf die Waage bringt. Ohne jede Mühe beschleunigt der Koloss deshalb in 5,2 Sekunden auf Tempo 100 und läuft locker und entspannt bei 250 km/h in den Begrenzer.

"Waftability" nennt Rolls-Royce dieses Erlebnis, das sich so anfühlt, wie man sich Beamen vorstellt. Und wie es sich für einen Rolls-Royce gehört, bügelt er mit der Luftfederung die Straße so glatt, dass man der Welt völlig entrückt ist und sich auf einem fliegenden Teppich wähnt. Selbst das Format schmälert dieses Erlebnis nicht, weil Rolls-Royce einen Hinterachslenkung einbaut und der Cullinan so leichter um die Kurve kommt. Dazu noch zwei extra Zentner für den Schallschutz, lärmschluckenden Schaum in den Reifen und das dickste Dämmglas am Markt - schon hat man den komfortabelsten Geländewagen, den man sich denken kann.

20 Liter gönnt sich der Cullinan in der Praxis

Den Preis dafür zahlt man aber nicht nur an der Tankstelle, weil der Cullinan schon auf dem Prüfstand 15 Liter schluckt und sich in der Praxis eher 20 gönnt. Vielmehr man merkt die schiere Masse auch beim Bremsen und in jeder Kurve. Denn auch mit allem Geld der Welt lässt sich die Physik nicht bestechen - zumal sich die Briten zum Beispiel einen Wankausgleich mit 48-Volt-Stellern, wie es ihn bei Bentley gibt, gespart haben. Doch Eile tut in einem Auto wie dem Cullinan nicht not. Denn wer es in einen Rolls-Royce geschafft hat, der muss sich von nichts und niemandem mehr hetzen lassen.

Selbst der Dreck am Lack und der Staub auf der Spirit of Exctasy sind für einen echten Rolls-Royce-Fahrer kein Problem. Erstens, weil es ganz sicher eine Servicekraft gibt, die sich sofort nach der Rückkehr darum kümmert. Und zweitens, weil der gemeine Rolls-Royce-Kunde noch mindestens ein Dutzend weiterer Autos hat, von denen schon irgendeines frisch poliert sein wird.

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