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Morgan PlusFour

New Normal?

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Den Morgan PusFour gibt es seit 1950. Die Außenhaut des Roadsters hat sich seitdem nur sehr dezent verändert.
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Briten sind skurril. Nicht nur des Brexits wegen. Morgan zum Beispiel fertigt noch immer automobile Juwelen und zelebriert dabei Handwerkskunst. Wir sind den neuen PlusFour gefahren. Im Winter. Im Schnee. Und mit viel zu viel Leistung für eine Tonne Gewicht. Normal ist anders.

Von Autoflotte-Chefredakteur Michael Blumenstein

Normalerweise schreiben wir bei Autoflotte nicht über Fahrzeuge wie diesen Morgan. Normalerweise fahren wir keine Roadster. Normalerweise sind Roadster im Winter generell tabu. Normalerweise sind Autos höher als 1,25 Meter. Normalerweise besitzen Neuwagen ESP. Normalerweise auch Airbags. Normalerweise sind Neuwagen wind- und wasserdicht. Normalerweise haben Autos keine Speichenräder. Normalerweise auch keine Kotflügel im klassischen Sinn. Normalerweise haben Autos zwei Scheibenwischer, manche einen, der Morgan hat drei. Normalerweise haben Autos keine Schiebefenster. Normalerweise haben Autos keine Einstecktüren. Normalerweise sitzen die Fondpassagiere auf der Hinterachse. Normalerweise haben Autos ein Touch-Screen-Infotainmentsystem mit kompliziertem Menü. Normalerweise lassen sich dort Smartphones spiegeln. Normalerweise haben Autos Spiegel, in denen der rückwärtige Verkehr erkannt wird. Normalerweise haben Pkw Lüftungsdüsen für die Frontscheibe. Normalerweise haben Autos keine 258 PS und 400 Newtonmeter – bei einer Tonne Gewicht. Normalerweise gehören Motor und Getriebe des Morgan PlusFour in einen BMW 330i oder 530i. Normalerweise haben Fahrzeuge, die wie Oldies aussehen, keine perfekte Achtgang-Automatik. Normalerweise sind Autos so leise, dass man sich problemlos unterhalten kann – innen wie außen. Normalerweise muss man sich in moderne Autos nicht hineinwinden. Normalerweise wäre das Jahr 2020 für die meisten anders abgelaufen. Doch was ist wirklich noch normal?

Kann 2021 bitte wieder Old Normal sein?

Ein Morgan PlusFour ist es in keinem Fall. Und schon gar nicht im Winter. Bei Schnee. Bei Kälte. Es zieht rein, Wassertropfen landen im Gesicht und die Kunststoffheckscheibe ist schnell von Salznässe zugesuppt. Vielen könnte dieser Anblick die Tränen in die Augen treiben. Uns eigentlich auch. Und doch zeigt genau solch eine Tour, dass nichts normal sein muss, aber alles normal sein kann.

Hätten wir vor einem Jahr gedacht, dass viele Dinge nicht mehr so "funktionieren" wie bisher? Hätten wir gedacht, dass Grenzen in der EU und weltweit schließen? Hätten wir gedacht, dass über Jahrzehnte geübte Handlungen wie der freundliche Händedruck von jetzt auf gleich verschwinden? Hätten wir gedacht, dass das wir auf Fotos nicht mehr grinsen müssen und es keiner merkt? Sicherlich nicht. Das Jahr 2020 lehrte uns, dass wir nichts als normal ansehen dürfen und Dinge stets einer Überprüfung unterzogen werden sollten. Mal im Kleinen, mal im Großen. Das erweitert den Horizont. Selbst dann, wenn dieser spätestens an der Landesgrenze enden muss und jeder wieder für sich im Kleinen agiert.

Um zurück zum Morgan PlusFour zu kommen: Hätten Sie gedacht, dass unter der traditionellen Hülle durchaus Hightech steckt? Der Zweiliter-Turbo-Vierzylinder wird in München zugekauft, andere Teile stammen beispielsweise aus dem PSA-Regal und wieder andere sind selbst gemacht oder wurden nach Vorgabe angefertigt. Was im Fall des PlusFour herausgekommen ist, ist ein Automobil der Superklasse – kein Witz. Auch wenn der 1,25 Meter flache Roadster nicht so aussehen mag ist er vor allem für eins gemacht: fürs Fahren. Von welch anderem Automobil kann das heute noch behauptet werden?

Bildergalerie

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Normalerweise sind Roadster im Winter generell tabu. Für den Morgan PlusFour haben wir eine Ausnahme gemacht.
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Eng. Unübersichtlich. Laut. Luftig.

Der Fahrerplatz ist eng, unübersichtlich, laut und luftig – letzteres selbst dann, wenn alle Optionen verschlossen sind. Dafür bekommt man aber volle Kontrolle – in Eigenregie. Elektronische Helferlein gibt es nur in Form von ABS. Ungewohnt – auf den ersten Kilometern. Doch schnell stellt sich Vertrauen ein. Vertrauen zur zielgenauen Lenkung, zum unterforderten Schaltautomat, zum Gaspedal, zum spontan reagierenden Motor, zum Hinterradantrieb und Vertrauen zum Weg zwischen all den genannten Bausteinen bis zum eigenen Hirn, dass idealerweise alles miteinander verbindet und der PlusFour genau das macht, was man sich vorgestellt hat. Mit seinem sanften und gutmütigem Fahrwerk unterstreicht der Brite, dass er durchaus als Reisewagen durchgehen könnte. Sofern man all seine Notwendigkeiten in einen artgerechten Koffer auf dem Ersatzrad montiert. Spartanisch ist dann nicht nur die Ausstattung im Auto, sondern auch die der beiden Insassen. Dass der Verzicht auf so viele Dinge dennoch ein gutes Gefühl bringen kann, beweist der Morgan nachhaltig. Umschlungen von einem aus Esche gefertigten Cockpitrahmen (nicht sichtbar), das andere aus Karbonfasern herstellen, und viel Aluminium stellt er sich auch widrigsten Wetterbedingungen entgegen und garantiert nach dem Aussteigen auch im Winter ein Grinsen – sofern man neben all der heute gebotenen Hochspannung noch einen Funke Benzin im Blut hat.

Normal ist der Morgan PlusFour nicht – leider. Er hätte es verdient und er würde die Welt ein wenig freundlicher machen – gerade 2020 hätten wir es oft gebrauchen können. Ebenso, wie die rund 65.000 Euro (netto), die Morgan für die Basis des PlusFour mit Handschaltung haben möchte. Viel Geld, doch wenn man bedenkt, dass etwa 85 Prozent aller Morgan noch existieren – sie werden seit 1909 produziert – relativiert sich solch ein Betrag. Einen Morgan kauft man sich genau ein Mal im Leben. Ein nachhaltiges "Invest", denn auch der Wertverlust hält sich in Grenzen und sprengt die üblichen Muster. Und falls es wirklich jemanden interessiert: 6,8. So lautet unser Verbrauch auf rund 300 Kilometern. Für einen echten Sportwagen auch nicht normal.

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