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Ausgabe 03/2020

Chance vertan?!

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© AUTOFLOTTE

Opel baut sich um. Oder besser: wird umgebaut. PSA reduziert Rüsselsheim, und genau jetzt wäre die Zeit, dass sich die Hessen "vergrünen". Den intrinsischen Anfang macht der erneuerte Astra.

PSA, also Peugeot Société Anonyme und allen voran der Chef, Carlos Tavares, sind bekannt fürs Sparen und Reduzieren. Fürs Einkaufen neuerdings auch. So verleibten sich die Franzosen 2017 Opel und Vauxhall ein. Und dieses Jahr ist FCA dran. FCA? Fiat Chrysler Automobiles. Also das Italo-US-Konglomerat mit enormem Potenzial - ebensolches besitzt übrigens Opel, wie unter anderem der geliftete Astra mit neuen Details zeigt.

Opel könnte grün sein

Opel und Potenzial? Ja, und zwar genau in dieser neuen Konstellation. Die Franzosen machen mit Citroën, Peugeot und DS auf en vogue, technokratisch und fancy; die Italiener auf bella italia (Fiat 500), sportlich (Alfa Romeo) und luxuriös (Maserati). Und die Deutschen? Die könnten einen auf Öko machen. Denn die Nische besetzt im Konzern bisher niemand. Und wenn man das Thema jemandem abnimmt, dann doch den Deutschen. So könnte der hessische Automobilhersteller in diesem Markenverbund perfekt zur grünen Marke mutieren. Und als erster Automobilhersteller das Versprechen der gesamten Industrie umsetzen, grün sein zu wollen. Opel hingegen sucht bei seinen verbliebenen Kunden gerade "The Normal Ones". Netter Werbespruch, interessiert aber niemanden. Und dass Opel die "deutsche Marke" ist, ist auch abgedroschen.

Das Reduzieren lernen die Opelaner gerade auf die harte Tour. So schrumpfen die Marktanteile auf Importeurniveau (im Dezember rund vier Prozent, sechs übers Jahr), die Mitarbeiterzahl verringert sich um Tausende (immerhin mit veritablen Abfindungen) und das Produktportfolio schwindet zusehends. Der Sportableger OPC ist tot. Opel Karl? Tot. Opel Adam? Tot. Opel Cascada? Tot. Und beim Inisgnia schrumpft die Leistung des Spitzenmodells GSI. 2017 mit 260 Benzin-PS gestartet (damals noch nicht GSI genannt), sind wir aktuell beim (ebenfalls gerade vorgestellten) Faceliftmodell bei 230 PS angekommen. Ausreichend, doch eben weniger als Skoda Superb, VW Passat, Alfa Romeo-Giulia,... bieten. Ist das schlimm? Nein, im Gegenteil. Es passt zum Grünsein, was meist mit weniger ist mehr einhergeht. Und Opel sollte das bewerben.

Astra Topdiesel hat 122 PS

Das Weniger ist auch beim Astra der Fall. So hat der neue Topdiesel nur noch 122 PS. Die holt er aus einem neuen 1,5 Liter kleinen Dreizylinder. Die Zahlen lesen sich schlimmer, als es sich anfühlt. Zwar ist er mit dieser Leistungsstufe bei vielen Dienstwagenfahrern per se raus. Doch dieses gelernte Handeln ist ein Fehler. Der neue Selbstzünder, der noch unter GM-Ägide entwickelt wurde, verrichtet seinen Dienst tadellos. Er ist angenehm in der Tonlage und leise. Vibrationsarm nur, wenn die Kurbelwelle sich mindestens 1.800 Mal in der Minute dreht, andernfalls gibt's was auf die Ohren und Ameisen in die Hände. Und die Leistung? Ja, eine Rakete ist er nicht. Aber auch dank seines - für einen Kombi - exzellenten Cw-Werts von knapp 0,26 erklimmt er auf der Autobahn mit ein bisschen Anlauf die Skalen jenseits von 210.

Beim Beschleunigen helfen 285 Newtonmeter (als Handschalter 300), um flott mitmischen zu können. Kleinerer Hubraum, weniger Zylinder und neuer Vollaluminiummotor, da müsste beim Verbrauch ja einiges drin sein. Und genau das ist ein bisschen die Krux an der grünen Geschichte. Zwar sind weder 17-Zoll-Winterräder noch Temperaturen unter dem Gefrierpunkt gut, um Verbrauchsrekorde einzufahren, weshalb mit Sommerpneus sicherlich ein knapper halber Liter weniger möglich ist. Aber selbst dann wird es schwierig, unter sechs Liter zu kommen.

Handschalter wählen - leider

Eine Vermutung, woran das liegen könnte: Das neue, erstmals in einem Kompaktkombi erhältliche Neungang-Automatikgetriebe. Prinzipiell eine sinnvolle Entscheidung, die Kraft des Diesels auf neun Gänge zu verteilen (zuvor waren es sechs). Es klappt aber nicht gut. Zwar sind die Gangwechsel sehr weich. Die Wahl des richtigen Gangs ist jedoch nicht das Steckenpferd des neuen Getriebes, was im zuvor beschriebenen Brummen bei niedriger Drehzahl oder hektischem Hin- und Herschalten mündet. Dadurch, und durch den spürbar großen Wandlerschlupf beim Anfahren, geht Energie verloren und der Spritdurst nach oben. Schon die Normwerte liegen einen Liter höher als beim Schaltgetriebe.

Ein Leider gibt es auch zu einer weiteren Neuerung. Alcantara nennt sich die Marke, die das Veloursleder perfekt imitiert und eine sehr hochwertige und gefühlvolle Alternative zum klassischen Leder ist. So kostet der Bezug in Verbindung mit den empfehlenswerten, vielfach einstellbaren Gesundheitssitzen (AGR) zwar 1.038 Euro. Sie werten das Interieur aber spür- und sichtbar auf. Ganz nebenbei könnte man es als "vegane Alternative" anpreisen, was wieder zum grünen Image passt. Denn auch an Schaltwählhebel und Handbremse findet sich (aus Kostengründen schon länger) nichts tierisches mehr. Leider jedoch am Lenkrad - und zwar zwingend. Chance vertan.

Weitere Neuerungen: Das Teildigital-Kombiinstrument, neue Ablagen und ein neues Infotainmentsystem, wenn man das teuerste inklusive Navi wählt. Eine Empfehlung bekommt es nicht. Die Sprachbedienung verlangt noch immer exakt vorgegebene Sprachkommandos und Autobahnen, die seit mehr als einem Jahr fertiggestellt sind, fehlen im Datensatz. Das ist zwar nicht das Versagen des Opel-Navis, wohl aber des Gesamtsystems, das sich auf nicht zeitgemäße Kartendaten verlässt. Denn wer Smartphone-Spiegelung kennt und liebt, fährt mit Google Maps, Waze oder Apple Karten besser - und serienmäßig günstiger. Induktives Handyladen kostet hingegen extra (126 Euro); Bose-Lautsprecher (639 Euro) werden als weiteres Glanzlicht angepriesen. Dass es bei der empfehlenswerten Business-Edition, die für Vielfahrer mit kleinen, kostengünstigen Rädern, einem dadurch exzellenten Fahrkomfort und weiteren sinnvollen Details die Lautsprecher nicht gibt, leuchtet noch ein. Nicht aber, dass diese Kunden ab sofort auf das überarbeitete LED-Matrixlicht verzichten müssen. Dieses Highlight gibt es nur noch für die teureren Ausstattungslinien.

Dass Opel Fahrwerke konstruieren kann, ist bekannt. So überzeugt auch das im Astra überarbeitete in Kombination mit 17-Zoll-Rädern mit straffer Sportlichkeit und guter Rückmeldung und macht den 4,70-Meter-Kombi flott in Kurven. Ein bisschen Maskerade an der Front und ein optional erhältliches "Schwarz-Paket", bei dem fast alle silberglänzenden Anbauteile eingedunkelt wurden, sind weitere Kleinigkeiten.

Ein Hüpfer ins Grüne

Wie gut hätte eine echte News in dem Zusammenhang getan: "Rüsselsheim wird grün". Denn Opel bringt 2020 nicht nur zwei Plug-in-Hybride, über deren Grünsein man sich - wie bei allen Phev - streiten kann, sie bringen auch noch den Elektro-Corsa, den elektrischen Zafira Life und den Vivaro-e und reduzieren - gezwungenermaßen, aber das kann man anders verkaufen - Motorleistung, Verbrauch, Wartungskosten (bei den reinen E-Modellen) sowie bislang mit Händler-Subventionen teuer erkaufte Marktanteile.

Runterschalten statt höher, weiter, schneller, mehr. Stattdessen wirbt der Hersteller im Dschungelcamp-Umfeld, trällert in den Werbepausen und Social Media "The Normal Ones" und packt eine nur fast vegane Ausstattung in den Astra.

Von Autoflotte getestet

+AGR-SitzeErgonomieKostengünstig-Mit Automatik nicht sparsamNaviMatrixlicht nicht für alle

Opel Astra Sports Tourer Elegance 1.5d AT

Preis ab: 27.080 EuroR3/1.496 cm³ | 90 kW/122 PS 285 Nm ab 1.500 U/min | 9-Gang-AT 205 km/h | 11,1 s 5,1 - 5,4 D | 132 - 141 g/kmEffizienz: A 4.702 x 1.871 x 1.560 mm 540 - 1.630 lHK: 17 | TK: 21 | VK: 20Wartung: 30.000/jährlichGarantie: 2 Jahre

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