Große Displays und immer weniger Tasten prägen moderne Fahrzeuginnenräume. Doch bei den Autofahrern kommt die Verlagerung zentraler Funktionen auf den Touchscreen offenbar nur bedingt an. Sieben von zehn Befragten in Deutschland wünschen sich für bestimmte Fahrzeugfunktionen klassische Schalter und Drehregler. Untersuchungen des Allianz Zentrums für Technik (AZT) liefern dafür eine sicherheitsrelevante Begründung: Ablenkung kann das Kollisionsrisiko in kritischen Situationen nahezu verdreifachen.
Das moderne Cockpit wird zunehmend digital. Große Displays bündeln Navigation, Unterhaltung, Klimatisierung und zahlreiche Fahrzeugeinstellungen. Was früher mit einem Griff zum Schalter oder Drehregler erledigt war, führt heute teilweise über Bildschirmmenüs und mehrere Eingaben. Für die Gestaltung des Innenraums eröffnet das neue Möglichkeiten. Doch aus Sicht der Verkehrssicherheit stellt sich eine andere Frage: Wie lange darf eine Bedienhandlung den Blick von der Straße wegführen?
Eine internationale, repräsentative Fahrerbefragung aus neun Ländern (je 1.200 Personen) im Auftrag des AZT liefert dazu ein deutliches Stimmungsbild. In Deutschland bevorzugen 70 Prozent der Befragten bei bestimmten Fahrzeugfunktionen klassische Bedienelemente wie Tasten und Drehregler, statt ausschließlich über einen Touchscreen zu steuern. Damit erreicht Deutschland unter den untersuchten Ländern sogar den höchsten Wert. Es folgen Australien mit 67 Prozent sowie Österreich, die Schweiz und Frankreich mit jeweils 66 Prozent. Der Durchschnitt über alle untersuchten Länder beträgt 65 Prozent.
Bemerkenswert ist dabei, dass die Präferenz für Tasten keineswegs nur bei älteren Autofahrern ausgeprägt ist. In Deutschland sprechen sich laut Untersuchung ausgerechnet die 18- bis 25-Jährigen mit 79 Prozent besonders häufig für klassische Bedienelemente aus.
Das Problem ist nicht der Bildschirm allein
Hinter dem Wunsch nach klassischen Bedienelementen steht ein konkretes Sicherheitsproblem. Moderne Fahrzeugtechnik beansprucht Aufmerksamkeit, und nach Einschätzung vieler Autofahrer hat sich die Situation verschärft. 77 Prozent der Befragten in Deutschland sind der Ansicht, dass die Ablenkung durch Fahrzeugtechnologien in den vergangenen Jahren deutlich oder eher zugenommen hat. International liegt Deutschland damit leicht unter dem Durchschnitt von 79 Prozent. In Brasilien sehen 86 Prozent eine Zunahme, in Italien 84 Prozent und in Frankreich 80 Prozent.
Das heißt allerdings nicht, dass ein Touchscreen per se unsicher ist. Entscheidend ist laut den Untersuchungen des AZT vielmehr, wie Funktionen in das Bedienkonzept integriert werden. Ein Vergleich aktueller Fahrzeuge zeigte bei identischen Alltagsaufgaben deutliche Unterschiede bei den Blickabwendungszeiten. Durch ein günstiger gestaltetes Bedienkonzept konnten bei einzelnen Aufgaben bis zu 25 Prozent beziehungsweise rund drei Sekunden Blickabwendungszeit eingespart werden. Damit könnte eine Gefahr möglicherweise später erkannt werden und es bliebe weniger Zeit zum Bremsen oder Ausweichen.
Komplexe Menüführung
Auch die Gründe für die Probleme bei der Bedienung werden in der Befragung sichtbar. 48 Prozent der Befragten in Deutschland empfinden langes Scrollen durch Menüs als problematisch, 46 Prozent komplexe Menüstrukturen und 40 Prozent kleine oder schwer zu treffende Touchflächen.
Damit bekommt die Forderung nach klassischen Bedienelementen eine sicherheitsrelevante Dimension. Es geht nicht um die nostalgische Vorliebe für Knöpfe, sondern um die Frage, welche Funktionen sich während der Fahrt möglichst schnell und mit geringer visueller Aufmerksamkeit bedienen lassen.
Das Smartphone bildet hier den Gegenpol und sorgt seinerseits für unaufmerksame Nutzer und Fahrer. 42 Prozent der Befragten geben an, zumindest gelegentlich während der Fahrt das Smartphone in die Hand zu nehmen, um Nachrichten zu schreiben. Mehr als jeder vierte Fahrer (27 Prozent) berichtet von einer kritischen Situation im Zusammenhang mit der Smartphone-Nutzung am Steuer. Unter den besonders intensiven Nutzern steigt dieser Anteil sogar auf 66 Prozent.
Damit liegt ein Teil der Verantwortung im Umgang mit der Ablenkung bei den Fahrern selbst – was diese auch betätigen. 87 Prozent der befragten Fahrer in Deutschland weisen den Autofahrern die Hauptverantwortung dafür zu, Ablenkung zu vermeiden. 60 Prozent befürworten zudem höhere Bußgelder bei Ablenkungsverstößen, 48 Prozent strengere Sanktionen wie Fahrverbote oder Strafpunkte und 41 Prozent technische Einschränkungen komplexer Bedienmöglichkeiten während der Fahrt.
Ablenkung kann Unfallrisiko nahezu verdreifachen
Ein Grundproblem in der Debatte benennt Christian Sahr, Leiter des Allianz Zentrums für Technik: „Ablenkung lässt sich nach einem Unfall deutlich schwieriger nachweisen als etwa Alkoholeinfluss. Ein kurzer Blick aufs Smartphone oder auf das Fahrzeugdisplay hinterlässt häufig keine eindeutigen Spuren. Deshalb bleibt der tatsächliche Anteil von Ablenkung am Unfallgeschehen in den offiziellen Statistiken zu einem erheblichen Teil verborgen.“
Der Frage „Wie aus Ablenkung ein Unfall werden kann?“, ging das AZT gemeinsam mit dem auf neurowissenschaftlich basierte kognitive Modellierung spezialisierte Unternehmen cogniBIT nach. Das entwickelte Modell bildet nach, wie Menschen Verkehrssituationen wahrnehmen, Informationen verarbeiten und darauf reagieren.
In unterschiedlichen kritischen Verkehrsszenarien wurde systematisch variiert, ob die Fahrer aufmerksam, durch eine Nebentätigkeit abgelenkt oder einem simulierten Alkoholeinfluss von 0,8 Promille ausgesetzt waren. Jede Situation wurde dabei demnach tausendfach simuliert.
Das Ergebnis ist drastisch: Bei einer Gefahrenbremsung des vorausfahrenden Autos auf der Autobahn lag der Anteil der Kollisionen für aufmerksame Fahrer bei 18,2 Prozent. Unter Ablenkung stieg er auf 54,3 Prozent. Damit war das Kollisionsrisiko in dieser Simulation fast dreimal so hoch.
Ein ähnliches Bild zeigte sich in einem Szenario, bei dem ein Kind plötzlich auf die Fahrbahn läuft. Hier erhöhte sich der Kollisionsanteil von 3,9 auf 11,2 Prozent. In 39 Prozent dieser Fälle reagierten die abgelenkten Fahrer sogar überhaupt nicht. In allen simulierten Szenarien lag das Kollisionsrisiko unter Ablenkung höher als unter dem simulierten Alkoholeinfluss von 0,8 Promille.
Kein Kavaliersdelikt
„Ablenkung ist kein Randphänomen der Verkehrssicherheit. Sie zählt zu den maßgeblichen Ursachen des heutigen Unfallgeschehens und ist ein Risiko, das nur durch das Zusammenspiel von Fahrenden, Fahrzeugherstellern und Regulierungsbehörden wirksam reduziert werden kann“, betonte Sahr.
Ins gleiche Horn stößt Frank Sommerfeld, CEO der Allianz Versicherungs-AG: „Wir gehen inzwischen davon aus, dass mindestens jeder dritte Verkehrsunfall auf Ablenkung zurückzuführen ist. Das ist deutlich häufiger als bislang angenommen. Besonders alarmierend: In unseren Untersuchungen schnitten abgelenkte Fahrer in kritischen Situationen sogar schlechter ab als Fahrer mit einem simulierten Blutalkoholwert von 0,8 Promille. Ablenkung ist demnach in einigen Situationen noch gefährlicher als Alkohol am Steuer – und kein Kavaliersdelikt. Ablenkung sollte gesellschaftlich ebenso geächtet werden wie Alkohol am Steuer.“
Allianz Motor Day 2026
Weitere Forderungen
Aus den Forschungsergebnissen leitet die Allianz konkrete Forderungen an die Autohersteller ab. Sicherheitsrelevante beziehungsweise häufig benötigte Funktionen (etwa Scheibenwischer, Blinker, Abblend- und Fernlicht, Warnblinker sowie Scheibenheizung und -entfrostung) sollen schnell und intuitiv erreichbar sein. Sie sollten permanent zugänglich sein, entweder über physische Bedienelemente oder über klar definierte und ständig verfügbare Bereiche eines Touchscreens.
Für Fahrzeugentwickler ergibt sich daraus eine Herausforderung: Digitalisierung darf nicht bedeuten, möglichst viele Schalter durch möglichst wenige Bildschirme zu ersetzen. Entscheidend ist, welche Bedienform während der Fahrt die geringste Aufmerksamkeit verlangt. Der beste Schalter kann deshalb manchmal tatsächlich ein Schalter sein.