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Solar- und Windenergie für die Flotte

Der Bio-Tausendsassa

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© Susanne Löw

Widerstände spornen Andreas Wittmaack an. Der Strom für den E-Fuhrpark des Bio-Bäckers stammt von der eigenen Photovoltaik-Anlage. Demnächst geht zusätzlich eine kleine Windkraftanlage in Betrieb.

"Geht nicht? Dann erst recht!" Das ist das Motto des 50-jährigen Bio-Bäckers Andreas Wittmaack, der seit 1998 seinen Betrieb in Bargteheide mit 36 Mitarbeitern führt. Wenn man die Demeter-zertifizierte Hofbäckerei Wittmaack nordöstlich von Hamburg besucht, erkennt man auf den ersten Blick: Hier werden ganz besondere Brötchen gebacken. Zwei Tesla stehen vor dem Büro, mehrere Nissan e-NV200 hängen auf dem Hof an der Steckdose, ein E-Transporter steht mit Anhänger bereit für die Abfahrt zum Wochenmarkt. Das Dach schmückt eine Photovoltaik-Anlage (PV), vor dem Eingang zur Backstube entsteht gerade ein Carport mit weiteren Solarzellen und daneben ragt eine zehn Meter hohe Windkraftanlage empor.

Umwelt- und Naturschutz sind für Wittmaack mehr als Theorie, er lebt Bio. Der Fuhrpark ist ein Teil davon. Schon vor über zehn Jahren hat der Norddeutsche auf der Suche nach sauberen Mobilitätslösungen Flüssig- und Erdgasfahrzeuge ausprobiert. Aber die nächstgelegene Erdgastankstelle schloss und die Umstellung auf Flüssiggas war auch keine Option. Irgendwann hat Wittmaack alle Autos auf Diesel und Euro 5 umgestellt - doch dann kam der Dieselskandal. "Das war nicht das, was ich wollte", erinnert er sich.

"E-Autos sind günstiger"

Vor etwa fünf Jahren kam er auf die Idee, seine Flotte zu elektrifizieren und parallel in eine PV-Anlage zu investieren, um damit die Stromer anzutreiben. "Alle haben uns abgeraten", so Wittmaack. "Eine Photovoltaik-Anlage bei einer vor allem nachts arbeitenden Bäckerei könne nicht durch eine von Sonnenlicht abhängige Stromquelle gespeist werden. Und E-Autos, so hörte ich von allen Seiten, das klappt eh nicht: Das Laden dauere zu lange, die Reichweite sei zu gering."

Geht nicht? Dann erst recht!"Unsere PV-Anlage läuft in diesem Jahr mit einer Auslastung von 94 Prozent, hat 3.000 Euro erwirtschaftet und alle E-Autos laufen problemlos", resümiert der Bäcker. Die Wittmaack-Flotte umfasst zwölf Fahrzeuge, davon elf Stromer: fünf Nissan e-NV200 (40 kWh), drei chinesische SAIC Maxus EV80 (68 kWh), einen Tesla Model X, einen Tesla Model S, einen Nissan Leaf und noch einen verbliebenen Diesel - ein Ford Transit, der aber demnächst nur noch als Backup vorgehalten werden soll.

Sechs eigene Fahrer und zwei externe Kurierfahrer versorgen damit Fachhändler, Gastronomen und Caterer im Hamburger Stadtgebiet sowie in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern mit den Backwaren. Wittmaack-Filialen gibt es nicht, dafür fährt der Bio-Bäcker zum Eigenverkauf auf mehrere Wochenmärkte. Und all das managt er alleine? "Es sind E-Autos, was soll denn daran aufwändig sein", so seine Reaktion. Zum Laden setzt er auf mobile Ladegeräte mit 3,7 kW. "Laden muss nicht schnell gehen", meint Wittmaack."Das Laden über Nacht funktioniert reibungslos."

Angefangen hatte alles mit einem Nissan e-NV200 mit 24-kWh-Akku und nur 80 Kilometer Reichweite. Selbst damit blieb nie ein Fahrer stromlos liegen, auch im Winter nicht. Seine Ehefrau Birgit Wittmaack, die sich um die Buchhaltung kümmert, war angesichts des Anschaffungspreises dieser Elektro-Premiere erst nicht überzeugt, aber schon drei Monate später gab sie grünes Licht und der zweite Stromer fuhr in Bargteheide vor.

"E-Autos sind nicht teuer, denn im Gegenteil zum einmaligen Kaufpreis spart man bei den Energiekosten regelmäßig", begründet Wittmaack. "Transporter müssen im Schnitt dreimal in der Woche tanken - die Energiekosten für unsere Stromer sind aber nur halb so hoch, zudem sind die Kosten für den Unterhalt deutlich geringer, weil die Autos quasi wartungsfrei sind - und wir sparen Steuern", bilanziert der Bäcker den Kostenvorteil. Und ergänzt: "Ich spare einen Arbeitstag pro Jahr, an dem meine Mitarbeiter nicht mehr an der Tankstelle stehen und zur Werkstatt fahren."

Kostenlos laden für Kunden

Nur einen einzigen Unfallschaden hat Wittmaack bislang zu beklagen. Die anfangs skeptischen Fahrer -"Eine elektrische Zugmaschine für den 1,8-Tonnen-Wochenmarkt-Anhänger? Nie im Leben!" - sind längst überzeugt und wollen das bessere Drehmoment, die gute Straßenlage und das ruhigere Fahrgefühl nicht mehr missen. Auch auf Kundenseite und in der Öffentlichkeit kommen Wittmaacks leise Lösungen gut an.

Eine individuelle Lösung ist auch das Steuerungssystem für die PV-Anlage. Die Steuerung greift zum einen in die Funktionsabläufe der Backstube ein, zum anderen speist sie überschüssigen Strom in die Autos."Die Algorithmen, wann wie welches Fahrzeug geladen wird, habe ich selbst erstellt", so Wittmaack. Technik fasziniert ihn. Und daher hörte er bei der PV-Anlage auch nicht auf, die derzeit auf dem Carport ausgebaut wird. Ihm war klar: Ein Windrad sollte ebenfalls angeschafft werden.

Die große Lösung hat die Gemeinde zwar nicht genehmigt, dafür wird die zehn Meter hohe Windkraftanlage vor der Tür demnächst in Betrieb genommen und zusätzlich Strom liefern. Das Gesamtkonzept - mit E-Transporter und Anhänger zum Wochenmarkt stromern, angetrieben von selbst produziertem und teils zugekauftem Öko-Strom - wurde von EU, Bund und Land gefördert. Dafür baut Wittmaack die öffentliche Ladeinfrastruktur aus. "Unsere Kunden können ihr Auto künftig bei uns kostenlos aufladen", blickt der vielseitige Unternehmer in die Zukunft.

Nachhaltigkeit mit Zukunft

Schon heute klopfen Innungen und andere Interessierte in Bargteheide an, um sich zu informieren: über den Einsatz von PV-Anlagen in Bäckereien oder über Wittmaacks Erfahrungen mit hohen Anhängerlasten hinter E-Transportern. Das Ziel all seiner Bemühungen ist aber nicht Ruhm und Ehre, sondern ein konkretes anderes: In diesem Jahr noch soll die Hofbäckerei CO2-neutral sein.

Dafür schaut er auch auf mehr als nur auf seinen Fuhrpark. Auf die Strecke, die das Mehl in seiner Backstube zurückgelegt hat, zum Beispiel. "Unser Mehl braucht vom Feld bis zum Brot nur 40 Kilometer - inklusive der kompletten Verarbeitungsstruktur des Getreides mit Lagerhaltung, Trocknung, Reinigung, Absackung und Vermahlung", so Wittmaack."40 Kilometer, das schaffen andere nicht mal vom Feld bis zur Lagerung." Das neueste Projekt: Wittmaack will keine Plastiktüten mehr verwenden. Während der Restbestand noch aufgebraucht wird, werden in Bargteheide nur noch neue Tüten angeschafft, die aus Zuckerrohr hergestellt sind.

Wittmaack will in vier Jahren in Rente gehen, aber die nächste Generation steht mit seinen drei Kindern schon in den Startlöchern. Der 25-jährige Sohn arbeitet bereits heute im Betrieb. Als der kommunale Gegenwind bei der Windkraftanlage aufkam, fragten seine Kinder fordernd: "Papa, du hörst jetzt aber nicht auf, oder?" Das war der richtige Ansporn für ihn - zu wissen, dass die Nachfolge das Konzept trägt und weitertreiben wird. Und das ehrgeizige "Geht nicht? Dann erst recht!"-Gen mit ökologischem Kampfgeist scheinen die Wittmaack-Kinder ebenfalls geerbt zu haben: Vor Kurzem wollte die 16-jährige Tochter einen Roller, genau wie ihre Mitschülerinnen und Mitschüler. Heute fährt sie einen E-Roller.

Wittmaack-Fuhrpark

  • 12 Fahrzeuge: 5 Nissan e-NV200 (40 kWh), 3 SAIC Maxus EV80 (68 kWh), jeweils ein Tesla Model X, Tesla Model S, Nissan Leaf, Ford Transit (Diesel)
  • Aktions-Radius: ca. 140 km
  • 2 Anhänger (1,8 t) für Touren auf 15 Wochenmärkten pro Woche
  • Kauf- und Leasingfahrzeuge von mehreren Anbietern, Langzeitmiete der SAIC Maxus EV80 über Maske Fleet (3 Jahre)
  • Laufleistung der Flotte: 1.000 km/Tag
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