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Ausgabe 07/2020

Der letzte "messy process"

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© AUTOFLOTTE

Mit "Gateway" will der Schadenmanager Innovation Group das Tor zum "letzten nicht digitalen Prozess im Leben eines Leasingfahrzeugs" aufstoßen. Im Interview erklären CEO Matthew Whittall und Markus Stumpp, Managing Director Fleet & Mobility, wie es mit der Digitalisierung weitergeht.

Dem Start von Gateway kamen nun die Kontaktbeschränkungen entgegen. Wie lief das Geschäft in den Werkstätten in den vergangenen Wochen?

Matthew Whittall: Im vergangenen Jahr und bis zum Anfang dieses Jahres hatten die meisten guten Karosserie- und Lackier-Betriebe ein oder zwei Wochen Vorlauf, also eine sehr hohe Auslastung. Als dann die Maßnahmen starteten, dachten wir, dass es in diesem Jahr vielleicht nur noch 20 Prozent Geschäft geben könnte. Aber es kam anders. Der Tiefstand lag etwa bei 50 Prozent, aber es gab eben auch noch Altaufträge abzuarbeiten. Seit Ostern steigen die Stückzahlen wieder, sodass wir wieder bei über 80 Prozent Auslastung in den Werkstätten sind.

Die Krise war also auch eine Chance?

Markus Stumpp: Ja, auch für uns übrigens. Da der Cashflow extrem wichtig ist, haben auch wir geschaut, wie können wir Dinge intern beschleunigen. Das half auch uns, besser zu werden.

Neu lernen musste man das zusätzliche Reinigen nach den neuen Hygienevorgaben. Wie läuft das?

M. Whittall: Hier haben wir eine Corona-Prämie entwickelt, die bei allen Versicherungs- und Flottenkunden greift, damit die Werkstätten den Mehraufwand erstattet bekommen.

M. Stumpp: Was auch sehr gut angenommen wurde seitens unserer rund 180 Flottenkunden war der kostenlose Hol- und Bringservice, so dass ich nicht das Haus verlassen muss, um das Auto zur Werkstatt zu bringen. Und ich weiß, dass es desinfiziert zurückkommt.

Wie haben sich die Kosten für die Schäden in den letzten Jahren entwickelt?

M. Whittall: Da haben wir in den vergangenen fünf Jahren eine extreme Entwicklung erlebt. Die Premiumautomarken sind dabei prozentual zwar weniger stark gestiegen, aber generell kannten die Ersatzteilpreise in den vergangenen Jahren nur eine Richtung. Nach oben.

Können Sie uns die Rechnung einmal aufdröseln?

M. Stumpp: Der Kostentreiber in der Reparatur war in den vergangenen fünf Jahren der Ersatzteilmarkt. Hier stiegen die Preise um vier bis fünf Prozent pro Jahr. Das ging auf Kosten der Marge des Reparaturbetriebes.

Was machen die Großschäden aus?

M. Whittall: Wir haben im Vergleich zu vor zehn Jahren deutlich weniger Großschäden. Vermeintlich einfache Helfer wie ESP oder ABS haben da einen hohen Anteil an dieser Entwicklung. Aber die Autos werden länger und breiter, deshalb würde ich sagen: Alle Ecken sind gefährdet.

Was ist allgemein über Schäden bei modernen Flottenfahrzeugen zu sagen?

M. Stumpp: Hier geht die Schadenhäufigkeit zurück. Das liegt sicherlich auch an den neuesten Assistenzsystemen und zahlreichen Geschwindigkeitsbegrenzungen, aber alle Ursachen kennen auch wir nicht. Aber wenn wir heute einen Neukunden mit sagen wir 1.000 Fahrzeugen haben, dann war es früher leichter vorherzusagen, wie viele Schäden der Fahrzeuge in der Werkstatt landen werden. Meist lagen wir bei zirka 60 bis 70 Prozent im Mittel, heute lässt sich das kaum noch vorhersagen. Fahrprofile, aber auch Fahrzeugtypen haben großen Einfluss auf die Schadenhäufigkeiten.

Steuern die Flotten selbst mit eigenen Fahrer-Trainings dagegen an?

M. Stumpp: Das ist in Deutschland immer noch ein schwieriges Thema. Denn sobald man was am Fahrstil des Einzelnen ändern möchte, ist man vorher in der personenbezogenen Datenauswahl. Und was der Datenschutz in Deutschland bedeutet, das kennen wir aus vielen Bereichen. An dieser Schwelle scheitert dieser Präventionsansatz oftmals immer noch.

M. Whittall: Hier greift interessanterweise auch die berühmte 80:20-Regel. Die"quick wins", also die schnellen Ergebnisse, sieht man hier bei jenen 20 Prozent der Fahrer, die gegenüber den anderen 80 Prozent für deutlich mehr Schäden sorgen.

Wenn die Schadenhäufigkeit sinkt, wie verdient die Innovation Group ihr Geld?

M. Whittall: Der Markt wächst sicherlich kaum, so dass es eher einen Verdrängungswettbewerb gibt, deshalb muss man sich wandeln, so wie wir es mit Gateway tun. Denn unabhängig von der Reparatur steckt im detaillierten, digitalen und aktuellen Schadenprozess sehr viel Potenzial. Kauf und Verkauf eines Fahrzeugs sind planbar wie auch die Wartungstermine, aber was in der Zwischenzeit mit dem Fahrzeug passiert, das muss der Flottenmanager mit den Daten managen, die er parat hat. Der Schaden ist, wenn man so will, hierbei der letzte "messy process", der letzte nicht digitale Prozess, in dieser Kette.

Abschleppwagen, Instandsetzung, Rechnungsfreigabe ...., der Prozess nach einem Unfall ist eben individuell.

M. Whittall: Der Prozess ist recht heterogen. Es wird sich aber auch hier bald alles auf dem Smartphone abspielen. Viele Daten haben wir bereits vorab, die wir mit Hilfe von künstlicher Intelligenz nutzen, um die Abfragen so einfach wie möglich zu gestalten. Dann sinkt auch die Hemmschwelle des Fahrers, nach dem Unfall per Handy den Schaden detailliert zu dokumentieren.

Bevor es der Flottenkunde nutzt, muss die Werkstatt die Voraussetzungen schaffen. Wie lang läuft die Digitalisierung des Netzwerkes schon?

M. Whittall: Wir haben vor gut fünf Jahren damit angefangen, die Werkstätten zu digitalisieren. Während dieses Prozesses haben beiden Seiten gelernt. So dachten wir anfänglich, dass wir jeden Reparaturschritt wissen müssen. Das müssen wir aber nicht. Wir haben intern einen Fahrplan, den wir mit den Reparaturbetrieben abgesprochen haben und diesen rollen wir nun für den Endkunden via Gateway aus.

Wie viele Werkstätten sind involviert?

M. Stumpp: Alle. Es ist zum einen Grundvoraussetzung und zudem nicht sehr kompliziert. Mit jedem neuen Fall gibt es einen Link zur Fahrzeugakte. Hier werden die Kostenvoranschläge automatisch hochgeladen. Es gibt eine Schnittstelle zu den drei gängigsten Werkstattsystemen, so dass auch diese Rechnungen automatisch erfasst werden. Für die Termine stehen vorreservierte Slots zur Verfügung. Das war alles.

Wie sorgen Sie dafür, dass alle nötigen Daten bei den Werkstätten und den Flottenkunden erhoben und an den jeweiligen Partner korrekt und zeitnah weitergegeben werden?

M. Whittall: Seit drei Jahren haben wir ein Team für Qualitätsmanagement, das darauf blickt, dass die Daten in Echtzeit zur Verfügung stehen. Wir verlangen keine neuen Daten im Vergleich zu früher, nur müssen diese Daten in Echtzeit vorliegen. Das ist der Unterschied. Bei gut 1.100 angeschlossenen Werkstätten lernen aber auch wir noch ständig dazu.

M. Stumpp: Keine Frage, wir sind hier eindeutig im Lead. Dabei hilft uns unser Team der Netzentwickler, die nach neuen Werkstätten suchen und die bestehenden Verbindungen pflegen sowie Werkstätten coachen. Das Fax ist dabei nicht mehr"state of the art". Gleichzeitig können wir mit den Partner-Werkstätten zusammen schauen, dass sich jede digitalisiert, denn die interne Konkurrenz ist schon sehr groß.

Um Gateway zu starten erhalte ich einen Link zur digitalen Fahrzeug-Akte. Warum gibt es stattdessen keine App?

M. Stumpp: Wenn man sich ein Leasingfahrzeug anschaut, dann haben dort über die Laufzeit sicherlich 16 oder 17 Dienstleister mit zu tun. Für jede Dienstleistung dann eine App zu entwickeln bringt wenig, da man diese eine Anwendung dann zu selten nutzt. Deshalb nutzen wir einen Web-Link, den man bekommt, wenn man ihn braucht. Dabei ist auch die Datensicherheit immer auf dem neuesten Stand.

Herr Whittall und Herr Stumpp vielen Dank für das Interview.

Das vollständige Interview auf: autoflotte.de

Serie: Digitale Fuhrparkdienste

Teil 1: Movacar: Ein-Euro-Miet-AutoTeil 2: OnlogistTeil 3: Gateway/Innovation Group

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