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Ausgabe 01-02/2020

Münchener Verkehrswende

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© AUTOFLOTTE

E-Autos sind ein Baustein zur Verkehrswende und für einige der beste. Gejammert wird jedoch viel: zu wenige und hochpreisige Autos, zu geringe Reichweite, unzureichende Infrastruktur, zu teures öffentliches Laden.

Einige der angeblichen Mankos die der Elektromobilität nachgesagt werden, sind vergessen, sobald man das Elektroauto selbst (er-)fährt - und zwar nicht nur für 30 Minuten. Und es stimmt: Man muss sich auf die E-Mobilität einlassen, umstellen und manch einer muss sich sogar neu erfinden. Tut das weh? Nicht immer. Es kann sogar Spaß machen. Wenig sinnvoll ist es, über ein BEV (Battery Electric Vehicle) nachzudenken, wenn man tagtäglich von Hamburg nach München fahren muss. Wohl aber, wenn man in und um München wohnt, arbeitet, lebt.

Elektro-Pionier

Die SWM (Stadtwerke München) beweisen, dass E-Mobilität im urbanen Umfeld funktionieren kann - wenn die Politik mitspielt, die Bewohner und vor allem auch die Autofahrer.

Ein kurzer Rückblick: 1891 geht in München das erste Kraftwerk zur öffentlichen Stromversorgung ans Netz. Drei Jahre später machen 278 Bogenlampen die Nacht zum Tag. In Nürnberg geschah das bereits neun Jahre zuvor und damit erstmals in Deutschland. 1895 wurde die Münchener Trambahn bestromt und 1899 die Städtischen Elektrizitätswerke gegründet. Damit wurde sozusagen der Grundstein der Elektromobilität gelegt, und zwar zu einer Zeit, in der elektrische Autos bereits existierten. Um das Elektroauto wurde es dann jedoch still und es brauchte mehr als 90 Jahre bis 1991 die SWM, BMW und der Nutzfahrzeughersteller MAN die "Arbeitsgemeinschaft Elektroauto Bayern" ins Leben riefen. Umweltfreundlicher Individualverkehr war das Motto.

Mitte der Neunzigerjahre gab es etwa 150 Elektroautos in München - unter anderem die der SWM-Umweltberater. Es dauerte bis September 2009, dass die SWM die erste moderne "Ökostrom-Tankstelle" eröffnete und die Zahl der Ladesäulen in den kommenden Jahren auf 20 (mit 47 Ladepunkten) erhöhte.

2017 wurde die SWM vom Stadtrat betraut, eine flächendeckende Infrastruktur aufzubauen. Aktuell kümmern sich sieben Mitarbeiter um Planung, Realisierung und Betrieb. Autoflotte fragte bei Juliane Gött, Produktmanagerin Ladeinfrastruktur, nach dem aktuellen Stand.

Wie viele Ladesäulen und Ladepunkte hat die SWM in München?

Juliane Gött: Die SWM betreiben in München 550 öffentliche Ladesäulen und damit 1.100 Ladepunkte sowie zwei Schnelllader.

Mit welcher Leistung laden die SWM-Säulen?

J. Gött: Die Ladepunkte haben eine Leistung von 22 kW, die beiden Schnelllader 50 kW.

Das ist jedoch nur die Maximalleistung. Viele Fahrzeuge können nur mit knapp 5 oder 7 sieben kW laden, oder?

J. Gött: Richtig, die meisten E-Fahrzeuge laden mit 11 kW, Plug-in-Hybride sogar oft mit deutlich weniger.

Was sind die größten Herausforderungen beim Aufbau neuer Ladepunkte? J. Gött: Es ist sehr schwer, die richtigen und passenden Standorte im öffentlichen Raum zu finden. Der Kriterienkatalog dafür ist sehr umfangreich.

Endet das Versorgungsgebiet an der Stadtgrenze oder besteht es auch in den angrenzenden Gemeinden?

J. Gött: Der Ladesäulen-Aufbau durch die SWM erfolgt nur im Stadtgebiet München.

Wie bezahlen die Nutzer bei Ihnen?

J. Gött: Die Kunden zahlen entweder mit der SWM-Ladekarte oder mit einer Ladekarte der Partner im Ladenetz-Verbund (mehr als 200 Partner im Verbund). Sie können aber auch spontan laden (ohne Ladekarte) und mit dem Smartphone per App oder QR-Code zahlen.

Wie setzt sich der Preis an den SWM- Ladesäulen zusammen?

J. Gött: An unseren Ladesäulen gelten mehr als 200 verschiedene Preise (siehe Antwort zuvor; es gilt bei Nutzung einer Partnerkarte der Preis des jeweiligen Anbieters). Die SWM bauen und betreiben die Ladesäulen. Der Preis mit der SWM-Ladekarte beträgt 0,38 Euro brutto pro kWh.

Also gibt es keine Einmalgebühr zum Start des Vorgangs?

J. Gött: Bei Nutzung der SWM-Ladekarte und beim Ad-hoc-Laden gibt es keine Einmalgebühr.

Gibt es spezielle Tarife für Firmen und/ oder Heavy-User?

J. Gött: Nein, der SWM-Tarif ist für alle gleich.

Wieso gibt es für ADAC-Mitglieder einen nicht zu vernachlässigenden Rabatt mit der ADAC e-Charge-Karte?

J. Gött: Jeder E-Mobilitätsdienstleister macht seine eigenen Preise.

Ende letzten Jahres waren in München viele Ladesäulen außer Betrieb. Einige dachten bereits: Das war's. Was war wirklich los?

J. Gött: Die SWM ertüchtigen derzeit die Ladeinfrastruktur auf Eichrechtskonformität. Wir haben damit Ende Juni 2019 begonnen, Ende März 2020 wollen wir fertig sein. Für die Umrüstung müssen rund 160 der 550 betriebenen Stationen abgebaut werden. Nachdem sie beim Hersteller die notwendigen neuen Komponenten erhalten haben, werden sie an den ursprünglichen Standorten wieder aufgestellt. Dieser Vorgang dauert jeweils rund vier Wochen. Die SWM versuchen dabei so vorzugehen, dass immer Lademöglichkeiten im näheren Umfeld bestehen bleiben. In der Übersichtskarte (www.swm.de/strom-laden) sowie in den Apps sind die Daten zu den verfügbaren Stationen aktuell. Für die Unannehmlichkeiten bitten wir die Nutzerinnen und Nutzer um Verständnis.

Wie läuft es mit der Rechnungsstellung?

J. Gött: Die Rechnungsstellung erfolgt bei der Ladekarte quartalsweise per Sepa-Lastschrift.

Dürfen E-Fahrzeuge kostenfrei auf den Ladeplätzen stehen?

J. Gött: Ja, sie dürfen tagsüber bis zu vier Stunden kostenfrei an den Ladesäulen stehen, nachts sogar unbegrenzt.

Woran erkennt man, ob ein Fahrzeug noch lädt oder bereits voll ist?

J. Gött: Dies ist nicht auf den ersten Blick erkennbar.

Ist für andere zu sehen, wie lange das Fahrzeug bereits vollgeladen ist?

J. Gött: Nein.

Immer wieder ist zu beobachten, dass Verbrenner auf den Ladeplätzen stehen und die Plätze blockieren. Welche Möglichkeiten bestehen, um das zu unterbinden?

J. Gött: Die Mitarbeiter des Kreisverwaltungsreferats, Abteilung Parkraumüberwachung, sind für die Kontrolle verantwortlich.

Welche Bereiche haben die höchste Auslastung?

J. Gött: Alle Ladesäulen in der Innenstadt sind die "Lade-Hotspots".

Wie ist im Augenblick die Auslastung der Säulen?

J. Gött: Über alle Standorte hinweg betrachtet ist die Auslastung im Durchschnitt noch gering.

Aktuell gibt es 1.100 Ladepunkte, wie wir eingangs gelesen haben. Was ist 2020 geplant?

J. Gött: Im Jahr 2020 werden weitere 30 Normal-Ladestationen errichtet und die Zahl der Schnelllader (mit 50 kW) auf bis zu 18 erhöht.

Um wie viel Prozent erwartet die SWM einen Anstieg des Ladeaufkommens in 2020?

J. Gött: Wir erwarten, dass das Ladeaufkommen in diesem Jahr um 30 bis 40 Prozent ansteigt.

Herzlichen Dank für das Interview, Frau Gött.

Interview: Michael Blumenstein

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