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Ausgabe 04/2020

Wandel in drei Stufen

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© AUTOFLOTTE

Vom Mineralölkonzern zum nachhaltig arbeitenden Unternehmen - diesen Imagewandel hat sich Shell auf die Fahne geschrieben. Was das mit CO2-Kompensation zu tun hat, wird beim Besuch in Hamburg klar.

Eine wachsende Weltbevölkerung und ein steigender Lebensstandard werden den Energiebedarf in den kommenden Jahren weiter deutlich erhöhen. Gleichzeitig müssen die CO2-Emissionen sinken, um dem Klimawandel entgegenzuwirken und die Ziele des Pariser Klimaschutzübereinkommens einzuhalten. Was das für einen Mineralölkonzern bedeutet und welchen Beitrag er dazu leisten kann, darüber hat sich Shell Gedanken gemacht. Das Ergebnis präsentierte das Unternehmen kürzlich im Shell Technology Centre in Hamburg.

Die Zielvorgabe machte Fabian Ziegler, Vorsitzender der Geschäftsführung von Shell in Deutschland, an konkreten Zahlen fest: Bis 2050 will die Shell-Gruppe im globalen Durchschnitt ihren Netto-CO2-Fußabdruck um rund 50 Prozent reduzieren, bis 2035 im Zwischenschritt um rund 20 Prozent. Jedes Jahr legt Shell dazu spezifische Ziele für den folgenden Zeitraum von drei oder fünf Jahren fest. So wurde 2019 ein Dreijahresziel von zwei bis drei Prozent Netto-CO2-Reduktion gegenüber 2016 gesetzt und ein Teil der Vergütung der Top-Führungskräfte an diese Erreichung gekoppelt.

Die Herausforderung dabei: Die deutsche Wirtschaft, Mobilität und Energieversorgung sind über die Jahrzehnte eng mit Öl und Gas verwoben. Neue CO2-arme oder -freie Technologien brauchen deshalb laut Ziegler Investitionen, mitunter noch viel Entwicklungsarbeit und sie bedeuten selbst bei Marktreife am Anfang oft Zusatzausgaben für Unternehmen und Verbraucher. Trotzdem will Shell als Konzern mit finanzieller Stärke, guter Vernetzung mit der internationalen Wissenschaft und einer weltweiten Reichweite "neue Geschäftsideen und -modelle in einem Maßstab wachsen lassen, der wirklich Wirkung im System zeigt".

Dreistufiger Ansatz

Wie sieht nun das Instrumentarium aus, mit dem Shell die Ziele erreichen will? Das Management hat dafür einen dreistufigen Ansatz erarbeitet, der Maßnahmen zur CO2-Vermeidung, -Reduktion und -Kompensation enthält. Wie das konkret in Deutschland aussehen soll, erläuterte Jan Toschka, General Manager Shell Retail D-A-CH. "Wo immer möglich, wollen wir vermeiden, Emissionen überhaupt zu verursachen. Das umfasst im Idealfall die gesamte Lieferkette: von der Erzeugung, dem Transport und Vertrieb bis zur Nutzung der Energie durch unsere Kunden - also zuhause oder im Fahrzeug", erklärte Toschka.

Dafür beteiligt sich Shell beispielsweise am Joint Venture H2 Mobility, das bereits über 80 Wasserstofftankstellen errichtet hat, 30 davon an den gelb-roten Stationen. Geplant sind 120 Tankpunkte, davon soll ein Drittel an Shell-Tankstellen zu finden sein. Das sei ein gutes Beispiel, wie Shell in Vorlage gehe, wenn man die niedrige Zahl an Wasserstofffahrzeugen in Deutschland betrachte, betonte Toschka.

Auch in die Batterie-Elektromobilität investiert das Unternehmen: 2017 hat Shell New Motion gekauft, das inzwischen in Shell Recharge umbenannt wurde. Dank der App und der Ladekarte können Nutzer auf 135.000 Ladepunkte in Europa, davon rund 20.000 in Deutschland, Österreich und der Schweiz, zugreifen. Darüber hinaus hat Shell Anfang 2019 verkündet, in Kooperation mit EnBW 50 Schnellladesäulen mit jeweils zwei Ladekabeln à 150 kW Leistung an den eigenen Tankstellen zu bauen. Bis Ende 2020 sollen weitere 50 Ladestationen mit Partnern wie der Hamburger Firma Adler folgen, alle dann 200 Ladepunkte geben ausschließlich grünen Strom ab. Im Rahmen der Kooperation mit Ionity will Shell bis Ende 2020 außerdem zunächst 80 der größten Shell-Autobahnstationen in Europa mit 350-Kilowatt-Schnellladesäulen ausrüsten.

Im Lkw- beziehungsweise im Gewerbesegment setzt Shell auf LNG (liquefied natural gas). Dafür soll eine eigene Lieferkette für CO2-neutrales LNG aufgebaut werden. Das beinhaltet die Beschaffung von Bio-Methan, den Bau einer Gasverflüssigungsanlage sowie die Expansion im deutschen LNG-Tankstellennetz auf rund 35 bis 40 Stationen (siehe zum Thema Erdgas auch den Kommentar auf Seite 14). Das eröffnet die Möglichkeit, bereits in wenigen Jahren - also vor Mitte dieses Jahrzehnts - den Lkw-Kunden flächendeckend CO2-neutralen Kraftstoff anbieten zu können. Das CO2-Einsparungspotenzial dieses ersten Schritts beträgt laut Toschka bis zu einer Million Tonnen CO2 jährlich. Die ersten drei LNG-Tankstellen sind bereits gebaut und in Betrieb. Die übrigen sollen in den kommenden zwei Jahren folgen, sofern Shell die Genehmigungen rechtzeitig erhält.

CO2-Ausstoß reduzieren

"Wer ihn nicht gänzlich vermeiden kann, dem bieten wir mit verschiedenen Kraftstoffen die Möglichkeit, seinen persönlichen CO2-Ausstoß zu reduzieren. Bereits etabliert ist zum Beispiel E10", beschrieb Toschka den zweiten Ansatz. Daneben hat Shell nun neu den "R33 Blue Diesel" auf den Markt gebracht, mit dessen Einsatz sich im Vergleich zu normalem Diesel die CO2-Emissionen um mindestens 20 Prozent verringern. Dieser Diesel mit 33 Prozent Bioanteil kann von der Industrie direkt im Shell Technology Center bestellt werden. Autofahrer erhalten den Diesel zunächst über die Markenpartner.

Zum Thema Reduzieren gehört weiterhin das Angebot an gasbasierten Kraftstoffen wie CNG für Pkw und leichte Nutzfahrzeuge und das aktuell verfügbare fossile LNG für schwere Lkw, die laut Toschka je nach Antriebstechnologie bis zu 20 Prozent CO2 gegenüber Diesel einsparen können. Dazu kommt LPG, das zwar auf Erdöl basiert, aber immerhin auch bis zu zehn Prozent weniger Treibhausgasemissionen als Benzin verursacht. "Unsere Produktpalette mit CO2-Einsparungspotenzial an der Tankstelle ist also bereits sehr groß und wir arbeiten vor allem hier im Technology Centre an weiteren Verbesserungen", sagte der Shell-Tankstellenchef.

Bleibt der letzte Schritt, die CO2-Kompensation für all die Kunden, die kein Fahrzeug mit alternativem Antrieb fahren - inklusive Hybride sind das in Deutschland 97 Prozent. Dafür soll ab Anfang April 2020 das bereits in den Niederlanden und UK bestehende CO2-Ausgleichsprogramm auf den deutschen, österreichischen und schweizerischen Markt übertragen werden."Hierfür haben wir internationale Projekte der Erhaltung und Aufforstung ausgesucht, deren CO2-Kompensation unter strengen Auflagen extern geprüft und zertifiziert werden", erklärte Toschka.

Die Kosten für den CO2-Ausgleich für jeden verbrannten Liter Kraftstoff werden laut Shell für den Kunden, der sich entschließt mitzumachen, etwas mehr als einen Eurocent pro Liter betragen.

Dabei wird der Kunde an der Kasse gefragt, ob er den CO2-Ausgleich in Anspruch nehmen will und der zusätzliche Betrag direkt abgerechnet werden soll. Shell geht noch einen kleinen Schritt weiter: "Wir übernehmen die Kosten des CO2-Ausgleichs für die Herstellung, den Transport und den Vertrieb an Tankstellen des Kraftstoffs, dessen Fußabdruck der Kunde kompensieren will", erklärte Toschka. Etwa 15 bis 20 Prozent der Treibhausgasemissionen eines Liters Kraftstoff entstehen laut Shell bei der Förderung, Verarbeitung und dem Transport des Rohöls und der Kraftstoffe.

1 Cent vom Kunden, 0,2 von Shell

Diesen Betrag von etwa 0,2 Cent, der je nach Art der Vorkette schwankt, gleicht Shell in diesem Zuge aus. Dabei greift Shell auf dasselbe Zertifikate-Portfolio wie bei den Endkunden zurück.

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