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Autoflotte testet VW Golf 8 1.5 TSI

Gut wie eh und … ne

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Der VW Golf. Sofort als solcher zu erkennen, ist er Begründer eines ganzen Segments und sich in seiner achten Version treu geblieben.
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Der VW Golf ist der Golf, ist der Golf,… Auch in der achten Ausführung bleibt sich der Besteller treu. Und dennoch kann der Wolfsburger überraschen – in alle Richtungen.

Von Autoflotte-Chefredakteur Michael Blumenstein

Die Pros, die für den neuesten Golf sprechen, sind die, die er bereits seit Jahrzehnten für sich proklamiert und die bisher mehr oder minder 36 Millionen Mal funktionierten – so viele Neuwagenkäufer hat der Namensgeber des Golfsegments nämlich bislang generiert.

So ist auch die neueste Version des VW Urmeters ein übersichtliches, durchdachtes, gut gemachtes und recht zeitloses Automobil. Letzteres liegt auch daran, dass VW den Kompaktmeister, der seit 1974 im Programm ist, über die Jahre stets behutsam weiterentwickelte. So werden viele Menschen den neuen nicht vom alten unterscheiden können. Dabei, wenngleich technisch vieles komplett neu ist, nicht immer jedoch so wirkt.

Von außen vertraut

Doch das Vertraute weicht beim neuesten Wolfsburger, je tiefer man in den Innenraum einsteigt. Dabei ist gar nicht mal das haptische Erlebnis gemeint, das passt vom Anschein her. Vielmehr irritiert die digitale Ebene, die sich im Golf mit der haptischen verbindet – doch dazu später mehr.

Das erste Gefühl stellt sich an Rücken und Gesäß ein. Ein angenehmes, zumindest, wenn das gerade für Vielfahrer empfehlenswerte, weil sehr ordentlich verstellbare AGR-Gestühl (Aktion Gesunder Rücken) sein Können darbietet. VW bezeichnet dies als Ergo-Active-Sitz, der bei der Ausstattungslinie Style (Testwagen) serienmäßig links installiert wird, in der Basis nicht erhältlich ist und bei dem VW bei der Linie Life 513 Taler im Tausch haben möchte. Lendenwirbelstütze, die eine Massage imitieren kann, Neigungsverstellung, Schenkelauflage-Anpassung und elektrische Sitzverstellung samt Doppelmemoryfunktion sind dann an Bord.

Auch das Lenkrad lässt sich wie gewohnt weit verstellen und in Kombination mit Sitzen müsste jede Figur eine fast perfekte Position finden können. Die Spiegelverstellung und die Scheibenheber sind nach wie vor ideal platziert und die Mittelarmauflage mehrfach fixierbar – so sollen Vielfahrerautos sein. Das Platzangebot ist vorne fürstlich, hinten gut – gerade im Hinblick auf seine Abmessungen von parkfreundlichen 4,28 Metern. Die Übersichtlichkeit gehört zu den besten in der Klasse, wenngleich sie auch beim VW Golf nach schräg hinten wegen der breiten C-Säulen nicht exzellent ist.

Gewöhnungsbedürftig

"Nach wie vor" ist eine Aussage, die bezeichnend für den neuen Golf ist. Denn er ist in vielen Bereichen nach wie vor top, aber nicht besser als der Vorgänger, was zugegebenermaßen auch schwierig war. Jedoch überrascht er nun mit einem Infotainmentsystem, das auf jegliche Schalter und Knöpfe verzichtet.

Unter den Luftausströmern befindet sich ein Fünffach-Touch-Feld für den Schnellzugriff beispielsweise auf Klimaeinstellung und Fahrmodi (sofern bestellt). Auch das Warnblinklicht wird hier aktiviert – sofern zuvor gefunden. Ähnliche Touch-Flächen gibt es für die Scheinwerfer, jedoch – wie gewohnt – ganz links. Bereits das Standlicht einschalten und beim Verlassen des Fahrzeuges eingeschaltet zu lassen, kann zur Hausaufgabe werden. Auch, dass die Defrost- und Heckscheibenheizungsfunktion hier aktiviert wird, muss erlernt werden. VW argumentiert damit, dass sich dort nun alles zum Thema "Sicht und Sehen" befindet, was nicht ganz korrekt ist, denn der Scheibenwischer ist (freundlicherweise) am angestammten Ort in bekannter Funktion.

Ebenso wird nicht für alle Neulinge die Klima- und Lautstärkeregelung intuitiv nutzbar sein. Auf den sogenannten Slidern unterhalb des maximal 10-Zoll-Displays zieht man mit dem Finger drüber (oder tippt) und verändert so Innenraum-Temperatur und Lautstärke von Musik und Ansagen – Hingucken ist jedoch erforderlich. All das ist nun zwar noch haptisch begreifbar, wird aber nach dem Fingerauflegen ins Digitale übertragen. Wie wäre es denn dann, wenn gleich alles virtuell erledigt wird? Beim neuen Golf gelingt das nämlich fernmündlich – und für viele Funktionen gar nicht mal so schlecht. Und wer Erfahrungen mit "Alexa" gemacht hat, kommt im Golf nach der Ansage "Hallo Volkswagen" oft zum Ziel.

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Tadellos verarbeitet

Die Verarbeitung ist tadellos. Sauber verschraubte Außenspiegel zeugen von Akkuratheit und suggerieren Langlebigkeit, die Spaltmaße sind durchgängig identisch und erfreuen das Pedantenauge. Die Ablagen sind sinnvoll angebracht und ausreichend dimensioniert, das induktive Handyladen eine Selbstverständlichkeit, ebenso wie das kabellose Spiegeln von AppleCarplay. Android-Nutzer hängen nach wie vor an der Leine. Dafür könnten diese den Golf ohne Schlüssel öffnen, schließen und losfahren (ab Life in Verbindung mit Navi für 1.076 Euro). Das können sogar mehrere Nutzerinnen, so dass der Schlüssel stets im Schlüsselschrank des Fahrzeugpools bleiben könnte.

Was im neuen Golf jedoch definitiv gewöhnungsbedürftig ist, ist die Menütiefe der vielen Funktionen des Infotainmentsystems, das sich aufgrund des serienmäßigen Digitaltachos auf mindestens zwei Displays erstreckt. Viele Golf-8-Fahrer werden wohl nie erfahren, was ihr Golf alles kann. Dass er an den Armaturen gut Staub fangen kann und viele Dinge sich im omnipräsenten Hochglanzschwarz spiegeln, ist hingegen für jeden schnell zu bemerken. Ebenso die Ruhe im Fahrzeug, selbst wenn es flotter über die Autobahn geht. Die Windgeräusche sind niedrig, die Aerodynamik mit 0,275 (mit Basisbereifung) gering und geschliffen wird an allen Stellen, wie die Finnen an den Außenspiegelarmen beweisen.

Ruhiger, kräftiger Benziner

Ein toller Partner ist der 1.5 TSI, den wir im Testwagen gefahren sind, den es jedoch in mehreren Varianten und Leistungsstufen gibt. Unser 150-PS-Modell (250 Newtonmeter Drehmoment) hat keine Hybridisierung an Bord, wohl aber eine Zylinderabschaltung. Der Testwagen beweist, dass es nicht immer Diesel sein muss – sofern die Kilometerlaufleistung unterhalb von 20.000 im Jahr bleibt. Denn im Mittel ließ sich der 1.5 TSI mit gut sechs Litern bewegen und ist dabei laufruhig, spontan am Gas und bietet auch im Niedrigdrehzahlbereich viel Kraft, um schaltfaul, spritsparend und geräuscharm fahren zu können.

Gekoppelt ist er an ein gut, wenngleich nicht perfekt schaltbares manuelle Sechsganggetriebe – eine Alternative gibt es für ihn aktuell nicht. Wer DSG möchte, greift zum eTSI mit 48-Volt-System. Eilige erfreuen sich an der Vmax von 224 km/h, was für einen 150-PS-Kompakten durchaus schnell ist. Damit der Golf bei jedem Tempo sauber auf der Straße liegt, wurde unser Testwagen mit den Adaptivdämpfern (878 Euro) und der Progressivlenkung (180 Euro) ausgerüstet. Beides nette Spielereien. Überzeugt das anpassbare Fahrwerk mit einem weiten Verstellbereich, das von wankend-weich bis übergebührlich straff alles beherrscht, überzeugt die Progressivlenkung nur Go-Kart-Fans.

Was hingegen nicht fehlen sollte, sind das Matrixlicht (22 Segmente pro Scheinwerfer), das beim Golf IQ.Light heißt (ab 945 Euro inklusive automatisch abblendbarem Innenspiegel, dynamische Blinkerdioden, Regensensor und Frontkamera), das Business-Premium-Paket mit Navi, ACC und Spurhaltung für (1.937) Euro und mindestens die Ausstattungslinie Life, wenngleich auch die Basis bereits vernünftig ausgerüstet ist, aber natürlich nicht mit allen Extras gespickt werden kann. Wurde etwas bei der Bestellung vergessen, können einige Extras erstmals per Download beim Händler nachbestellt werden. So zum Beispiel das ACC, der Fernlichtassistent oder die Navigationssoftware (das 8,25“-Display ist Serienbestandteil aller Golf). Die Anhängekupplung, ein beliebtes Extra bei Dienstwagen, darf 1.500 Kilogramm an den Haken nehmen, 150 Kilogramm mehr als beim ähnlich starken Opel Astra und noch immer 90 Kilogramm mehr als beim Hyundai i30 1.4T. We Connect Fleet nennt sich ein Service, der ein digitales Fuhrparkmanagement ermöglicht und Dinge wie digitales Fahrten- und Tankbuch, Fahreffizienz, GPS-Ortung und Routenverlauf sowie eine Verbrauchsanalyse und das Wartungsmanagement ermöglicht.

Technische Daten Verbrenner:

VW Golf 1.5 TSI 150 Style

Testwagenpreis ab: 25.004 Euro R4/1.498 | 110 kW/150 PS | 250 Nm ab 1.500 U/min | 6-Gang-Schalter | 8,5 s | 224 km/h | WLTP: 5,5 S | 124 g/km
4.284 x 1.789 x 1.456 mm | 380 – 1.237
KH: 13 | TK: 20 | VK: 20
Effizienz: A Wartung: 2 Jahre/30.000 km Garantie: 2 Jahre

Autoflotte-Empfehlung:

Golf 1.5 TSI Life

Preis ab: 23.092 Euro
Induktivladen inkl. Schnittstelle: 391 Euro

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