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Nach Dobrindt-Prüfung

Autobauer müssen 630.000 Fahrzeuge zurückrufen

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Alexander Dobrindt (CSU) will am Freitag die mit Spannung erwarteten Ergebnisse der Abgas-Nachmessungen bei Dieselautos veröffentlichen.
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Nicht nur Volkswagen, auch mehrere andere deutsche Autobauer haben ein Abgas-Problem. Eine Nachprüfung auf Druck des Verkehrsministeriums führt nun zu einem großen Rückruf. Um Manipulationen wie im Fall VW geht es dabei aber nicht.

Die Abgas-Affäre geht in die nächste Runde: Die von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt angeordneten Nachmessungen durch das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) zwingen jetzt alle deutschen Autobauer bis auf BMW zu einem Rückruf. Nach Angaben des CSU-Politikers sollen insgesamt rund 630.000 Wagen vorübergehend zurück zum Hersteller. Die Konzerne hätten eine "Optimierung" ihrer Maßnahmen zur Reduzierung von Schadstoffen zugesagt.

Bei den betroffenen Wagen von Audi, Mercedes-Benz, Opel, Porsche und den leichten VW Nutzfahrzeugen müsse die Technik zur Abgasreinigung bei bestimmten Temperaturen geändert werden, erklärte der Minister. Die "Optimierung" werde noch in diesem Jahr erfolgen. Das KBA werde die Wirksamkeit der Veränderungen an den Fahrzeugen überprüfen. Die Autohersteller sprachen am Freitag von einem "freiwilligen" Update. Sie betonten, es gebe keine Hinweise auf unzulässige Software.

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) sagte: "Nach einer ersten, vorläufigen Analyse der Ergebnisse können wir sehen, dass die Automobilbranche die Abgasreinigungen auch dann ausgesetzt hat, wenn es sich nach allgemeinem Verständnis um normale Betriebssituationen handelt." Dies habe weit verbreitet stattgefunden – entgegen den EU-Abgasvorschriften. Sie betonte: "Hier hat die Automobilbranche klar zu ihrem Vorteil gehandelt, klar zum Nachteil der Autobesitzer und zum Nachteil der Umwelt und damit der Allgemeinheit."

"Nicht das Ende des Abgas-Skandals"

Greenpeace-Verkehrsexperte Tobias Austrup sagte: "Dobrindts Ankündigung ist nicht das Ende des Abgas-Skandals, sie ist selbst ein Skandal." Der Rückruf werde den Betrug nicht beenden. Der Bundestagsabgeordnete Oliver Krischer (Grüne) erklärte, "dass die Bundesregierung nach wie vor keine wirklichen Konsequenzen aus dem Abgas-Skandal zieht, kommt einem Staatsversagen gleich".

Die Rückrufaktion betrifft ausschließlich deutsche Autos, die ihre Zulassung in Deutschland erhalten hatten. Dobrindt sagte jedoch: "Die ausländischen Typgenehmigungsbehörden werden von uns über das Ergebnis der Untersuchungen in Kenntnis gesetzt." Der Minister betonte, illegale Abschalteinrichtungen hätten die Prüfer nur bei den vorher schon bekannten VW-Modellen entdeckt.

Viele Hersteller seien allerdings in ihrer "Interpretation" der EU-Richtlinie, die in bestimmten Situationen ein Herunterregeln der Schadstoff-Reduzierung erlaubt, sehr weit gegangen. Der von der EU vorgegebene Rahmen sei "zu undefiniert" und müsse geändert werden.

Volkswagen hatte nach Bekanntwerden seiner Abgas-Affäre 2015 zugegeben, eine illegale Software eingesetzt zu haben. Die Software drückt künstlich den Ausstoß von Stickoxiden im Testbetrieb, während die Autos auf der Straße deutlich mehr Schadstoffe ausstoßen.

"Thermofenster" reicht bis 18 Grad

Unabhängig davon stellen viele Hersteller die Abgastechnik ihrer Fahrzeuge so ein, dass die Filter erst ab einer bestimmten Außentemperatur arbeiten. Die KBA-Tests ergaben, dass "Thermofenster" bei einigen Herstellern bis zu Temperaturen von 18 Grad reichen.

Bei einigen Fiat-Modellen besteht laut Dobrindt zudem der Verdacht, dass die Maßnahmen zur Emissionsminderung nach einer bestimmten Zeit automatisch heruntergeregelt werden. Der Hinweis auf dieses Verfahren sei von Bosch gekommen. Ein Sprecher des Autokonzerns wollte sich nicht dazu äußern.

Dobrindt hatte die Nachprüfungen bei verschiedenen Diesel-Fahrzeugen im Herbst 2015 als Reaktion auf den VW-Skandal angeordnet. Die Fahrzeuge wurden auf dem Rollenprüfstand getestet und unter realen Bedingungen auf der Straße. Laut Volkswagen ist die Kernmarke VW-Pkw von dem jetzt angekündigten Rückruf nicht betroffen -– jedoch Audi, Porsche und die leichten VW-Nutzfahrzeuge.

Die KBA-Prüfer teilten die von ihnen getesteten 53 Fahrzeugmodelle in drei Gruppen ein. Zur ersten Gruppe gehören 27 Autos, bei denen sich der erhöhte Schadstoff-Ausstoß aus Sicht der Prüfer mit Maßnahmen zum "Bauteil-Schutz" erklären lässt. Die Fahrzeuge, für die jetzt ein Rückruf angekündigt wurde, gehören dagegen zu einer zweiten Gruppe von insgesamt 22 getesteten Modellen, bei denen das KBA "Zweifel" hat, dass die Drosselung der Schadstoff-Reduzierung wirklich nur mit Motorschutz zu tun hat. Zur dritten Kategorie von Fahrzeugen mit Abschalteinrichtungen gehören laut Dobrindt nur vier VW-Modelle.

Auf den Daimler-Konzern entfallen europaweit 247.000 Fahrzeuge der A-, B-, CLA- und GLA-Klasse sowie die V-Modelle. Das Software-Update für die Kompaktmodelle betrifft eine Motorvariante von Daimlers Kooperationspartner Renault, die Motoren der V-Klasse stammen von Daimler selbst. Die VW-Nutzfahrzeug-Tochter beordert 124.000 Crafter und 70.000 Amarok zurück in die Werkstätten. Audi ruft 65 700 Q5, A6 und A8 mit manuellem Schaltgetriebe zurück, die nach EU-5 und EU-6-Abgasnorm zugelassen wurden – also auch die neuesten Wagen der Modellreihen. Porsche will 33.000 Diesel-Geländewagen vom Typ Macan umrüsten.

Ein Audi-Sprecher sagte, es werde eine neue Software geschrieben, die anschließend beim KBA zur Freigabe eingereicht werde. Den von Dobrindt angepeilten Zeitrahmen, dass die Umrüstung bis Ende des Jahres abgeschlossen sein solle, bezeichnete er als realistisch.

Auch Bosch unter Druck

Derweil meldete der "Spiegel", dass der Autozulieferer Bosch in großem Stil Motorsteuerungen für Antriebe der aktuellen Emissionsnorm Euro 6 produziert habe, die eine Abschalteinrichtung für die Abgasreinigung enthalten. Bislang war im Zuge des VW-Skandals nur von Motoren der Euro 5-Norm die Rede gewesen. Es gehe um 60 Diesel-Pkw verschiedener Autobauer. Diese Woche mussten laut dem Nachrichtenmagazin Verantwortliche von Bosch im Bundesverkehrsministerium Stellung nehmen. Das Unternehmen aus Stuttgart erklärte, der Vorwurf stimme in der Form nicht. (dpa)

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