Die vietnamesische Marke VinFast ist in Deutschland (noch immer) eher Erklärmarke als Selbstläufer: Die Autos sind quasi unsichtbar im Stadtverkehr, Händler gibt es so gut wie nicht, selbst Infos zu den Fahrzeugen und dem Unternehmen sind mehr als spärlich gesät. Der real seit etwa eineinhalb Jahren wirklich existierende Vinfast VF 6 soll das ändern – oder zumindest zeigen, dass ein kompaktes Elektro-SUV nicht zwingend aus Europa, Korea oder China kommen muss.
Auf dem Papier bringt der Vietnamese dafür einige Argumente mit: 150 kW, 310 Newtonmeter, 59,6-kWh-Akku, bis zu 379 Kilometer WLTP-Reichweite und ein Preis von 38.990 Euro für die recht üppig ausgestattete "Plus-Variante". Dazu kommen sieben Jahre Garantie bis 160.000 Kilometer. Klingt zunächst nach einem soliden Paket, wenngleich der Preis für eine Marke, die sich hierzulande erst ihre Sporen verdienen muss, sehr sportlich angesetzt ist.
Vinfast VF6 Test (2026)
Mit 4,24 Metern Länge, 1,82 Metern Breite und knapp 1,60 Metern Höhe bleibt der VF 6 im unteren kompakten SUV-Format. Das Außendesign wirkt stimmig, eigenständig und erfreulich unaufgeregt. Kein überzeichneter Auftritt, keine künstliche Aggressivität, sondern eine saubere Linienführung mit freundlicher Front. Im Fuhrpark ist das nicht die schlechteste Nachricht: Der VinFast VF 6 fällt auf, ohne laut sein zu müssen.
VinFast VF6: Einfacher Auftritt
Vorn sitzt man luftig und recht hoch. Das passt zum SUV-Anspruch, sorgt für gute Übersicht und macht den Einstieg bequem. Die Sitze sind elektrisch verstellbar, beheizt und belüftet. Die Ventilation arbeitet allerdings schon auf Stufe eins recht kräftig. Ähnliches gilt für die Lüftung selbst: wirksam, aber akustisch durchaus präsent. Das serienmäßige Panorama-Glasdach bringt Licht in den Innenraum, ein Rollo fehlt jedoch. Im Sommer kann das zum Thema werden.
Der Innenraum ist übersichtlich gestaltet, aber nicht besonders hochwertig. Viele Flächen bestehen aus einfachem Kunststoff, die Verarbeitung wirkt schlicht, teilweise fallen große Spaltmaße auf. Dafür leistet sich der VF 6 auch angenehme Details. Der sauber rastende Drehregler für die Lautstärke ist so eine Kleinigkeit, die man im Alltag schnell schätzt. Die Fahrstufenwahl erfolgt wie bei manchen Fiat-Modellen über eine Tastenleiste. Das ist nicht spektakulär, aber funktional und auch ein bisschen originell.
Das zentrale Bedienorgan ist der 12,9-Zoll-Bildschirm. Ein klassisches Kombiinstrument gibt es nicht, dafür ein sehr scharfes Head-up-Display. Das ist im Alltag wichtiger als die fehlende Anzeige hinter dem Lenkrad, weil Geschwindigkeit, Navigation und Fahrerinformationen direkt im Blickfeld liegen. Apple CarPlay und Android Auto werden unterstützt.
Weniger überzeugend ist die Software im Detail. Übersetzungen wie "Ausfahrt" im Navi statt "Route beenden" oder "Erfrischen" sztatt "Aktualisieren" im Update-Menü wirken sehr unfertig. Auch die Assistenzsysteme könnten besser gebündelt sein. Wer im Dienstwagenalltag schnell Funktionen anpassen will, wünscht sich hier eine klarere Menüstruktur.
Beim Platzangebot zeigt sich der VF 6 zweigeteilt. Vorn geht es großzügig zu, die große Mittelkonsole schafft Ablagefläche und bringt USB-A-Anschlüsse mit. Im Fond reicht der Raum für den kompakten Zuschnitt aus, der Kofferraum fällt dagegen eher knapp aus. Immerhin gibt es einen doppelten Ladeboden und hinten einen kleinen Scheibenwischer – eine banale, aber bei Schmuddelwetter willkommene Ausstattung.
VinFast VF6 ist unkompliziert auf der Straße
Auf der Straße fährt sich der VF 6 unkompliziert. Die Abstimmung ist eher weich, die 19-Zoll-Räder bleiben aber ausreichend komfortabel. Das passt zum Charakter: Der VinFast will kein Kurvenräuber sein, sondern ein alltagstauglicher Stromer für Pendelstrecken, Kundenbesuche und urbane Einsätze.
In Eco und Normal bleibt der Antrieb gelassen, im Sportmodus legt der VF 6 spürbar nach. Dann reißt das Drehmoment beim Beschleunigen allerdings deutlich an den Vorderrädern – selbst auf trockener Straße. Die 310 Newtonmeter kommen früh und kräftig, die Vorderachse muss sie aber auch sortieren. Das ist nicht kritisch, aber spürbar und passt nur bedingt zum ansonsten entspannten Fahrcharakter.
Der Verbrauch von 18 kWh geht in Ordnung. Damit bestätigt der VF 6 seine Rolle als vernünftiger Kompakt-SUV, nicht als Effizienzwunder. Die angegebene Reichweite von 379 Kilometern ist für den Einsatzzweck passend, solange der Wagen nicht regelmäßig lange Autobahnetappen mit hohem Tempo absolvieren muss.
Genau dort fällt auch die größte praktische Schwäche auf: das DC-Laden. In der Praxis waren nur gut 60 kW möglich, damit wirkt der VF 6 beim Schnellladen zäh. Offiziell nennt VinFast rund 25 Minuten von 10 bis 70 Prozent. Für den typischen Tagesumlauf kann das reichen, für eng getaktete Langstrecken oder Poolfahrzeuge mit kurzen Standzeiten ist die Ladeleistung aber ein Argument gegen den VF 6.
VinFast VF6: Preis und Kosten
Für Fuhrparkverantwortliche ist der Blick auf die Kosten zweischneidig. Der Listenpreis von 38.990 Euro ist auch angesichts der Ausstattung viel zu hoch angesiedelt. Sitzkomfort, Head-up-Display, Panorama-Glasdach, Assistenzsysteme, Smartphone-Integration und die lange Garantie ergeben ein rundes Serienpaket. Für diesen Betrag bieten chinesische Konkurrenten wie Leapmotor, Geely, GWM oder Xpeng Fahrzeuge, die eine Klasse größer vorfahren für ähnlich viel Geld.
Gleichzeitig bleibt VinFast in Deutschland eine junge Marke mit sehr begrenzter Bekanntheit. Das spiegelt sich auch in der Restwertprognose wider: Nach 36 Monaten und 15.000 Kilometern pro Jahr liegt der prognostizierte Händler-Einkaufswert bei 39,38 Prozent des Listenpreises, bei 20.000 Kilometern pro Jahr bei 36,83 Prozent.
Nach 48 Monaten und 20.000 Kilometern pro Jahr sind es 31,23 Prozent. Das ist kein K.o.-Kriterium, aber ein Punkt für die Vollkostenrechnung – vor allem im Leasing und bei großen Stückzahlen.
Vinfast Lac Hong 900S und 800S
Unterm Strich ist der VinFast VF 6 Plus ein Elektro-SUV mit sympathischem Pragmatismus. Er fährt angenehm, bietet zumindest vorne viel Platz, eine gute Ausstattung und ein sehr gutes Head-up-Display. Gleichzeitig zeigen Verarbeitung, Softwareübersetzung, Menülogik, Kofferraumvolumen und Schnellladeleistung, dass VinFast noch Feinschliff braucht. Ums Service- und Reparaturgeschäft kümmert sich übrigens die Werkstattkette ATU.
Gerade im Flotteneinsatz hängt die Bewertung deshalb stark vom Profil ab. Wer ein gut ausgestattetes, unkompliziertes Elektroauto für regionale Strecken sucht, kann den VF 6 prüfen. Wer maximale Ladegeschwindigkeit, hohe Restwertsicherheit und Premium-Anmutung erwartet, wird woanders glücklicher. Überdies bleibt es spannend, wie sich VinFast im hiesigen Markt auch angesichts bärenstarker Konkurrenz nicht nur aus China weiterentwickelt.