Welche günstigen Autos mit Allradantrieb gibt es bei uns? Dacia Duster 4x4, richtig. Macht mindestens 27.500 Euro (brutto). Ist das günstig? Verglichen mit dem Rest, ja. Denn alle anderen Fahrzeuge mit Allradantrieb starten nicht unter 34.800 Euro. Dafür gibt es den gelungenen Subaru Crosstrek. Doch es gibt noch einen, der bei vielen, die ein offroadfähiges Automobil wünschen, nicht auf dem Radar erscheint: Der KGM Tivoli – als Allradler ab 24.900 Euro zu haben. KGM was? KGM ist der einzige Autohersteller Koreas, der nicht zum Hyundai-Konzern gehört. Wer mehr über KGM erfahren will, schaut kurz hier in den Artikel.
KGM Tivoli 4x4
Billige Allradfahrzeuge sind ebenso passé wie günstige Autos generell
Okay, echten Auto-Nerds wird aufgefallen sein, dass es noch ein Allradfahrzeug gibt, das das günstigste überhaupt in Deutschland ist: 22.550 Euro kostet der kleine Suzuki Swift Allgrip mit müdem 3-Zylinder-Sauger und 83 PS. Immerhin haben die Japaner den Swift um rund zwei auf 14 Zentimeter Bodenfreiheit erhöht, um seine „Offroad-Kapabilität“ zu verbessern. „Ab ins Gelände“ klappt mit dem Zwerg aber dennoch nicht.
Anders mit dem KGM Tivoli. Rund 18 Zentimeter Luft gibt es bei ihm zwischen Fahrbahn und Unterboden. Das reicht, um auch mal etwas mehr als Feldwege in Angriff nehmen zu können. Damit es noch weiter im Gelände geht, verfügt das in Korea produzierte 4,26-Meter-SUV über eine zuschaltbare Sperre. Bis zu 50 Prozent der Antriebskraft können, per Knopfdruck in der Mittelkonsole, nach hinten gegeben werden, damit die Antriebskraft paritätisch verteilt ist. Das ist jedoch nur auf rutschigem Untergrund sinnvoll. So aber mutiert der Tivoli zum leidensfähigen Geländewagen, wenngleich eine Untersetzung oder weiteres Offroadzubehör (Quersperren) nicht existent sind. Für die meisten Schneebezwingungen oder das Anfahren einer abgelegenen Wochenendhütte reicht das allemal. Und mehr erwartet sicherlich auch genau niemand vom Tivoli 4x4. Über die passenden All-Terrain-Reifen ließen sich zudem mehr Geländetalente generieren.
KGM Tivoli 2WD ab unschlagbaren 19.000 Euro
Da für 99 Prozent der Kunden anderweitige Einsatzzwecke den Alltag abbilden, wird der Tivoli meist als Fronttriebler verkauft – Sechsgang-Handschaltgetriebe inklusive. Und als Sondermodell Essential startet solch ein KGM Tivoli derzeit für unschlagbare 19.000 Euro. Obligatorisch bei allen KGM Tivoli: der 163 PS leistende Benziner, der die vier Brennräume (zusammen 1.497 Kubikzentimeter) mittels Turbolader zwangsbeatmet. Damit ist das gut 1,4 Tonnen schwere SUV bestens motorisiert. 260 Newtonmeter stemmen sich beim Automatikmodell (280 Newtonmeter beim Handschalter) auf die Kurbelwelle und der bei uns „montierte“, etwas betagte japanische Aisin-Sechsgangwandlerautomat (2.000 Euro Aufpreis) versucht, die passenden Gänge kraftentsprechend zu aktivieren. Das gelingt nicht immer, weshalb das manuelle „Reinschalten“ mittels klassischem Automatikhebel fast eine Wohltat ist und blind gelingt.
Diese Kombination passt zum Tivoli. Alles zusammen wirkt zwar etwas oldschool (und ist es: Wartungsintervall alle 15.000 Kilometer oder jährlich), aber robust. Der Ottomotor ist laufruhig, aber (beim Ausdrehen) nicht leise, antrittsstark, aber nicht sparsam. Beim 4x4-Automatik-Tivoli lautet der WLTP-Wert bereits 8,4 Liter. Erfreulich: Das ist in etwa auch der Testverbrauch, womit die Normangabe mal nicht ins Reich abstruser Fabelwerte abdriftet. 50 Liter Tankinhalt sorgen für einen passenden Aktionsradius.
Sauberes Fahrwerk im KGM Tivoli
Wenn wir gerade am Fahren sind: Diese Disziplin erledigt der mittlerweile rund zehn Jahre auf dem Markt rollende Tivoli (zuvor als Ssangyong Tivoli) anstandslos. Klar, hier und da fehlt Feinschliff. Aber der fehlt auch bei nagelneu entwickelten Fahrzeugen in bezahlbaren Preisregionen. Die Lenkung ist vergleichsweise präzise und straff, aber nicht unkomfortabel, ebenso wie die Feder-Dämpfer-Abstimmung des Fahrwerks. Der Wendekreis liegt mit knapp unter elf Metern auf einem vernünftigen Niveau. Wind- und Abrollgeräusche sind präsent, sofern man die Richtgeschwindigkeit nach oben verlässt, aber nicht störend. 190 km/h sind möglich, falls es jemanden interessiert.
Mehr Interesse dürfte das Interieur erzeugen. Schon der Einstieg gelingt vorn wie hinten sehr geschmeidig. Die Türen öffnen weit genug und sind eben nicht zwangsbeschnitten, weil der Hersteller meint, aus einem SUV ein Coupé machen zu müssen. Dass jedoch die A-Säulen megadick sind, stört auf kurvenreichen Abschnitten. Ebenso sind die C-Säulen so massiv, dass sich schon mal massive Betonsäulen dahinter verstecken können und die (eventuelle) Detektion mittels Ultraschallsensoren nicht zwingend zum Bremsen veranlasst. Das liegt aber vielmehr daran, dass der Tivoli ständig und immer wieder am Bimmeln ist und man kaum weiß, warum eigentlich – doch dazu später mehr.
Gute Platzverhältnisse im kleinen KGM Tivoli
Das Platzangebot ist für ein gerade einmal 4,26-Meter-Fahrzeug gut. Und zwar in der ersten Reihe kombiniert mit ergonomischen Sitzen und in der zweiten Reihe mit einer 40:60 klappbaren Rückenlehne. Verschiebbar ist die Rückbank nicht, somit bleibt der Kofferraum stets identisch und fasst mindestens 400 Liter.
Apropos Gepäckfach. Der aus Pyeongtaek (etwa 80 Kilometer südlich von Seoul) stammende Koreaner wartet mit längst vergessenen Schmankerln auf, wie beleuchtetes Handschuhfach und Gurthöhenverstellung vorn. Das gibt es heute selbst in höheren Fahrzeugsegmenten kaum mehr. Auf der anderen Seite der Alters-Medaille steht das Infotainmentsystem. Das ist alt. Weder FM- noch DAB-Radio funktionieren zuverlässig. Das Navigationssystem versteht nur Bahnhof. Immerhin sind Applecarplay und Android-Auto an Bord, wenngleich mit Kabelbindung – USB-A jedoch. Induktives Handyladen gibt es daher auch gar nicht.
Assistenzsysteme im KGM Tivoli sind extrem intensiv
Dafür ist der KGM Tivoli von Haus aus mit einer überbordenden Fülle an im vorauseilenden Gehorsam agierenden Assistenzsystemen ausgestattet. Wir sind noch kein Automobil gefahren, dessen Systeme aufdringlicher und komplizierter zu deaktivieren sind. Das Abstellen gelingt nur mittels Lenkradtasten und wirrer Bedienlogik. Das ständige Vertippen kann man dann im Kombiinstrument verfolgen. Interessanterweise ist der Suzuki Swift ähnlich schlecht in dieser Disziplin. Auf der Langstrecke hatten wir uns daher angewöhnt, während des Tankvorgangs den Motor laufen zu lassen – das erspart Zeit fürs abermalige Deaktivieren. Trotz aller Deaktiviererei ist es uns jedoch nicht gelungen, Ruhe in den Tivoli zu bekommen. Der Müdigkeitswarner lässt sich nicht deaktivieren und piept eindringlich nach spätestens zwei Stunden Fahrt. Wer hat gleich nochmal festgelegt, dass nach zwei Stunden eine Pause fällig werden muss? Bei kalten Temperaturen piept die „Glatteiswarnung“, was in der Tat sinnvoll ist, und weitere Pieptöne ohne genauere Bedeutung kommen in unregelmäßig regelmäßigen Abständen.
So sind tatsächlich die Abstimmung der Assistenzsysteme, deren Intensität und das Abschalten der Systeme die einzigen echten Kritikpunkte an dem kleinen Allradler. Wer damit leben kann, bekommt ein geräumiges, gut verarbeitetes (fünf Jahre Garantie inklusive), wendiges, stadt- wie (ab und an) langstreckentaugliches Fahrzeug, das nach wie vor in einem Hochlohnland produziert wird und für kleines Geld nach Deutschland kommt. Dass man auch (unnötig) mehr für den KGM Tivoli ausgeben kann, beweist der Testwagen in der Ausstattung Black im Sportdress mit dunklem Dach und schwarzen 18-Zoll-Felgen, Allradantrieb und Automatik. Macht zusammen 32.050 Euro (brutto).