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Dellenzählen leicht gemacht

Mit seinem Miko-Schadenscanner will TÜV Rheinland die Fahrzeugbegutachtung digitalisieren. Das soll helfen, die Schadenserkennung zuverlässiger und Prozesse wie Leasingrückgabe effizienter zu machen.


Datum:
01.07.2020
Autor:
Armin Wutzer
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Sobald Leasingfahrzeuge zur Rückgabe wieder beim Händler auf dem Hof stehen, beginnt für beide Seiten das übliche "Spiel": Wird der Gutachter alle Schäden entdecken? Und wenn ja: Was davon ist noch normale Abnutzung und was schon ein nachzahlungspflichtiger Schaden? Ob etwa eine kleine Hageldelle oder ein Lackschaden entdeckt wird oder nicht, kann den Wert eines Fahrzeugs ohne weiteres um ein paar hundert Euro in die eine oder andere Richtung drücken. Entsprechend sorgfältig werden die Fahrzeuge geprüft. Doch das kostet Zeit und ein gewisses Restrisiko, dass hin und wieder doch einmal etwas durchrutscht, bleibt.

Etliche Unternehmen sehen darin eine Marktlücke und arbeiten deshalb an digitalen Systemen und Dienstleistungen, mit denen sich sämtliche Schäden am Fahrzeug binnen Sekunden vollautomatisch und vor allem zuverlässig erfassen lassen. Darunter sind auch einige Prüforganisationen. TÜV Rheinland etwa hat dazu unlängst das Technologie-Start-up Adomea und deren Miko-System (Mobiles Identifikationssystem für Kraftfahrzeugoberflächenfehler) übernommen."Wir wollten schnell Know-how erwerben und weiterentwickeln, um bald marktfähige Lösungen vorstellen zu können", erklärt Matthias Schubert, Vice President Mobilität bei TÜV Rheinland.

Streifenreflexionstechnik-Scan

Und so funktioniert das System: Ausgangspunkt ist eine Box, die in puncto Größe und Aussehen an eine Fertiggarage oder eine kleine Autowaschanlage erinnert. Das Innere der Box ist - im Gegensatz zur Waschstraße - durchgängig mit LED-Panelen ausgekleidet. Wird nun ein Fahrzeug in die Box gefahren, projizieren die LEDs von allen Seiten ein blinkendes Streifenmuster auf das Fahrzeug. Währenddessen erfassen 16 Kameras die Spiegelungen des Musters auf dem Lack des Fahrzeugs. Aus den dabei gemessenen Veränderungen der Spiegelungen berechnet dann eine Software die Oberflächennormale des Fahrzeugs und leitet die lokale Oberflächenkrümmung ab.

Identifiziert das System dabei Abweichungen in den Messdaten - etwa durch eine Delle -, ordnet es diese auf Basis einer hinterlegten Fahrzeugdatenbank dem jeweiligen Modell und Fahrzeugbereich zu und visualisiert das Messergebnis in einer 3D-Ansicht. Zudem ordnet das System die Schäden selbstständig in unterschiedliche Schadenkategorien wie etwa Dellen, Kratzer oder Beulen.

Dellen kleiner als 140 Mikrometer

Dem TÜV Rheinland zufolge lassen sich im Miko-Scanner Abweichungen mit einer Tiefe von weniger als 140 Mikrometern erkennen (ein menschliches Haar hat im Schnitt 70 Mikrometer Dicke). Darüber hinaus erfasst das System auch die Reflektivität der Oberfläche. Das erlaubt zusätzlich, kleinste Kratzer sowie Verätzungen durch Vogelkot oder nachträgliche Lackarbeiten zu erkennen. "Dass wir die lokale Oberflächenkrümmung und die Reflektivität messen, ist der große Unterschied zu den anderen Systemen am Markt. Denn diese nehmen nur herkömmliche Farbbilder auf", sagt Miko-Entwickler René Franke. "Miko ist aktuell das fortschrittlichste System am Markt", ist Schubert überzeugt.

60 Sekunden statt 30 Minuten

Insgesamt dauert der gesamte Scanvorgang lediglich rund 60 Sekunden. Die Schaden-Erkennungsquote liegt dabei nach Angaben von TÜV Rheinland zuverlässig bei 100 Prozent. "Das ist deutlich besser als bei menschlichen Sachverständigen", sagt Franke. Deren Ergebnisse seien zudem nicht im gleichen Maße reproduzierbar. Darüber hinaus bräuchten menschliche Gutachter bei sorgfältiger Arbeit ohne weiteres 30 Minuten, um ein Fahrzeug zu überprüfen. Und selbst dann sei jedoch nicht garantiert, dass sie alle Schäden entdeckt haben. Die Sachverständigen ersetzen soll das System aber dennoch nicht. "Wir können die Fähigkeiten unserer Mitarbeiter nun besser nutzen als zum Dellenzählen", sagt Schubert. Dank des Scanners könnten sie sich beispielsweise darauf fokussieren, die erkannten Schäden zu klassifizieren und zu bewerten oder den Fahrzeug-Innenraum, die elektronischen Systeme und den Wartungsstatus zu prüfen.

Aber auch das wird wohl nur eine Zwischenstufe bleiben. In Zukunft soll das System mittels einer selbstlernenden künstlichen Intelligenz sämtliche Schäden an der Außenhaut auch automatisch klassifizieren und eine Reparaturkostenkalkulation erstellen. Bei reinen Hagelschäden ist das schon jetzt möglich. Aktuell sind in der EU bereits sechs und in Nordamerika fünf Scanner im Auftrag verschiedener Versicherungen im Einsatz.

2020 soll nun auch die Vermarktung an Leasinggesellschaften, Autohäuser und zum Beispiel Mietwagenfirmen beginnen. "Wir sehen Potenzial für mehrere hundert Systeme", sagt Schubert. Mögliche Einsatzszenarien im Autohaus sind nach Ansicht von Schubert neben dem eingangs beschriebenen GW-Ankauf oder dem Leasinggeschäft der Sales-Bereich oder die Reparaturannahme.

Weniger Diskussionen mit Kunden

So sei etwa ein exakter Scan der Außenhaut bei Gebrauchtwagen durchaus ein Verkaufsargument und bei der Reparaturannahme ein Beweismittel. Beispielsweise wenn Kunden die Werkstatt nachträglich für eine Delle verantwortlich machen wollen. "Viele Autohaus-Prozesse werden mit dem Scanner deutlich schneller und präziser durchlaufen können. Und es wird weniger Raum für Diskussionen geben", so Schubert.

Welche Kosten auf die Unternehmen zukommen, die den Scanner einsetzen wollen, will TÜV Rheinland nicht beziffern. Diese würden sich nach dem jeweiligen Anwendungsfall richten. Wahrscheinlich sei aber, dass für die Nutzung jeweils eine Grundmiete sowie eine Gebühr pro Scan anfallen wird. Den genauen Wert des Scanners selbst gibt TÜV Rheinland ebenfalls nicht an. Angepeilt sei aber, die Kosten pro System in den "niedrigen sechsstelligen Bereich" zu drücken, was aus wirtschaftlicher Sicht verständlich ist.

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