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Fuhrpark in Norwegen

Langer Vorlauf für die E-Pioniere

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Besuch eines Fuhrparkbetreibers in Norwegen, der auf "E" setzt.
© Daimler

Fällt das Wort Elektromobilität, dann geht der Blick fast automatisch in den Norden. Hier in Norwegen dienen die Straßen von Oslo als Kulisse für ein Stromer-Museum, denn alles mit Stecker ist hier zu finden. Wir besuchen einen Fuhrparkbetreiber der auf "E" setzt und dennoch über Probleme berichten kann.

Bis 2025 will Norwegen keine neuen konventionellen Autos zulassen. Das klingt utopisch und ist es für die Bewegungsszenarien in Deutschland auch. Im kleinen Norwegen (5,2 Millionen Einwohner) klappt dies zumindest in der Hauptstadt jetzt schon so gut, dass man glaubt, dass der Sprung in den kommenden sechs Jahre kein großer mehr wird.

Am Flughafen reihen sich Ladesäulen in hunderte Meter, in der Stadt, die auf die City-Maut setzt, welche für Stromer entfällt, fühlt man sich wie im Museum für E-Fahrzeuge. Wann haben Sie in Deutschland zum letzten Mal einen Ampera E oder einen Mitsubishi iMiev gesehen? In Oslo gibt's beide an nahezu jeder Ecke. Jedes Modell mit Stecker findet hier seinen Abnehmer. Nun ist die Hauptstadt etwas größer als Dortmund und der norwegische Staatsfonds ist so legendär wie solvent, so dass viel Infrastruktur einfach gebaut wurde. So startet wohl kein zweites Land ins E-Abenteuer. Dennoch lohnt es für jeden Zweifler, die automobile Welt ohne Verbrenner einmal live zu sehen, denn das Einzige was in der (bis auf die Lkw und teilweise Busse) elektrisch-leisen Innenstadt verbrannt wird, ist das eigene Reise-Budget, aber das ist eine andere Geschichte.

Zu Besuch bei Domino's-Flotte

So weit wie sich das Fjordland erstreckt, reicht fast auch das Reich von Domino's Pizza. Von Oslo und Stavanger im Süden bis nach Trondheim in der Mitte reicht das Geflecht von 46 Niederlassungen. Hassan Siddique ist der "Fleetkoordinator" und verantwortlich für die rund 170 Fahrzeuge von Domino's. Die Kette ist in jedem Land etwas anders strukturiert. In den USA gibt es sehr viele klassische Franchisenehmer. In Norwegen ist es ein Mix aus Franchisenehmern und eigenen Unternehmern. Das Gros der norwegischen Flotte machen Autos (90) aus, aber auch Scooter und Fahrräder dienen als Lastesel für die Pizza-Kette.

Die meisten Fahrzeuge sind entweder Renault Zoes oder Nissan Leafs - und sie sind geleast. Leasingpartner ist die ALD Automotive und die NF Fleet Norge - ein Joint Venture der norwegischen Nordea Bank. Neben Domino's Flotte in Norwegen betreut die ALD Automotive den Pizza-Lieferservice auch in weiteren Ländern.

Diese Strukturen gibt es wie erwähnt nicht überall bei der Pizza-Kette, wie Siddique erklärt: "In vielen anderen Ländern nutzen die Betreiber von Domino's eigene Fahrzeuge. Hier in Norwegen sind es wiederum mehrheitlich Firmenwagen, die zur Belieferung eingesetzt werden." Und diese mit dem Firmenlogo versehenen City- Flitzer und Roller sind zumeist rein elektrisch, was auf eine bewusste unternehmerische Entscheidung zurückgeht."Eines der weltweiten Ziele von Domino's Pizza ist es, nachhaltige Antriebe für die Auslieferung zu verwenden und gerade wir in Norwegen gehen dieser Vorgabe nach. Deshalb nutzen wir, wo immer es möglich ist, Elektrofahrzeuge." Aktuell werden deshalb Scooter mit Benzinmotor durch E-Scooter ersetzt und auch Lastenräder spielen eine immer größere Rolle im Norden. Bei jeder Anschaffung wenden sich die einzelnen Standorte mit ihren Fragen an den Flottenleiter Siddique, der sich wiederum mit Ole-Henrik Finnbråten, seinem persönlichen Ansprechpartner bei der ALD Automotive, berät, wenn es um die Beschaffung geht.

"Ich unterstütze hauptsächlich die lokalen Niederlassungsleiter und einzelnen Fuhrparkverantwortlichen, die es an jedem Standort gibt. Mit ihnen stimme ich ab, ob wir insgesamt genug Fahrzeuge vor Ort haben oder ob wir neue brauchen", beschreibt Siddique einen Teil seines täglichen Geschäfts.

Die Führerscheine übrigens kontrolliert die HR-Abteilung vor Ort. Zentral werden allerdings alle Rechnungen erfasst, die dann direkt an die ALD Automotive gehen, um diese zu verifizieren und in einer ERP-Software zusammenzufassen. Den Überblick zu behalten, ist in dem weitverzweigten Niederlassungsnetz wichtig. Das gilt vor allem für die Lademöglichkeiten, denn die Stromer kennen nicht nur warme Sommer, sondern auch harte und lange Winter, was den batteriebetriebenen Lieferfahrzeugen einiges abverlangt.

Ladehemmung auf dem Land

Das Laden ist selbst in Norwegen nicht immer ein Selbstläufer, wie Finnbråten (ALD Automotive) erklärt: "Um eine E-Flotte zu betreiben, braucht es eine passende Ladeinfrastruktur. In Städten wie hier in Oslo ist das kein Thema. Aber auf dem Land sieht es anders aus. Dennoch entwickeln wir uns ständig weiter. Zum Beispiel wurden in Stavanger erste Straßenlaternen als Ladepunkte umfunktioniert."

Die weit verstreute Flotte ist zudem in sehr unterschiedlichen Immobilien beheimatet, was das Betreiben eigener Ladepunkte nicht immer einfach macht. Im Domino's-Netzwerk gibt es in der Regel zwei Wallboxen pro Standort - mit 3,6- oder 11-kW-Anschlüssen. Da nicht jede Immobilie über die Möglichkeit für Schnellladeanschlüsse verfügt, gibt es rein die AC-Technik. "Diese reicht für uns aber aus, um stets bis zu vier Fahrzeuge einsatzbereit zu halten", versichert der Fuhrparkleiter. Für die Stadttouren sind die Reichweite und das Platzangebot von Zoe und Co. perfekt. Dass sich der teure Anschaffungspreis auch im preissensiblen Pizza-Gewerbe lohnt, liegt an den zahlreichen Förderungen, die den E-Fahrzeugen zugesprochen werden. Beispielsweise entfällt die City-Maut (rund fünf Euro). Beim Steuerbonus tritt man mittlerweile leicht auf die Bremse. Von 50 Prozent - wie in Deutschland - ging es mittlerweile auf 40 Prozent zurück. Diesen Bonus gibt es allerdings allein für 100 Prozent elektrische Fahrzeuge - batterieelektrisch oder mit Brennstoffzelle, berichtet Finnbråten.

Kleiner als E-Auto geht es - vor allem im Sommer - aber auch. "Zwischen Mai und Oktober nutzen wir sehr viele Scooter, im Winter dafür mehr Autos. Generell sind wir mit den Scootern in der Stoßzeit schneller als mit dem Auto", so Siddique.

Weniger Führerscheinneulinge

Der Vorteil der Scooter liegt zudem am Führerschein. Denn in einer so gut vernetzten Stadt wie Oslo ist der eigene Auto-Führerschein längst nicht mehr alltäglich."Hier in Oslo gibt es den höchsten Prozentsatz von Bürgern, die keinen Autoführerschein besitzen. Die Alternativen wie Züge, Busse oder Leih-Scooter sind sehr vielfältig vorhanden. Wer den Führerschein dennoch macht und bei Domino's als Fahrer anfängt, ist meist jung und schnell vom Stromer überzeugt, wie Siddique erzählt:"Viele unserer Fahrer kommen bei uns erstmals mit E-Fahrzeugen in Kontakt." Und die ersten Reaktionen sind meist positiv. Es sei aufregend, unerwartet einfach und spaßig mit dem E-Fahrzeug unterwegs zu sein, so das allgemeine Credo.

Die Wartung der Fahrzeuge übernehmen Werkstattketten wie Motor Forum, Berge Auto oder Algus Auto. Alle Rechnungen gehen zur Prüfung an das Team der ALD."Unser Technik-Team schaut sich jede Rechnung an und trägt die Ergebnisse nach der Prüfung in monatlichen Reports zusammen", erläutert Finnbråten.

Paradies der Gebrauchtstromer

Die Kosten im Blick zu haben, hilft auch beim Thema Remarketing. Wobei der Gebrauchtwagenmarkt in Norwegen für die in die Jahre gekommenen E-Fahrzeuge durchaus etabliert ist, wie das Straßenbild belegt."Selbst für einen gebrauchten Tesla kann man immer noch einen sehr guten Preis erzielen. Nachdem die ersten Leasing-Tesla zu uns zurückkamen, war deren Reichweite immer noch sehr hoch, was sie auch für den Gebrauchtwagenmarkt attraktiv machte", berichtet der Leasingexperte. "Dennoch haben auch die Konventionellen ihre Berechtigung. Denn Elektrofahrzeuge werden hierzulande in erster Linie fürs tägliche Pendeln zur Arbeit genutzt und Benziner dann für die Familienfahrten in die ländlichen Gebiete."

Pannen gab es übrigens bislang nur sehr selten. Auch die Ladekabel sind zuverlässig, selbst im extrem kalten Winter, wenn die Fahrzeuge nachts auch mal auf der Straße parken. Man muss also auch vor der Alltagstauglichkeit der Fahrzeuge mit Stecker keine Angst haben. Und so ist Finnbråten sicher, dass der Markt für Elektrofahrzeuge weiter wachsen wird. "Neue Marken und neue Modelle kommen dazu. Unsere Aufgabe ist es zu schauen, wie diese neuen Angebote in die bisherige Infrastruktur von Domino's Pizza passen - mit den jeweiligen ökologischen wie ökonomischen Parametern. Ein Beispiel sind neue frontbeladene Lastenräder, die perfekt in diese Mobilitätsstrategie passen."

Doch nicht allein die Antriebstechnik erneuert sich in der Flotte. Aufgrund von Vorgaben der Steuerbehörden müssen die gefahrenen Jahreskilometer für Dienstwagen dokumentiert werden. Deshalb erhalten die ersten Fahrzeuge nun einen Dongle mit GPS-Funktion, um diese Infos zu erhalten. Diese Telematikeinheit bringt noch weitere Vorteile mit sich, wie Siddique berichtet: "Mit den Daten aus dem System können wir den Bedarf unserer Fahrzeuge besser planen. Zudem ist es möglich, nach einem Unfall ein Foto vom Schaden direkt ins System zuladen, was meine Arbeit erleichtert." Der E-Umstieg ist hier nur ein Zwischenschritt ...

Hintergrund: Domino's Pizza Der Fuhrpark von Domino's Pizza in Norwegen

1960 eröffneten Tom und James Monaghan "DomiNick's" in Ypsilanti, Michigan (USA). 1967 gründete Tom dann den ersten Franchise-Store und änderte den Namen in Domino's Pizza, Inc. Bis 1978 wuchs die Kette auf 200 Filialen, 1983 kam die 1.000ste dazu. Heute betreibt der Franchisenehmer weltweit mehr als 12.000 Geschäfte. Domino's ist laut eigener Aussage damit Weltmarktführer im Bereich Pizza Home Delivery.
Bestand: 170 Einheiten, (davon 90 Autos, sowie 80 Roller, Scooter oder Fahrräder) Pkw-Modelle: Renault Zoe, Nissan Leaf und einige Kia E-Soul
Externe Partner für die Flotte: ALD Automotive (Leasing), verschiedene Werkstattpartner aus Norwegen für die Wartung

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