20 Dienstwagenfahrer von Tip biegen in auffälligen Warnwesten auf dem Gelände des BLG-Autoterminals Hamburg um die Ecke und nähern sich der Auslieferungshalle. Gespannt, vorfreudig, aber auch mit Fragen im Gepäck. Ein Fahrzeugtausch steht für sie heute auf dem Programm. Die Außendienstler des herstellerunabhängigen Vermieters und Serviceanbieters für Truck und Trailer sind dafür aus ganz Deutschland angereist, denn es ist kein normaler Fahrzeugwechsel.
Die Tip-Group stellt seit drei Jahren ihre Dienstwagenflotte auf E-Antrieb um und auch die vermieteten Einheiten sind zunehmend Stromer. Das Event in Hamburg ist folglich sowohl Bestandteil als auch Meilenstein in der elektrifizierten Firmenstrategie.
Vor drei Jahren begann das Unternehmen mit dem Umdenken in Sachen Mobilität. Mit über 90.000 Fahrzeugen in der Mietflotte in Europa ist der CO2-Impact und damit der Einspareffekt groß, also begann die Konzentration auf den E-Antrieb - aber nicht nur bei den Fahrzeugen, die Tip selbst vermietet. Bei der Dienstwagenflotte verabschiedeten sich die Verantwortlichen zunächst vom bisherigen User-Chooser-Fuhrpark: "Wir entschieden uns vor zwei Jahren im Zuge der Neuorientierung hin zum E-Antrieb für eine Ein-Konzern-Strategie mit festen Marken und Ausstattungen je nach Funktion, da wir massiv gewachsen sind und so Fahrzeuge intern effizienter tauschen können", erklärt Florian Kolbe, der als Leader Indirect Sourcing Central & Eastern Europe Region bei der Tip-Group in Deutschland die 150 Autos große Dienstwagen-Flotte verantwortet (Europa: 420 Einheiten).
Für die neue Strategie wurden KPIs wie rund 500 Kilometer Reichweite als Benchmark definiert und 42 Modelle ganzjährig getestet. Konkret stehen nun der VW ID.7 Pro, der Audi A6 e-tron Performance und als Alternative der VW Passat oder der VW Tayron als Plug-in-Hybrid zur Wahl. Wobei Kolbe betont: "Der E-Antrieb ist erste Wahl, ein Verbrenner wird nur vereinzelt geordert, wenn etwa ein Anhänger genutzt wird."
Außerdem entschied sich Kolbe beim Audi für die 22-kW-Ladeoption - mit dem Blick auf die effiziente Lade-infrastruktur an den Tip-Standorten. Heute gibt es 84 22-kW-Säulen an den 26 deutschen Standorten, auch die private Anschaffung von Wallboxen wurde gefördert. Die ersten E-Autos übernahm Tip für 24 oder 36 Monate, da Erfahrungswerte fehlten. Und weil Stromer günstiger wurden: "Wenn wir die Preise von damals und heute vergleichen, bin ich froh, dass ich einen Großteil davon zurückgeben darf", schmunzelt Kolbe.
Die vielen E-Modelle, die heute in Hamburg auf ihre neuen Besitzer treffen, werden bei einer Laufleistung von 30.000 Kilometern pro Jahr für vier Jahre über Ayvens im Full-Service übernommen. "Wir würden am liebsten direkt 62 Monate vereinbaren, denn die Autos halten. Aber dafür bieten die Leasinggeber leider noch nicht die richtigen Konditionen", so Kolbe.
Stand heute setzte er bereits 80 Prozent der Tip-Dienstwagenflotte unter Strom. 100 Prozent lautet das Ziel. Deutschland ist damit in der Gruppe Vorreiter. "Die Batterien werden immer besser, im Pkw- und auch im Nfz-Bereich finden Quantensprünge bei den Reichweiten statt. Jeder Mitarbeiter wird künftig ein E-Modell fahren können", ist sich Kolbe sicher. Dass die Geschäftsleitung seinerzeit selbst mit Stromern angefangen hat, hat als Vorbildfunktion geholfen.
Tip unterstützt weiterhin den Kurs durch Übergabe-Events wie im Hamburger Hafen, durch die Bildung einer Community für den Austausch untereinander und durch interne Anreize. Und klar, die 0,25-Prozent-Versteuerung für E-Autos spielt eine große Rolle bei der Argumentation gegenüber den Dienstwagenberechtigten.
Tip Group Dienstwagen
E-Profis und E-Neulinge
Die Tip-Mitarbeiter in der Halle haben nur wenige Kilometer entfernt in Waltershof ihre bisherigen Autos zurückgegeben. Auslieferung und Rückgabe finden bei Tip stets in Hamburg oder Herzberg statt. "Wir wollen die Autos als Flottenbetreiber sehen, bevor sie zurückgehen, um Kosten zu sparen", so Kolbe. "Die Fahrzeuge werden dabei digital eingecheckt, die Schäden erfasst - genau wie bei unseren eigenen Kunden-Mietwagen."
Die Gruppe ist nun vollständig eingetroffen. Kolbe, Norman Koch (Key-Account-Manager Commerce Large North Ayvens) und Christian Staeder (Fuhrparkmanagement-Berater und Verkäufer im VW-Großkundenzentrum Hamburg) begrüßen die Besucher. Vorab erhielten alle Informationen zu ihrem neuen Fahrzeug.
VW hat etwa die Mail-Adressen der Mitarbeiter für die Fahrzeugeinrichtung und -bedienung schon via App registriert. Nach der Schlüsselübergabe folgt die individuelle Einweisung. Die Fahrzeuge stehen dafür nach Modellen und farblich sortiert aufgereiht - die Fahrernamen in der Windschutzscheibe, ein zweiter Radsatz im Kofferraum, die Tankkarte im Handschuhfach. Neugierig schwärmen die Männer aus und suchen ihr Auto.
Matthias Burmester aus der Region Nord ist dabei gelassen - er ist zuvor Tesla gefahren, kennt sich in der E-Welt also aus: "Anfänger", scherzt er in Richtung der Kollegen, die ab heute erstmals stromern und gerade wild in der Fahrzeug-App auf ihren Smart-phones tippen. Die Umstellung damals verlangte ihm auch Respekt ab. "Anfangs hatte man Angst, weil die Ladeinfrastruktur noch gering war, aber mittlerweile kann man sogar bei McDonald's oder Penny laden und das Auto berechnet unterwegs, wann und wo man laden kann", so Burmester gelassen.
Das elektrische Fahren macht ihm Spaß, nie hatte er bislang Probleme. Auf einer Fahrt von München nach Hamburg startete er etwa vollgeladen im Hotel, fuhr in vier Stunden bis Leipzig, lud dort in der Mittagspause in 20 Minuten auf 80 Prozent und kam mit 30 Prozent in Hamburg an. Heute erhält er einen VW ID.7: "Jetzt habe ich einen Kombi, also wieder mehr Auto und Platz als beim Tesla." Seine Heimfahrt ins 25 Kilometer entfernte Bergedorf: ein Heimspiel.
Bei Jürgen Kast, Tip-Vertriebsleiter im Süden Deutschlands, sieht es anders aus: Bisher fuhr er einen Mercedes C-Klasse Diesel-Hybrid. "Die Umstellung auf E-Antrieb ist ein Wandel am Markt, den man nicht aufhalten kann. Irgendwann muss man sich den neuen Dingen offen stellen", sagt er. Kast geht optimistisch an seine E-Premiere mit dem Audi A6 e-tron und weiß: "Wir empfehlen unseren Kunden in der schweren Nutzfahrzeugklasse schließlich auch den E-Antrieb." Die 700 Kilometer lange Heimfahrt mit den ersten Ladestopps wird für ihn trotzdem ein Sprung ins kalte Wasser werden.
Während sich die Fahrer vertraut machen mit ihren neuen Autos, berichtet Marcus Burmeister, Commercial Excellence Manager bei der Tip-Group, wie der E-Antrieb auch in der Tip-Mietflotte Einzug hält: "Im Jahr 2024 wurde auf Initiative unseres Eigentümers eine Strategie für 2030 festgelegt - anfangs technologieoffen, mittlerweile mit Fokus auf batterieelektrische Fahrzeuge aufgrund ihrer Effizienz."
Auch Mietkunden stromern
Das Ziel: 5.500 elektrifizierte Einheiten bis 2030. Anfangs waren die Kunden skeptisch, laut Burmeister. "Aber mittlerweile leisten die Batterien fantastische Arbeit, Fahrzeuge mit E-Motoren verbrauchen kaum mehr als ein Kilowatt pro Kilometer bei Vollauslastung mit 40 Tonnen. Im Verhältnis zu einem Pkw sind E-Lkw effektiver wegen der höheren Rekuperation."
Einige der schweren E-Fahrzeuge sind laut Burmeister im ersten Jahr über 200.000 Kilometer gefahren, die Batterierestkapazitäten lagen dann noch zwischen 97 und 98 Prozent. Schnellladen und auch die Nutzung mit schweren Gewichten hatten keine negativen Auswirkungen.
"Ohne die bis Juni 2031 verlängerte Mautbefreiung würde die Rechnung trotz aller Effizienzgewinne aber nicht aufgehen. Ein E-Lkw kostet noch immer etwa das 2,5-Fache zum vergleichbaren Dieselfahrzeug. Mietmodelle, wie wir sie bei Tip anbieten, senken die Einstiegshürden für Unternehmen deutlich, da wir als Vermieter das höhere Investitionsrisiko tragen, während die Kunden die wirtschaft-lichen und ökologischen Vorteile der E-Mobilität unmittelbar nutzen können", gibt Burmeister zu bedenken.
Er sieht aber auch Kritikpunkte: "Das öffentliche Laden muss für einen breiten beruflichen Einsatz von E-Lkw effizienter werden. Wir müssen so viel Strom entwickeln, dass in der breiten Öffentlichkeit für unter 0,20 Euro getankt werden kann." Und: Während VW die Risiken der Fahrzeugvermarktung hier bei der Tip-E-Dienstwagenflotte trägt, gilt das bei den vermieteten E-Nfz für Tip selbst. "Die künftigen Batteriewerte gesichert einschätzen zu können, ist heute immer noch einer der Hauptinvestitionsfaktoren", argumentiert Burmeister daher.
Die E-Lkw hält Tip acht Jahre lang, denn E-Motor und Batterien halten laut Burmeister über eine Million Fahrkilometer. "Es wird gerade darüber nachgedacht, ob nach der Hälfte der Zeit ein Refreshing der Sitze oder andere Erneuerungen nötig sind, damit der Fahrer als rares Gut sein gutes Gefühl behält."
Megawatt-Charging
Den einzigen Nachteil, den er aktuell bei E-Lkw gegenüber E-Pkw sieht, ist die Ladedauer. Hier hofft er aber pers-pektivisch auf flächendeckendes Megawatt-Charging. "Die entsprechenden Ladestecker kaufen wir allerdings noch nicht serienmäßig, das muss ein Mietkunde aktuell noch bewusst mit uns vereinbaren", so Burmeister.
Die ersten Fahrzeuge verlassen nun die Halle, einzelne hupen zum Abschied. Im Herbst werden 32 weitere E-Modelle ausgeliefert. Warum bezieht Tip eigentlich nicht beim Hersteller mit einer Ein-Konzern-Strategie, sondern bei Ayvens? "Wir betreiben im Nutzfahrzeugbereich ein People-Business, das Vertrauensverhältnis und die Kundenbetreuung stehen für uns im Zentrum", erklärt Kolbe. Die Tip-Group arbeitet schon länger mit Ayvens zusammen, Kolbe engagiert sich sogar im Kundenbeirat des Leasinggebers.
"Es war aber auch ein Kampf für Ayvens, sich gegen Wettbewerber durchzusetzen", gibt er zu. "Aber die gewohnt partnerschaftliche Zusammenarbeit mit dem Fokus auf die Lösungsfindung hat erneut überzeugt." Ayvens ist in Deutschland Tips einziger Partner: "Unterschiedliche Partner bedeuten Kosten und Aufwand", so Kolbe. Norman Koch spricht ebenfalls von der professionellen Zusammenarbeit - aber auch von den Herausforderungen: "Der Kunde kennt jedes Detail, denn er macht genau dasselbe Geschäft - und kann daher auch sehr genau seine Vorstellungen formulieren." Nicht nur bei der Tip-Group beobachtet Koch einen Trend zur E-Flotte: "Während die Nachfrage nach Hybridantrieben in Flotten kaum mehr existent ist, lassen viele Konzerne gar nichts anderes mehr zu als Elektroantriebe."
Ein Tag nach der Übergabe. Kast schreibt per Mail seine Eindrücke zur Premierenfahrt: "Die erste Ernüchterung erfolgte an der ersten Ladesäule, wo die Karte nicht akzeptiert wurde. Beim zweiten Ladestopp hat dies besser funktioniert." Für die 700 Kilometer lange Strecke hat er eine Stunde länger gebraucht als mit seiner C-Klasse auf der Hinfahrt. Kast ist aber zuversichtlich, dass sich alles einspielen wird, sobald die Fahrzeug- und App-Einrichtungen finalisiert sind.