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Isicargo: Aus dem Treten wird eine Bewegung

Jonas Kremer vom Fahrradhändler und Mobilitätsdienstleister Isicargo.
© Foto: Rocco Swantusch/Autoflotte

Fahrräder wachsen zu Lastenbikes und werden immer individueller für ihren Verwendungszweck. Der Händler isicargo ist Teil des boomenden Geschäfts. Ein Vor-Ort-Besuch mit Weitblick.


Datum:
28.11.2022
Autor:
Rocco Swantusch/Autoflotte
Lesezeit:
4 min
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Entspannt – ganz im Sinne der Wortschöpfung „isicargo”, die das Leichte in der Welt der Lastenräder betont – verlief unser Besuch beim Zweiradhändler im sonst so trubeligen Berlin. Wir treffen mit Jonas Kremer einen Bekannten, der zuletzt die „verrückten Realisten” von Citkar – wie wir den Lastenradhersteller aus Berlin im Autoflotte-Artikel aus dem Frühjahr 2022 nannten – auf die Straße und in die gewerblichen Flotten brachte. Mittlerweile hat der Gründer bei isicargo angeheuert – einem Fahrradhändler und Mobilitätsdienstleister aus der Hauptstadt, der zwei-, drei- oder vierrädrige Mobilität bundesweit anbietet.

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Kremers vielsagender Leitspruch stammt vom Stadtplaner Fred Kent und lautet verkürzt: Wer eine Stadt für Autos und den Straßenverkehr baut, bekommt so eine Stadt. Wer indes eine Stadt für Menschen und Begegnungsstätten baut, erhält genau so eine. Die Frage, in welcher der beiden Städte man lieber wohnen würde, sparen wir uns, denn das Ergebnis wäre recht eindeutig. Im Gegensatz dazu fiele die Antwort eher divers aus, wenn man umgekehrt fragen würde: Durch welche Art von Stadt bewegen Sie sich momentan jeden Tag? Das Ziel ist also klar, doch die Wege dahin sind verschlungen und von schmaler Spurbreite.



Isicargo: Schnittmenge zum VDA: Die Zulieferer

Dass man, um von der Auto-Stadt zur Menschen-Fahrrad-Auto-Stadt zu gelangen, die Kräfte bündeln, sich mit Gleichgesinnten zusammenschließen und Lobbyarbeit verrichten muss, weiß Kremer seit seinen ersten Tagen als Rad-Enthusiast. Wer etwas bewegen will, muss andere überzeugen – und zwar mit Fakten. Deshalb engagiert sich der gebürtige Rheinländer im Radlogistik Verband Deutschland – unter anderem im Fachvorstand der Arbeitsgruppe Politik. Welches Geflecht sich mittlerweile rund um die früher oft belächelte Zweiradfraktion gebildet hat, wird deutlich, als Kremer auf das Organigramm der europäischen Zweirad-Verbände zeigt. Neben der vertikalen Ausrichtung – hinein in die politischen Gremien auf regionaler, nationaler und europäischer Ebene – gibt es die horizontale Verflechtung der Gleichgesinnten in Verbänden wie dem Bundesverband Zukunft Fahrrad (BVZF), dem erwähnten Radlogistik Verband Deutschland (RLVD), dem Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) oder dem Bundesverband der Kurier-Express-Post-Dienste (BdKEP) – und das sind nur die deutschen Player.

Das Ganze ist nötig, um – ähnlich wie der VDA, das Pendant der Automobilhersteller, -importeure und Zulieferer – gemeinsam für Normierungen, Förderung und Ausbau der Infrastruktur zu sorgen. Nicht nur die Ansprechpartner der Auto- beziehungsweise Fahrrad-Lobbygruppen sind ähnlich (Politik, Stadtplanung etc.), es gibt sogar eine Schnittmenge bei den Mitgliedern. Da speziell die Lastenräder in immer größeren Stückzahlen produziert werden und nach langlebigen Bauteilen verlangen, stammen immer mehr Komponenten von jenen (Automobil-)Zulieferern, die bislang die Puzzleteile der vierrädrigen Welt erdacht, weiterentwickelt und millionenfach produziert haben. Dank der angepassten Lenker, Federungen, Antriebsstränge, Schaltungen und Aufbauten (Wetterschutz) werden die Lastesel bequemer, leistungsstärker und einfacher in der Wartung.


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Isicargo: Mobile Musikbühne

Isicargo zählt zu den wenigen Händlern, die überregional beziehungsweise bundesweit agieren. Im Berliner Hauptgeschäft finden sich über 30 Marken wieder, was kombiniert mehr als 200 Modelle widerspiegelt. Die Autos werden immer uniformer, die Fahrräder indes immer variantenreicher. Zu den erfüllten Lastenrad-Wünschen bei isicargo zählen unter anderem eine aufklappbare Musikbühne für Spontankonzerte, die auf ein Lastenrad fest verbaut wurde oder ein mobiler Infostand mit eingebauter Lounge, um etwa unterwegs gemeinsam Ideen für die nationale Stadtentwicklungspolitik zu entwickeln.

Insgesamt wächst das Zweirad-Angebot so schnell an europäischen Marken, dass selbst ein Profi wie Kremer, der seit einer Dekade dem Puls nachspürt, auf den Großmessen wie der Eurobike noch Neuheiten entdeckt. Da es mittlerweile für viele Lastenrädern auch eine Förderung gibt, fällt die Bedarfsanalyse im B2B-Bereich etwas umfangreicher aus. Deshalb setzen die Hauptstädter sehr auf die Beratung von Unternehmen und Gewerbetreibenden sowie von Kommunen. Die Schlüsselworte lauten hier Einsatzanalyse, Mobilitätsplanerstellung und Anpassung an die Nutzer sowie die Finanzierungsfragen samt Förderung.


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Isicargo: 35 statt 100 neue Parkplätze

Waren es früher Kuriere, die aufs Zweirad wechselten, ist das Klientel mittlerweile sehr vielfältig. So sind die Berliner mit drei Stadtplanern unter anderem bei einem Forschungsprojekt zum Thema „Smarte Mobilität im ländlichen Raum“ in Brandenburg involviert, um Theoretiker und Praktiker zusammenzubringen. Gleiches passiert mit Immobilienträgern, Investoren und Architekten. Gemeinsam erstellt man Mobilitätskonzepte, um etwa den Pkw-Stellplatzbedarf für Wohnungsneubauten oder in Quartieren zu reduzieren. Ein Beispiel aus Münster, das isicargo begleitet hat, verdeutlicht die Dimension: Von ursprünglich 100 Stellplätzen (laut Stellplatzsatzung) wurden nur 25 realisiert, zudem wurden zehn Parkplätze für alternative Mobilitätskonzepte freigehalten. Damit wird das Quartier mobil gehalten

Barrieren gibt es dennoch, denn statt wie beim E-Auto, das eine Förderung (Bafa-Prämie) erhält und von Firmen geleast werden kann, können E-Lastenräder oder Lastenanhänger mit E-Antrieb nur gekauft werden, um die Bafa-Prämie (25 Prozent des Nettopreises bis maximal 2.500 Euro) zu erhalten. Was für den Privatkäufer attraktiv klingt, ist für den B2B-Bereich bisweilen eine Umkehr des Einkaufsverhaltens und damit wenig interessant. „Wenn nun, wie es Paketdienste in Berlin schon bewiesen haben, ein hochwertiges Lastenrad mehr als ein Auto ersetzen kann, sollte es nicht an der Art der Finanzierung und der Höhe der Förderung scheitern, dass diese Fahrzeuge in die Flotten kommen”, meint Kremer. Zieht man hier die gezahlten Stromerprämien für die Pkw-Einstiegsmodelle, die im urbanen Raum eine Alternative sind, als Vergleichswert heran, versteht man den Ärger des Lastenradverfechters. Wer mehr Radverkehr haben möchte, sollte dies auch finanziell stärker fördern.

Isicargo: Über 70% Wachstum

Für Kremer ist aber nicht allein der CO2-freie Antrieb der Pluspunkt für die Cargos, sondern auch deren Platzersparnis auf der Straße gegenüber den Autos. „Die Straßen einer Stadt sind wie die Blutgefäße eines Körpers. Sie sorgen für Austausch, Zirkulation und Leben. Verstopfen sie aber zusehends, wie in vielen Innenstädten, in denen Autos, Transporter und die weiteren Verkehrsteilnehmer einen begrenzten Raum nutzen müssen, dann krankt der ganze Körper namens Stadt.” Um diese Verstopfung zu lösen, können Lastenräder helfen – und das tun sie bereits, wenn man allein auf die Verkäufe blickt. Laut dem Branchenverband ZIV wuchs der Markt im Jahr 2021 um 62 Prozent. Kremer erwartet, dass im März 2023, wenn die Zahlen für 2022 vorgestellt werden, sich die Wachstumskurve noch steiler krümmen wird, etwa auf einen Wert jenseits von 70 Prozent. Pro verkauftes Rad steht ein Wert von durchschnittlich 5.000 bis 6.000 Euro in der Bilanz.  

Bei einer größeren Flotte kommen damit echte Kosten auf den Fuhrparkbetreiber zu. Deshalb leasen auch viele, in der Regel sind es wie beim Auto 36 Monate, aber isicargo bietet auch Laufzeiten bis 60 Monate an. Das vom Kunden gewählte Servicelevel bestimmt dann die Höhe der Monatsrate. Bei der Rückgabe erhält der Nutzer das Vorkaufsrecht. Der Berliner Händler verkauft deutschlandweit seine Modelle, den Service wickeln die Pankower allerdings selbst nur in Berlin und Brandenburg ab, sonst helfen mobile und stationäre Partner weiter.

Apropos Partnerwahl. Einen Tipp hat Kremer, wenn man lokal auf Händlersuche geht. In der Werkstatt wird üblicherweise der Arbeitsaufwand (Arbeitswert) nach der Tabelle des Verbunds Service und Fahrrad (VSF) abgerechnet, hinzu kommt der lokale Stundenlohn. Dies sollte auch beim möglichen Zweiradpartner der Fall sein, so der Experte. Als Muster für die Reparaturvorgaben dient stets der Reparaturaufwand für ein Hollandrad, was für manche Arbeiten am Lastenrad – etwa was den Rahmen betrifft – einen höheren Arbeitswert bedeuten kann, als in der VSF-Tabelle ausgewiesen ist. Auch helfen Google-Bewertungen durchaus bei der Partnerwahl, bestätigt der Zweiradprofi.

Ganz entspannt nennt Kremer zum Schluss noch eine Zahl: 30 Prozent. Das ist das Verlagerungspotenzial, von dem viele Experten glauben, wie Verkehre vom Auto oder Transporter hin zum Fahrrad oder Lastenrad wechseln könnten. Auf der letzten Nationalen Rad-Logistik-Konferenz wurden entsprechende Zahlen vorgestellt. Denkbar ist vieles. Wenn es tatsächlich so käme, dann wären die Innenstädte plötzlich ganz andere Orte – selbst oder gerade ein so trubeliges Berlin.  

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