Wenig bleibt, wie es ist
Markttrends | Unter dem Druck steigender Prämien für Fuhrparks rücken zunehmend Strategien für mehr Transparenz und Schadenprävention in den Fokus. Dazu ein Kommentar von Riskmanager Ralph Feldbauer.
— Speziell den Flottenversicherern ist es über dem Gesamtmarkt in den vergangenen Jahren aus unterschiedlichen Gründen noch immer nicht gelungen, zumindest kostendeckend oder gar mit Gewinn zu arbeiten. So hat etwa der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e. V. (GDV) bereits im April dieses Jahres erklärt, dass trotz Beitragszugewinn über Sanierungen und Konjunkturwachstum kein Break-even erreicht wurde.
Das liegt zum einen daran, dass Quersubventionen über die anderen Versicherungssparten der Flottenkunden oder Besonderheiten in der Reservebewertung in weiten Teilen bilanztechnisch gar nicht mehr umsetzbar sind. Zum anderen versiegt das Anlagegeschäft im Kapitalmarkt aufgrund niedriger Zinsen als bislang mögliche und wichtige Ertragsquelle. Bei einigen Versicherern ist sie auch schon komplett ausgetrocknet. Die Konsequenzen daraus sind klar: Flotten mit kritischen Schadenverläufen treffen auf immer weniger Flottenversicherer, die bereit sind, sie zu versichern – und wenn, dann nur zu enorm hohen Beiträgen.
Aber auch alle anderen Flotten werden genau durchleuchtet. Prämiensteigerungen und die Erhöhung der Selbstbeteiligungen nehmen sie ebenfalls verstärkt in die Pflicht.
Höhere Prämien als nachhaltiger Trend | Viele Fuhrparkmanager, die das Riskmanagement (RM) der Flotte in der Vergangenheit eher rudimentär oder gar nicht bearbeitet haben, bestätigen diesen Trend. Er entfaltet einen enormen Handlungsdruck auf die Beteiligten und führt infolgedessen auch zu direkten und dieses Jahr schon sehr frühzeitigen Ansprachen der Flottenversicherer.
Und Branchenexperten sind sich einig: Ein weicher Markt mit niedrigen Prämien ist nicht in Sicht. Auch langjährige Flottenprofis erkennen, dass es sich diesmal nicht um einen „Schweinezyklus“ handelt, bei dem sie nur von einmal steigenden Prämien mit der Aussicht auf Prämiendumping im nächsten Jahr ausgehen können. Denn die Rahmenbedingungen haben sich radikal verändert.
Positiv betrachtet: Die Vorgaben unterstützen den gesunden Menschenverstand und eine kaufmännische strategische Disziplin. Ziel ist es daher, eine risikogerechte Prämie zu kalkulieren und zu fordern.
Rudimentäres Wissen | Doch was sind überhaupt risikogerechte Prämien? Diese können sich nur aus einer detaillierten Kenntnis über die Flotten generieren, welche die branchen- und verwendungsbezogenen Verhältnisse sowie auch die unternehmensindividuellen organisatorischen Besonderheiten neben den faktischen Schadenverläufen entsprechend einbezieht.
Dazu müssen die Flottenversicherer wiederum zielgenau risikorelevante Eckdaten erfassen. Und genau das stellt einige Versicherer vor eine große Herausforderung – einschließlich der Bewertung der dann erfassten relevanten Fakten rund um die Branche, das Unternehmen mit Fahrzeugen und ihren Nutzern.
Deshalb gibt es immer noch einige Risikoträger, die eine Flotte nur anhand ihrer technischen Zusammensetzung und Schadenhistorie auf Basis von rein standardisierten Anhaltspunkten quotieren. Hier fällt einem vergleichsweise die Krankheitsfeststellung per Checkliste im Internet – statt die konkrete persönliche Untersuchung beim Arzt – ein.
Während also im Privatkundenmarkt eine Fülle von Daten zur fundierten Kalkulation vorzufinden ist, ist es um das Wissen über die Firmenwagennutzer und die Risikodaten und Potenziale der Flotte oftmals eher trüb bestellt. Gerade deshalb erstaunt es Flottenbetreiber mit professionellem RM sehr, dass grundlegende logische Informationen von den Versicherern bisher nie erfragt oder hinterlegt wurden. Das ist sicherlich ein Grund, dass in den jeweiligen Flotten die Prämien oft nicht im Verhältnis zum Schadensaufwand stehen. Die Datenerhebung und -analyse wird demnach sträflich vernachlässigt.
Telematik für mehr Risikotransparenz | Der Status quo verlangt also, dass die Risikodifferenzierung im Flottengeschäft deutlich optimiert werden muss. Dafür braucht es eine höhere Transparenz, zu der die Telematik in Zukunft ein zentraler Schlüssel sein kann. Das Potenzial zur Schaffung einer umfassenden Datenbasis und die damit einhergehende mögliche Risikoreduktion sind enorm.
Schließlich liegt auf der Hand: Der Hauptrisikofaktor ist der Mensch und sein jeweiliges Fahrverhalten. Wenn dies konkret erfassbar ist, stellen Risikoprofile über die Datenmenge einen elementaren Schritt zur bedarfsgerechten Prämie dar. Mit solchen Ansätzen schafft man auch nicht das Versicherungsprinzip ab, da auch der Fahrer mit den besten Fahreigenschaften und Ergebnissen über Telematikwerte vor einem Großschadensereignis nicht gefeit ist.
Überdies darf bei der Diskussion eines nicht vergessen werden: Neben der wirtschaftlichen Betrachtung steht insbesondere der Schutz von Menschenleben und in der Folge die Erhöhung der Sicherheit im Vordergrund. Wenn die individuellen Risikodaten also richtig erfasst und bewertet sind, ermöglichen technisch zeitnah alle Unterstützungs- und Präventivmöglichkeiten, dieses Ziel schnell und direkt zu erreichen.
Vor allem der Firmenwagenfahrer mit entsprechend intensiver Nutzung des Fahrzeugs ist hierfür prädestiniert. Da der Arbeitgeber als Fahrzeughalter permanent in der Verantwortung steht, in der Flotte laufend nach Möglichkeiten zur Erhöhung der Sicherheit und Effizienz für den Dienstwagenfahrer zu suchen, sind viele Unternehmen – auch bei frühzeitiger Einbeziehung ihrer Sozialinstanzen – sicher aufgeschlossene Gesprächspartner für den Einsatz von Telematik im Versicherungsbereich.
Weniger Schäden, mehr Transparenz | Die technischen Mittel zur Steigerung der Risikotransparenz sind ebenfalls schon vorhanden. So gibt es bereits eine Vielzahl von automobilen Anwendungen und Funktionen, die dazu miteinander interagieren können. Beispielsweise können unterschiedliche Bausteine von Service- und Sicherheitspakten wie Abstandsregeltempomat über interaktive Verbindung zu Verkehrsgeschehen und sogar präventives Fahrercoaching direkt und live unterstützen. Der Nutzen für die Flottenversicherung ist hier schnell nur ein Bruchteil dessen, was die neuen technischen Möglichkeiten schon eröffnen.
Diese fortschreitende Entwicklung führt auch zu einer allgemeinen Neugestaltung der Wertschöpfungskette im Kfz-Schadenmanagement. Wie stark und konkret der Wandel sein wird, hängt davon ab, wie die Ausgestaltung seitens der EU-Kommission beabsichtigten Einführung eines „E-Call-Dienstes“ aussieht.
E-Call: Künftiges Schlüsselelement? | Laut EU-Beschluss sollen ab 2015 alle neuen Fahrzeugserien ab Werk mit einem automatischen Notrufsystem ausgestattet werden. Darauf stimmen sich insbesondere die Fahrzeughersteller mit wertschöpfendem Eigeninteresse ein. Und dass sich die technische Entwicklung unaufhaltsam fortsetzt, dürfte jedem klar sein.
Im Zuge dessen werden auch die vieldiskutierten Zusatzkosten im erforderlichen Datenübertragungsbereich und der Telekommunikation rasant sinken. Das Argument der hohen Kosten verliert zusehends an Gewicht. Gleichzeitig wird es immer wichtiger, sich mit diesen Themen aktiv zu beschäftigen.
Wer etwa die technischen Innovationen und die Verweise auf potenzielle künftige Produkte der Fahrzeughersteller und aus der Zuliefererbranche zusammenfügt, erkennt schnell, dass ganzheitliche Telematik-Paketlösungen inklusive Versicherungsbausteine die Geschäftsmodelle der Erstversicherer und damit die Marktlandschaft wie auch das Schadenmanagement maßgeblich verändern können. Und dies gilt unter den skizzierten Strömungen und Entwicklungen mehr denn je für das Flottenversicherungsgeschäft. Nichtsdestotrotz muss – auch im Hinblick auf die aktuellen Gegebenheiten – die Datentransparenz einem rechtssicheren Datenschutz unterliegen.
Ob diese Nachteile den möglichen Vorteilen aus Produkt-, Kosten- und Firmenwagennutzerperspektive – auch zur Sicherheitserhöhung – standhalten können, muss jeder Flottenversicherer und -betreiber selbst einschätzen. Lösungsansätze über das RM hierzu gibt es jedenfalls.
Fakt ist, dass die neuen Technologien in allen Bereichen eine rasantere Marktdurchdringung erleben. Deshalb scheint es gerade für die Flottenversicherer elementar, die Potenziale aus dem Telematikbereich richtig einzuschätzen und das Thema auf die laufende proaktive Agenda zu nehmen. Erste Tests im Flottenbereich in Deutschland zeigen nämlich, dass es eben nicht möglich ist, Kopien von ausländischen Ansätzen zur Telematik einfach zu adaptieren. Deutschland ist ein sehr eigener Markt mit besonderen Rahmenbedingungen und Spielregeln – verstärkt im Flottenversicherungsbereich und professionellen RM.
Trotzdem ist eines gewiss: Wenig bleibt, wie es ist. Sowohl die Marktgegebenheiten als auch die Ergebnisse werden sich verändern. Den erkennbaren Umbruch im Markt können die Akteure im Bereich der Flottenversicherung nur durch frühzeitiges Handeln meistern. | Ralph Feldbauer