Die Reifenentwicklung hat sich in den letzten Jahren stark verändert: Während früher zunächst nach der richtigen Reifenmischung im Labor getüftelt wurde und danach physische Prototypen, Labortests und Anpassungen folgten, ist die Entwicklung heute viel stärker softwarebasiert.
Heute gehen Reifenentwickler nicht erst ins Labor, sondern an den Computer: Pirellis "Virtual Compounder" kann Reifenmischungen virtuell erstellen, die Auswirkungen von Änderungen vorhersagen und gezielt in die Rezeptur eingreifen. Dadurch sinkt der Bedarf an physischen Tests.
Wie das in der Praxis aussieht, konnten wir beim Firmenbesuch in der Mailänder Zentrale bei Pirelli von Thomas Hanel, dem Leiter von Innovation und Materialentwicklung, aus erster Hand erfahren (siehe Interview Seite 67). Hanel arbeitet bereits seit fast 30 Jahren bei dem italienischen Hersteller und hat die Veränderungen in der Branche über die Jahre miterlebt. Was früher fünf Jahre in Anspruch nahm, muss heute deutlich schneller gehen. "Wir müssen alle zwei bis drei Jahre neue Gummimischungen entwickeln", erklärt er.
In Zeiten der E-Mobilität müssen unterschiedliche Zielkonflikte gelöst werden. Einerseits sollen Laufleistung und Abrieb des Reifens verbessert werden, andererseits sollen Nasshaftung und Bremsleistung darunter nicht leiden. Darüber hinaus kommen zunehmend bio-basierte und recycelte Inhaltsstoffe im Pneu zum Einsatz, die für unerwünschte Wechselwirkungen sorgen können oder sich in ihrer Leistungsfähigkeit unterscheiden.
Mit dem Einsatz von Simulationen und KI können diese Zielkonflikte gelöst und die Entwicklungszeit um rund ein Drittel beschleunigt werden. Der auf künstlicher Intelligenz basierende Virtual Compounder hilft den Mischungsentwicklern: Das System basiert auf mehr als zehn Jahren Erfahrung und über 20.000 entwickelten Rezepturen.
- Ausgabe 10/2026 Seite 066 (668.7 KB, PDF)
Ganzjahresreifen im Test (2026)
Dabei kommen zwei unterschiedliche Ansätze künstlicher Intelligenz zum Einsatz: Generative KI analysiert bestehende Rezepturen und erstellt neue Konfigurationen, um bestimmte Eigenschaften zu erzielen. Daneben kommen auch "Physics-Informed"-AI-Modelle zum Einsatz, die auf physikalisch-chemischen Gesetzmäßigkeiten beruhen. Sie simulieren das Verhalten von Reifenmischungen und erstellen verlässliche Prognosen - auch über die bekannten historischen Daten hinaus. Damit wird eine datenbasierte Methode mit wissenschaftlichem Know-how verknüpft, was die Qualität und Zuverlässigkeit der Vorhersagen verbessert.
Anschließend werden die Ergebnisse durch die Entwickler bewertet und im Labor validiert. Dadurch lässt sich die Zahl notwendiger Prototypen reduzieren und die Entwicklungszeit verkürzen. Bevor ein Prototyp auf einer Teststrecke zum Einsatz kommt, muss er auf Prüfständen im Entwicklungszentrum sein Können unter Beweis stellen. Dort werden Belastungen simuliert, die später auf der Straße auftreten: Kurvenfahrt, Bremsen, Beschleunigen oder unterschiedliche Radlasten.