Die Marke Lucid dürfte den wenigsten Autofahrern in Deutschland bekannt sein. Entsprechend selten ist das bislang einzige Modell, die über fünf Meter große Limousine Air im Straßenverkehr anzutreffen. Sieht man den Luxusliner, fällt es schwer, ihn einzuordnen. Ein neues Flaggschiff aus China oder Korea? Klares Nein. Lucid ist in Kalifornien beheimatet. Erst 2021 startete die Produktion des Air. Im Jahr drauf erfolgte der Launch in Europa. Die Verkaufszahlen bewegen sich seitdem auf homöopathischem Niveau.
Das soll sich ändern. Auf die Limousine Air lässt Lucid jetzt das SUV Gravity folgen. Im Fokus haben die Amis vor allem solvente Familienväter. Die Preise beginnen bei 99.900 Euro. Viel Geld, aber in Relation zu Größe, Vielseitigkeit, Komfort und vor allem zur Leistung ließe sich durchaus das Wort "preiswert" einsetzen. Der Gravity in der Variante Touring schickt immerhin 418 kW / 568 PS zu den Rädern, der 17.000 Euro teurere Grand Touring bringt es sogar auf 617 kW / 839 PS. Selbstbewusst bezeichnet Lucid-Europachef Lawrence Hamilton den Gravity als "den weltweit einzigen Supersportwagen, in dem bis zu sieben Personen reisen können".
Lucid Gravity: Souveränität auf höchstem Niveau
Dass so viel Leistung und Drehmoment (über 1.200 Newtonmeter) Souveränität auf höchstem Niveau liefern, folgt fast schon einem Naturgesetz. Der Touring erledigt den Sprint aus dem Stand auf Tempo 100 in 4,2, der Grand Touring in 3,6 Sekunden. Besser macht das ein Porsche Carrera auch nicht. Überholvorgänge werden damit zu Angelegenheiten von wenigen Sekunden. Der Schub ist gewaltig. Hinzu kommen eine unglaubliche Ruhe und Geschmeidigkeit, wie sie eben nur ein Elektroantrieb bieten kann.
Lucid Motors Gravity (2024)
Auch bei der Querdynamik lässt sich der Gravity nicht lumpen. Allenfalls in zu schnell angegangenen Kurven merkt man die zweieinhalb Tonnen Gewicht, wobei die sensiblen Eingriffe der elektronischen Systeme und die Torque-Vectoring-Steuerung der beiden E-Maschinen ihre Arbeit dezent und unmerklich im Hintergrund erledigen.
Lucid Gravity: Vielseitigkeit ist größter Trumpf
So viel Spaß das sportliche Fahren mit dem elektrischen Ami-SUV auch macht, seine größte Stärke bleibt definitiv seine Vielseitigkeit. Platz und Raumgefühl sind überragend. Das gilt bis nach hinten in die dritte Reihe (Aufpreis: 2.800 Euro) wo selbst Erwachsene vernünftig sitzen können. Auch der Einstieg ist, bedingt durch 90-Grad-öffnende Türen und die verschiebbare mittlere Reihe, bequem.
Rekordmarken reißt der Gravity auch beim Gepäck. Bei fünfsitziger Konfiguration schluckt der Kofferraum üppige 780 Liter. Liegt alles flach, passen bis zu 3.398 Liter den Fünfmeter-Trumm. Damit ließe sich auch ein Umzug erledigen oder im Laderaum komfortabel übernachten. Wer will, kann im Grand Touring sogar einen 2,5-Tonnen-Anhänger ziehen (das entspricht einem Trailer plus zwei ausgewachsenen Pferden).
Lucid Gravity: Frunk mit Platz für zwei
Den Vogel schießt allerdings der "Frunk" (in der Elektro-Szene eine Wortschöpfung aus Front und Trunk) ab. Nicht genug, dass hier 230 Liter hineinpassen, so viel wie nirgends anders, das Abteil ist auch so konzipiert, dass zwei Personen bequem dort sitzen können, inklusive Cupholder und 220-Volt-Steckdose für die Espresso-Maschine oder den Elektrogrill.
Hinter dem Lenkrad gleicht der Lucid Gravity mit dem scheinbar schwebenden, gebogenen Bildschirm im Wesentlichen der Limousine Air, mit dem Unterschied, dass die Designer das Mitten-Display darunter von Hoch- auf Querformat gedreht haben. Die meisten Bedienvorgänge laufen über Touch, Klimatisierung alternativ auch über physische Schalter (Hard Keys).
Alle Menüs sind einigermaßen logisch aufgebaut, verwundert hat uns lediglich die Verbrauchsanzeige in der Einheit km/kWh, eine Angewohnheit der Amerikaner, die in der Benzinwelt ja seit Ewigkeiten in miles per gallon rechnen. So bedeutet die 3,95 km/kWh auf dem Curved Display in unserer Währung ein Stromverbrauch von 25,3 kWh/100 km. In Anbetracht der recht forschen Testfahrt ein akzeptabler Wert. Wer den Gravity zurückhaltender bewegt, dürfte deutlich dichter an den WLTP-Wert von 18,2 kWh/100 km herankommen.
Lucid Gravity: Schnellladen ist mit bis zu 250 kW
In der Basis hat der Gravity als Touring 89 kWh Akkukapazität, was 545 Kilometer mit einer Füllung ermöglichen soll. Schnellladen ist mit bis zu 250 kW möglich, nach 23 Minuten sollen so wieder 400 "frische" Kilometer im Stromspeicher sein. Noch zügiger erledigt der Grand Touring den Ladeprozess. Nicht nur seine Reichweite von 748 Kilometer (Akku hat 123 kWh) sind ein Statement, auch die Ladeleistung von 400 kW zählt zum Besten in der Branche. 14 Minuten Stromziehen reichen für neue 400 Kilometer.
Gebaut wird der Gravity in Casa Grande, Arizona. Dort hat Lucid für die Limousine Air eigens eine Fabrik aus dem Boden gestampft. Der Verkauf erfolgt entweder online oder über eines der vier Studios, dies es derzeit hierzulande gibt.
Bei Limousine und SUV wird es nicht bleiben. Schon in diesem Jahr will Lucid zwei von drei Midsize-Modelle an den Start schicken, den Earth und den Cosmos. Beides sind Crossover-Fahrzeuge. Den Namen des dritten Mittelklasse-Modells gibt Lucid erst später bekannt, sagt nur so viel, dass es sich um ein SUV mit eher aufrechter Silhouette handelt. Produziert werden alle drei in Saudi-Arabien. Es ist die erste Autofabrik überhaupt in dem Wüstenstaat.