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In Aachen geboren

Die Mobilität der Menschen verändert sich. Es wird multimodal im Privaten wie im Beruflichen. Aachen zeigt, wie Stadt und Unternehmen Hand in Hand gehen, damit alle Aachener profitieren.


Datum:
02.11.2020
Autor:
mb
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In Aachen leben derzeit etwa 250.000 Menschen. Damit belegt Aachen Platz 28 bei den Großstädten in Deutschland und ist groß, aber keineswegs riesig. Immerhin gebührt der Großstadt das Signet: westlichste der Republik. Außerdem befinden sich in Aachen die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule (RWTH) mit gut 45.000 Studierenden und die FH Aachen mit nochmals knapp 15.000 Lernenden. Auch deswegen ist das Durchschnittsalter eher jünger als anderswo. Ein Mix aus bunter Unternehmenskultur ergänzt das Stadtbild und könnte eine Blaupause für andere sein, auch größere. Wenngleich Aachen ein spezielles Pflaster ist und hat.

Autoflotte traf in der Cambio-Zentrale im Stadtkern Gisela Warmke, Geschäftsführerin von Cambio, Daniela Brink, Architektin und Geschäftsführerin von Architekten K2, sowie Armin Langweg, Koordinator Verkehrsentwicklungsplanung der Stadt Aachen, und Michael Hog, Group Vice President Vehicle der FEV Group, einem Automotive-Entwicklungsdienstleister. Auch wenn diese Konstellation sonst nicht persönlich zusammenarbeitet, hatte man den Eindruck, die vier würden sich schon länger kennen. Denn auch Ziele können verbinden.

Ziel: die lebenswerte Stadt

Zusammen wollen sie die Stadt im Dreiländereck lebenswerter machen. Für Bewohnerinnen und Bewohner, aber auch für Unternehmen, Lieferverkehre und Reisende. Die besondere Topografie der Stadt, das fortwährende Hinauf und Hinunter, hilft, einige Dinge zu beschleunigen und erschwert, andere umzusetzen. So verwundert bereits eine der erste Aussagen von Armin Langweg: "Aachen ist keine klassische Staustadt." Vielmehr bekundet Langweg, dass Aachen eine Stadt der kurzen Wege ist. Denn so "werden 30 Prozent der Strecken in Aachen zu Fuß zurückgelegt." In vergleichbaren Städten in Deutschland sind es nur 24 Prozent. "Die Aachener gehen viel und gerne zu Fuß. Dafür sind wir bei den anderen Verkehrsmitteln nicht so gut." In der Tat sind elf Prozent Radverkehr nicht sonderlich viel. Das ist aber auch der Topografie geschuldet.

Trotz des doch (noch) zu beherrschenden Verkehrsaufkommens zielen die Aachener auf ein verändertes Mobilitätsverhalten. Und "fundamental wichtig" sei dabei, den Leuten Geschmack auf alles zu machen, das nicht nach eigenem Auto aussieht. Was dabei hilft: Breite, saubere Gehwege, komfortables und sicheres Radfahren und ein attraktiver und stadtverträglicher ÖPNV sowie vernetzte Mobilitätsangebote. "Das sind unsere vier Säulen, um das, was als Autoverkehr bleiben kann und auch soll, klimafreundlich und stadtverträglich abzuwickeln", sagt Langweg. Doch was sich so einfach anhört, hat es durchaus in sich."Beim Thema Fußverkehr gibt es zwar keine starke Lobby, aber viele Menschen, die sagen, dass "wir" nicht immer nur was für die Radfahrer machen dürfen." Ein Projekt lautet daher gute Fußwege, oder wie es Langweg nennt: "Premiumwege". Diese verbinden das Stadtzentrum mit den Grünbereichen am Stadtrand.

Ein großes Potenzial für eine Verlagerung von Autofahrten verspricht sich Langweg von den "Rad-Vorrang-Routen". Insgesamt sollen es 60 Kilometer werden, die möglichst auf Nebenstraßen als Fahrradstraßen angelegt werden - analog zu den Premiumwegen - die Stadtteile mit der Innenstadt verbinden. Gekennzeichnet werden die Rad-Vorrang-Routen mit Infotafeln und Piktogrammen auf den Straßen; auch, damit daraus nicht nur eine Route, sondern eine eigene Marke wird. All das soll die Menschen veranlassen, mehr Rad zu fahren. Führen diese Radwege entlang der Hauptstraßen, sind die Fahrradspuren pro Richtung 2,30 Meter breit und baulich von diesen getrennt, um die so genannten Dooring-Unfälle zu vermeiden, die sonst beim Aussteigen aus parkenden Autos entstehen können.

Seit 2014 Pedelecs im Verleih

Das Leih-Fahrrad hat eine lange Tradition in Aachen. 2011 war Aachen die erste Stadt (drei Wochen vor Stuttgart), die E-Call-a-Bike-Stationen (Deutsche Bahn) im Stadtgebiet anbot. Drei Jahre später wurde mit Velocity ein reines Pedelec-Verleihsystem eingeführt. Die dafür notwendigen Stationen werden von Velocity in Abstimmung mit der Stadt Aachen aufgebaut. "Mittlerweile haben wir 50 Stationen", sagt Langweg mit dem Wissen, dass die Pedelecs die Idee der Multimodalität gut ergänzen. Und das spielt ganz eng mit dem Carsharing-Gedanken von Gisela Warmke von Cambio zusammen. Nur dass dieser bereits lange zuvor entstand. Cambio - eigentlich Stadtteil-Auto CarSharing GmbH - wurde bereits im November 1990 als gemeinnütziger Verein gegründet und ein Jahr danach in eine GmbH umgewandelt. In Aachen nutzen heute etwa 12.000 Menschen die 220 Fahrzeuge, die sich auf 60 Stationen verteilen. Seit 2011 hat Cambio bereits Elektroautos im Portfolio und hält den Bestand auf etwa zehn Prozent im Flottenmix. Drei bis fünf Jahre sind die meistgekauften Fahrzeuge in der Flotte, die momentan neun Modelle in drei Klassen umfassen. Klar strukturiert gibt es Pkw in den Größen S, M und L.

Die Vorteile gemeinschaftlicher Autonutzung liegen auf der Hand. Weniger Privatfahrzeuge, mehr Lebensraum in der Stadt. Jedes Cambio-Auto ersetzt in Aachen 15 private. Und trotzdem steigt die Zahl der Autos. Laut Langweg werden die Zulassungszahlen seit 30 Jahren verfolgt und jedes Jahr kommt ein Prozent hinzu. "Wir haben mit 324 Autos pro 1.000 Einwohner dennoch eine der niedrigsten Zulassungsdichten in Deutschland, die im Schnitt bei etwa 550 Fahrzeugen liegt. Wenn man bedenkt, dass in Deutschland maximal 20 Prozent der zugelassenen Autos gleichzeitig in Betrieb sind, kämen wir theoretisch mit einem Fünftel der Autos aus."

Heavy-Userin

Analysen ergaben, dass in Aachen rund 70 Prozent aller Wege maximal sechs Kilometer betragen. Arbeitsweg (26%), Freizeit (20%) und Einkauf (19%) machen den größten Teil aus. Aber nicht nur. In Daniela Brinks Architekturbüro gibt es lediglich zwei Firmenfahrzeuge - bewusst. Die meisten Fahrten der 40 Kolleginnen und Kollegen werden mit dem ÖPNV oder seit Jahren mit Cambio gemanagt. Projektbezogen wird auf die Flotte von Gisela Warmke zurückgegriffen. Mal stundenweise, mal wochenlang. "Ende 2014 hatten wir fünf Mitarbeiter, die eine ganze Weile täglich nach Leverkusen und zurück mussten. Dann hat sich das so eingespielt, dass wir ein Auto von Montag bis Donnerstag fest gebucht hatten und wussten, das können wir nutzen." Und Warmke bekräftigt: "Vor allem betriebliche Fahrten müssen verlässlich zu planen sein. Das geht beispielsweise bei Freefloating nicht."

Damit viele Rädchen ineinandergreifen, hat die Stadt Aachen mittlerweile einen eigenen Elektro-Fuhrpark. Dieser steht den städtischen Angestellten tagsüber für Dienstfahrten zur Verfügung. Abends und am Wochenende gehen diese Fahrzeuge in der Cambio-Flotte auf, können also von Cambio-Nutzenden gefahren werden. Dadurch erhöht sich nicht nur die Auslastung, auch aus monetärer Sicht ergibt das Sinn für alle Beteiligten.

Dass diese Fahrzeuge rein elektrisch angetrieben werden, ist für keinen am Tisch ein Hemmschuh und für viele Nutzer auch nicht mehr. Daniela Brink hat ihre Mitarbeitenden angehalten, stets elektrisch zu fahren, wenn es die Strecken hergeben. Über alle Cambionutzer hinweg "haben wir festgestellt, dass 85 Prozent der Fahrten maximal 30 Kilometer lang sind. Im Grunde könnten also fast alle mit Elektroautos fahren", fügt Gisela Warmke hinzu. Daniela Brink bekräftigt: "Ich glaube da muss man einmal die Erfahrung machen, dass das gut funktioniert und dann hat keiner mehr Angst." Und Warmke ordnet ein: "Unsere Kunden müssen, wenn sie ein Elektroauto buchen, vorher angeben, wie weit sie fahren. Wir rechnen einen Puffer mit ein und übernehmen die Reichweitengarantie. Und dann funktioniert das."

Das Architekturbüro K2 war nie ein Fan vom eigenen Fahrzeugpool. "Wir hatten mal zwei Autos für Mitarbeiter, aber das war schwierig, weil der eine dann die Pizza vergisst und der nächste nicht tankt ...weil sie nicht fest zugewiesen waren. So haben wir entschieden, dass das nichts für uns ist. Und das andere ist der ökologische Fußabdruck. Dieser ist uns im Arbeitsalltag genauso wichtig wie bei unserer Architektur. Der Nachhaltigkeitsgedanke, wie wir ihn zum Beispiel beim Bau des neuen Verwaltungsgebäudes der Firma Babor hier in Aachen umgesetzt haben, zieht sich durch alle Bereiche. Die flexible Nutzung war darüber hinaus ein sehr interessanter Ansatz für uns."

Die "vergessene" Pizza entsorgt nun das Team um Gisela Warmke. Ums Tanken kümmert sich der Kunde zwar noch selbst - sofern der Tankinhalt vor Fahrzeugabgabe weniger als ein Viertel beträgt - ,jedoch direkt auf Cambio-Kosten.

Ist Sven die Lösung?

Das selbstreinigende und selbsttankende Carsharing-Auto gibt es nach wie vor noch nicht. Michael Hog vom Entwicklungsdienstleister FEV ist aber bereits an diesem dran. Oder genauer: Die Ingenieure haben einen fahrbaren Prototyp mit der FH Aachen und share2drive entwickelt, bei dem auch Cambio involviert war. Zudem wurden 800 Menschen, Carsharing-Betreiber und Nutzende befragt, wie das ideale Carsharing-Auto aussehen solle. Heraus kam SVEN (Shared Vehicle Electric Native). Sven ist 2,50 Meter lang (Querparken möglich), erfüllt trotz seiner Kürze gängige Crashanforderungen, bietet drei Personen Platz und sieht sympathisch aus. Sven ist elektrisch und ausschließlich fürs Teilen konzipiert. "Wir sind von 120 Kilometern Reichweite ausgegangen, obwohl wir wissen, dass das eigentlich zu viel ist. Doch in Umfragen haben wir herausgefunden, dass viele Menschen ein Fahrzeug nicht nutzen, wenn nur noch 50 Kilometer Restreichweite angezeigt werden, selbst dann, wenn man nur acht Kilometer fahren muss."

Und um das Reinigungsthema müsste man sich bei Sven auch keine Sorgen machen, wie Hog betont: "Wir machen uns schon intensiv Gedanken über die Fahrzeugkonzepte der Zukunft, um den Leuten Hygienebedenken zu nehmen. Andere Materialien und eine andere Gestaltung, so dass Schmutz nicht in Ritzen gelangen kann zum Beispiel. Und theoretisch ist die Reinigung nach jeder Fahrt mit UV möglich - oder sogar das "Auskärchern"."

Sven ist bis dato nicht über den Prototyp-Status hinausgekommen. Für die Produktion sucht FEV Investoren oder einen Hersteller. Dieser muss nicht in Aachen sitzen, daher werden Gespräche mit Interessenten weltweit geführt. Denn die Anforderungen an Carsharing sind auf dem Erdball so verschieden nicht. Gerade in Metropolregionen sind sie recht ähnlich.

Aachen muss also noch ein bisschen auf Sven warten und nutzt bis dahin die bestehenden Möglichkeiten, zu denen selbstverständlich auch die E-Tretroller gehören. Armin Langweg "hält sie für ein Erfolgsprojekt. Die Systemverleiher haben mittlerweile 800 Roller im Einsatz und Aachen gehört zu den Städten mit der höchsten Ausleihrate. Natürlich gibt es auch die Schwierigkeiten, dass Fußgänger sich darüber beschweren, dass die Roller die Fläche klauen. Aber das tun Autos und Mülltonnen auch. Wir haben dezidierte Abstellzonen, um die Akzeptanz des Systems zu erhöhen.

Eine App erleichtert das Finden

Damit die Aachener den stadtverträglicheren Modalsplit hinbekommen, gibt es die Smartphone-App movA in der der passende fahrbare Untersatz unkompliziert gefunden und gebucht werden kann. Nicht umsonst gibt es in der Stadtverwaltung die Stelle "Digitale Mobilität", die sich um genau so etwas kümmert. In Kooperation mit ASEAG (Aachener Straßenbahn und Energieversorgungs-AG) erhalten Inhaber von Job-, Semestertickets- und für ASEAG-Jahresabonnement-Kunden Sonderkonditionen beim Carsharing. Und um auch die Aachener Unternehmen als Partner für die Mobilitätswende zu gewinnen, baut die Verwaltung ein neues betriebliches Mobilitätsmanagementprogramm "Aachen clever mobil" auf. Denn alles zusammen ergänzt sich mit all den anderen Möglichkeiten in Aachen ideal, um auf das eigene Auto und manchmal eben auch eine eigene Firmenflotte verzichten zu können.

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