Wir sitzen im Büro von Stuck-Belz. Stuckateurbetrieb seit Generationen. Aktuell ist Michael Christmann, Enkel des Gründerehepaares, an der Reihe. Die Firma befindet sich im Hinterhof, mitten in der Bonner City. Der perfekte Platz, laut Michael Christmann. Denn Bonn hat – stadtteilbetrachtet – mit die höchste Dichte an denkmalgeschützten Gebäuden in Deutschland. Perfekt, weil genau hier auch unheimlich viel Arbeit an echtem Stuck anfällt. Gips an den Decken, den Wänden und den Bodenleisten. Und Stuck auch überall dort, wo der Kunde es vor einem Jahrhundert wünschte und heute bei Neubauten oder Kernsanierungen immer noch wünscht.
Christmann fokussiert sich auf die Stadtteile Südstadt, Weststadt, Poppelsdorf und Nordstadt. Hier spielt die Musik für sein Business. Bonn ist noch immer „Co-Hauptstadt“ und offiziell heißt das im Behördendeutsch „Bundesstadt“. Sechs Ministerien agieren noch immer von Bonn aus. Hinzu kommt eine Vielzahl an „Bundesbehörden“, die nach wie vor hier beheimatet sind. Von der Innenstadt sind es luftlinie rund vier Kilometer bis zu einem der vielen Stadtränder.
Lastenrad im Handwerk
Das Handwerk lebt
Stuck ist also keineswegs tot. Was vor einigen Dekaden danach aussah – die Styroporelemente, die dem Stuck nachempfunden sind, waren auf dem Vormarsch – zeigt sich heute als Fehlinterpretation. Natürlich gibt es die günstigeren Styropor-Imitate noch immer. Und laut Christmann qualitativ besser denn je. Aber echter Stuck ist nicht nur bei alten Gebäuden, die oft unter Denkmalschutz stehen, zwingend. Auch in Neubauten wollen einige Menschen noch immer echte Handwerksarbeit haben. „Eigentlich ist Stuck ein unnötiger Luxus. Das war es damals schon und ist es heute noch“, sagt Christmann mit ein bisschen Stolz in der Stimme. Rund 60 Prozent seiner Aufträge beinhalten Stuckarbeiten.
Diese vollbringt Michael Christmann mit dem 24-köpfigen „Belz-Team“, das stets rund ein halbes Dutzend Auszubildende inkludiert. Der Ausbildungsberuf zum Stuckateur erlebt zwar nicht unbedingt eine Renaissance, aber es gibt ausreichend Bewerber, jedes Jahr. Wenngleich die Qualität der Bewerber in den letzten Jahren stetig abnahm. Michael Christmann meint, gerade zu erleben, dass sich das wieder dreht und die oft erst 15-Jährigen derzeit motivierter, organisierter und selbstständiger sind als die Altersgenossen vor rund zehn Jahren. Das Durchhaltevermögen, die mindestens dreijährige Ausbildung zu überstehen, so hofft er, wird sich auch wieder erhöhen. Und, da sind sich viele einig: Handwerk bedeutet, einen zukunftssicheren Job zu haben.
Cargobike statt Strafzettel
Wie so oft, besitzen Altbauviertel kaum Parkraumüberschuss und wenige Parkgaragen. Bedeutet: Autos sind vorhanden, geduldet, teils nötig, aber oft nicht wirklich willkommen. Davon kann auch Stuck-Belz ein Lied singen. In der Regel ist man mit Transportern unterwegs. Zwölf der insgesamt 17 Firmenfahrzeuge sind Transporter bis 3,5 Tonnen. Und diese sind meist etwa fünf Meter lang. Nicht immer ist es möglich, einen Parkplatz beim Kunden zu finden. Falschparken ist keine Option, das ist schlechte Werbung. „Wir haben das ab und an so gemacht, dass wir die Arbeitsmaterialien mit dem Transporter zum Kunden gefahren haben, dann den Transporter wieder bei uns in der Firma abstellten und zu Fuß oder anderweitig zum Kunden gekommen sind“, erklärt Christmann das Dilemma. Die Ineffizienz dabei leuchtet ein.
„Flottes Gewerbe“ lautete ein Projekt der Bonner Wirtschaftsförderung, um im Jahr 2025 acht Betriebe von den Vorteilen der Lastenräder zu überzeugen. Fünf Wochen haben die Betriebe ein zum Einsatzzweck passendes Lastenrad zu Testzwecken überlassen bekommen – Stuck-Belz war einer davon. „Das Thema Cargobike kam nicht komplett überraschend. Wir hatten uns aufgrund unserer Situation schon länger Gedan-
ken darüber gemacht. Allerdings haben auch wir anfangs – wie die meisten aus dem Handwerk – Witze darüber gemacht“, erzählt der Inhaber im Gespräch in der Ledersitzgarnitur seines Büros mit teils aufwendigen Stuckarbeiten an Decke und Wänden.
Cargobike: Aus Lachen wurde Machen
So wurde im Sommer 2025 aus dem Lachen ein Machen. Denn Lastenrad ist nicht gleich Lastenrad. Viele denken an die meist ungelenk gefahrenen Einspur-Fahrzeuge mit Korb vorn oder Doppel-Kindersitzbank hinten. Auch diese kleinen Lastesel eignen sich für einige Betriebe, je nach Anforderungen. Für Stuck-Belz muss es eine oder zwei Nummern größer sein – Heavy Duty. Denn eines benötigt ein Stuckateur definitiv: Platz für fertige Stuckarbeiten, Leiter, Materialien und Werkzeugkiste.
Antric Cargobike aus Bochum
Ein Anbieter, der Passendes liefert, heißt Antric. Die Idee von Antric startete vor gut zehn Jahren an der Uni Bochum. Seit 2020 ist das Vorhaben ein Start-up, das seit 2022 ein belastbares Cargobike auf die vier Räder stellt. Vier Räder? Ja, auch so kann ein Lastenrad aussehen. Und wer in größeren Städten mal die einschlägigen Logistiker beobachtet, sieht, dass auch diese solche Fahrzeuge nutzen. Knapp 300 Kilogramm dürfen in das Antric eingeladen werden, plus Fahrer. Zusammen kommt der als Fahrrad klassifizierte Kleinsttransporter (darf Fahrradwege benutzen und wird ohne jegliche Fahrerlaubnis pilotiert) so schnell auf 700 Kilogramm Rollgewicht –Heavy Duty eben. Die erstklassige Supernova-Beleuchtung stellt sicher, dass der Fahrer auch nachts sieht und das Antric plus Insasse gesehen werden. Blinker, Bremslicht, Rückfahrkamera, Scheibenwischer, Federung, Feststellbremse und hydraulische Scheibenbremsen an allen vier Rädern: Alles ist an Bord. Eine Art Persenning schützt den Fahrer vor dem Wetter. Im Sommer vermutlich besser als im Winter. Austauschbare, handelsübliche Pedelec-Akkus treiben die Fuhre auf bis zu 25 km/h an und sollen laut Christmann im Sommer auch für 50 Kilometer Reichweite sorgen.
Beschleunigt wird mittels Daumenschalter, ähnlich wie beim Quad. Das soll Fehlbedienungen vermeiden. Die Pedale müssen zudem dezent getreten werden. Wer rangieren muss, drückt einen Knopf und es geht langsam rückwärts. Gestartet wird mittels Dongle, klassische Schlüssel gibt es nicht. Gleichzeitig lässt sich so der Frachtraum ver- und entriegeln. Alles gut durchdacht.
Bei Michael Christmann stand das Ladevolumen im Vordergrund. Er hat nun zwei Rollwägelchen, die er mit seinen Materialien beladen kann und via Fahrschienen perfekt in den bodennah konzipierten Antric reinbekommt. Klar, ab und an geht mal was zu Bruch, das ist aber auch im klassischen Transporter nicht anders. „Das Lastenrad ist für uns eine perfekte Ergänzung zum Transporter. Und für unsere Arbeit deutlich besser einsetzbar als ein kleiner Pkw, denn der hat nicht genug Platz, vor allem für lange Gegenstände“, konkretisiert Michael Christmann den Einsatzzweck. 2,2 Kubikmeter passen in die Box, maximal 1,73 Meter dürfen die Teile lang sein (diagonal beladen noch etwas mehr), damit sie in oder auf das knapp drei Meter lange Gesamtgefährt passen.