Tour de France 2026: Die Logistik von Team Visma Lease a Bike

03.07.2026 05:00 Uhr | Lesezeit: 6 min
Auf der Tour de France wird ein Satz Reifen verschlissen. Die Begleitfahrzeuge der Profiteams werden auf den mehr als 3.300 Radkilometern aufs Härteste beansprucht. Walter Metske, Flottenchef des Profiteam erklärt im Gespräch, warum das so ist.
© Foto: Michael Blumenstein

Perfekte Logistik und Flottenmanagement sind das Grundgerüst für 23 Tour-de-France-Teams. Aber ohne Walter Metske rollt bei Team Visma Lease a Bike gar nichts. Autoflotte war im Team-Headquarter in Nordbrabant.

Sie haben in Ihrem Unternehmen Fuhrparkverantwortung und viel zu tun? Okay. Wer auf jeden Fall viel zu tun hat, ist Walter Metske. Der drahtige Endvierziger ist der Fuhrpark- und Planungschef vom Team Visma Lease a Bike. Nach seinem Bachelorstudium in Logistik an der Amsterdam University of Applied Sciences zog es Walter, wie soll es anders sein, in die Logistikbranche. Viel Austausch gab es stets mit deutschen Kunden, weshalb er deutsch und – wie fast jeder Niederländer – fließend englisch spricht.

Vor rund vier Jahren wechselte Walter zum Team Visma Lease a Bike, dem Profiteam, zu dem unter anderem Zweifach-Tour-de-France-Gewinner Jonas Vingegaard gehört. Vingegaard gewann in diesem Jahr beim Giro d’Italia das rosafarbene Trikot (Pendant zum gelben). Größter Konkurrent des Dänen ist auch dieses Jahr wieder der Slowene Tadej Pogacar (UAE Team Emirates), der die Tour bereits viermal als Schnellster beendete. Aber auch ein Deutscher hat Chancen, ganz vorn mitzufahren. Florian Lipowitz (Red Bull-Bora-Hansgrohe) von der Schwäbischen Alb.


Tour de France 2026 – Die Logistik der Teams

Trikots der Radprofis vom Team Visma Lease ab Bike in der Lobby des Team-Headquarters in Den Bosch/Nordbrabant Bildergalerie

Team Visma Lease a Bike fährt auf „Gelb”

Walter kümmert sich nicht nur um die rund 90 Fahrzeuge bei Visma Lease a Bike, sondern auch um die weitreichende Einsatzplanung des Radsport-Teams. Und dabei geht es nicht nur um die Tour de France, die am 4. Juli in Nordspanien startet und am 25. Juli nach gut 3.300 (Fahrrad-)Kilometern in Paris endet. Die Frankreich-Rundfahrt ist zweifelsohne das Glanzlicht einer jeden Saison. Als „Königsetappe“ gilt die Strecke vom 25. Juli hoch nach Alpe d'Huez, unter anderem über den Col du Galibier (2.642 Meter, fünfthöchster Pass der Alpen) und den Col de Sarenne – macht 5.450 Höhenmeter auf 171 Kilometern.

Zum Team Visma Lease a Bike gehören 45 aktive Radprofis, 29 männliche und 16 weibliche (die Tour de France der Frauen startet am 1. August). Hinzu kommen 14 Nachwuchsfahrer. Insgesamt beschäftigt das Team etwa 240 Menschen, alle in Festanstellung. Das zeigt auch die Dimensionen, in denen sich der Profi-Radsport mittlerweile bewegt – insbesondere in Top-Teams. Und die Dimensionen werden greifbarer, wenn man betrachtet, wie eine Saison – mit dem Höhepunkt Tour de France, bei der acht Profis an den Start gehen –, üblicherweise läuft.

Ab März starten die Eintagesklassiker wie Mailand-San Remo und Mehrtagesrennen wie Tirreno-Adriatico oder Paris-Nizza, gefolgt im April von Paris-Roubaix, dem Amstel Gold Race und Lüttich-Bastogne-Lüttich. In Deutschland ist am 1. Mai das ehemalige „Rund um den Henniger-Turm“ seit Jahren als „Eschborn-Frankfurt“ bei vielen Topfahrern gesetzt. Es folgen die großen Etappenfahrten wie der Giro, die Tour de Suisse und die Tour de France mit 21 Etappen. Ende August findet die Vuelta in Spanien statt, ebenfalls 21 Tagesabschnitte. Dann kommen die Weltmeisterschaften und im Oktober endet der Profi-Radsportkalender traditionell mit dem Eintagesklassiker Lombardei-Rundfahrt.

Sie ahnen es? Team Visma Lease a Bike startet bei allen UCI-World-Tour-Rennen (das sind 36 Rennen im Jahr, UCI = internationaler Radsportverband), zu denen die genannten Klassiker und Rundfahrten gehören. Hinzu kommen aber noch viele kleinere Rennen der so genannten Pro Series. Und, wie erwähnt, die Profi-Frauen fahren auch viele davon – zeitversetzt.

Was braucht es bei der Tour de France?

Bei der anstehenden Frankreich-Runde haben Walter und sein Team 176 Vorder- und Hinterräder mit dabei – für acht Fahrer. Hinzu kommen 92 weitere, beispielsweise für die speziellen Anforderungen beim (Mannschafts-)Zeitfahren, mit dem die diesjährige Tour de France in Barcelona startet. 28 Zweiradmechaniker kümmern sich um die Technik und die speziellen Bedürfnisse der Fahrer. Jedes Fahrrad ist auf den Millimeter exakt angepasst. Bei der Ausrüstung haben alle zwar identisches Material, aber die Details in der Sitzhaltung, der Übersetzung und Vorlieben, welcher Reifen auf welcher Etappe gefahren wird, formulieren die Profis auch selbst. Besteht auch nur der kleinste Verdacht, ein Bauteil könnte nicht perfekt funktionieren, wird dieses ersetzt. An Ersatzteilen mangelt es nicht. Alles was benötigt wird, ist in den drei Trucks dabei. Aber nicht nur an diese Ausrüstung muss Walter denken.

Team Visma Lease a Bike nimmt die gesamte Verpflegung für rund eine Woche mit und lässt sich danach wochenweise neu vom Hauptquartier aus beliefern. Warum? Zum einen ist der Ernährungsplan, den zwei Köche für jeden Fahrer individuell erstellen, so speziell, dass nicht gesichert ist, ob all die Zutaten überall exakt so zu kaufen wären. Ein ebenso wichtiger Punkt ist die „Dopingsicherheit“. Wenn man seine Lieferanten genau kennt, weiß man, dass keine Fremdstoffe „untergejubelt“ werden. Stichwort: Doping.

Der Ernährungsplan der Profis ist so strickt, dass jeder in einer App eintragen muss, was er an dem Tag verzehrte, flüssig wie fest. Da der Kalorienbedarf pro Etappe (Bergetappe mehr) genau berechnet wurde, wird den Fahrern dieser Bedarf über die Nahrung zurückgegeben. Das Ideal sieht laut Walter so aus: „Du wiegst am Tourstart 70 Kilogramm und am Ende 70 Kilogramm. Dann haben Fahrer und Köche alles richtig gemacht.“

Foto von Walter Metske, bei ihm laufen alle logistischen Fragen vom Radsport-Team Visma Lease abike zusammen
Bei Walter Metske laufen alle logistischen Fragen des Team Visma Lease a Bike zusammen.
© Foto: Michael Blumenstein

Eine Kiste, alles griffbereit

Das Gewicht ist nicht nur relevant, um die nötige Power für die acht echten Bergetappen der Tour zu haben. Auf das Körpergewicht abgestimmt gibt es auch die passenden Klamotten wie maßgeschneiderte Aeroanzüge, die nicht im Wind flattern dürfen.

Im großen Firmengebäude, kurz außerhalb von Den Bosch, sind Werkstatt, Lagerplatz sowie Garage in einer Halle untergebracht. Kurze Wege, klare Kommunikation, schnelle Erreichbarkeit von Mensch und Material. Daher ist die Halle exakt durchdekliniert, teils zweigeschossig aufgebaut und alles hat seinen angestammten und logistisch sinnvollen Platz. Hängen die minimal 6,8 Kilogramm leichten Cervelo-Rennräder (das ist das UCI-Reglement) auf der einen Seite, befindet sich direkt gegenüber eine Kiste mit den Utensilien des Fahrers. Dort ist alles drin.

Die gesamte Logistikplanung bildet eine selbst entwickelte App ab. In der steht nicht nur, was sich wo und in welchem Fahrzeug befindet. Walter und Team Visma Lease a Bike haben dort auch die Personalplanung integriert und jeder sieht, wo jemand zum Zeitpunkt X sein sollte. Ob im Lkw auf der Strecke Richtung Tourstart oder bei der Vorbereitung der Zimmer der Profi in einem der unzähligen Hotels, die auch zuvor gebucht werden mussten. Übrigens: Jeder Fahrer hat seine eigene Matratze dabei und eine Klimaanlage. Nur so ist ein möglichst gleichmäßiges Schlafergebnis zu erzielen – Grundlage für drei Wochen Extremsport.

Team-Bus und -Truck

Während die Profis schon schlafen, werden ab und an noch die letzten Anpassungen an den Fahrrädern vorgenommen. Die Trucks und Busse sind bis auf den letzten Zentimeter nach den sehr speziellen Anforderungen geplant und konstruiert. In einem Bus gibt es drei Duschen mit 1.000-Liter-Wasser-Resservoir, einige Sitzplätze und eine lange Couch, um sich vor oder nach dem Rennen kurz zu sammeln und zu erfrischen. Im Heck des nächsten Trucks stehen die Köche bereits über den offenen Flammen und bereiten das perfekte Mahl zu und im nächsten werden die Speichen zentriert oder kompliziertere Aufgaben erledigt.

Bei der Tour de France hat Walter 20 Autos und Transporter im Einsatz, drei Trucks, zwei Busse und sogar ein Camper, der als „Schnellwagen“ fungiert, um an kurzen Etappen bereits am Ziel auf die Profis zu warten. Denn je nach Streckenverlauf stehen die Busse im „Tourstau“. Die schweren Fahrzeuge nutzt Walter rund zehn Jahre mit etwa 50.000 Kilometern im Jahr.

Bei den Pkw setzt Team Visma Lease ab Bike auf Skoda. Superb Combi und Octavia Combi werden nicht nur ob ihrer riesigen Innenräume geschätzt. Beim Rennen sitzen jeweils Sportdirektoren und Mechaniker im Auto, oft drei Personen mit rigoroser Arbeitsaufteilung. Ausgestattet sind die Skoda mit Satelliten-Internet, um jederzeit und überall besten Empfang zu haben, und Funkgeräten, die in drei verschiedenen Kanälen parallel für die Kommunikation auch mit den Profis während des Rennens verwendet werden. Diverse Sonderanfertigungen und Freischaltungen einiger Features in den Superb und Octavia sind den speziellen Anforderungen geschuldet und in einem regulären Skoda-Modell nicht zu finden.

Nicht nur die Belastungen für die Rennradfahrer sind während der Tour extrem. Auch die Fahrzeuge werden aufs Äußerste beansprucht. Daher bekommen alle Pkw, die im Rennen mitfahren, vor der Tour eine Inspektion und einen neuen Satz Reifen. Am Ende der Tour sind die Reifen wieder „runter“. Wer das nicht glauben kann, sollte bei der Tour mal sein Augenmerk auf die Begleitfahrzeuge legen. Das ist eine Art Rennen im Rennen um den besten Platz. Und das ist der, der am nächsten an seinem Fahrer dran ist.

Skoda Octavia und Skoda Karoq vor dem Gebäude von Team Visma Lease a Bike
Team Visma Lease a Bike nutzt für die persönlichen Dienstwagen elektrifizierte Antriebe. Für die Radrennen sind reine Stromer als Begleitfahrzeuge noch ungeeignet. Es fehlt bei den Radrennen an Ladeinfrastruktur, wenn rund 200-500 Begleitfahrzeuge (je nach Radrennen) auf einem Haufen am Abend laden müssen.
© Foto: Michael Blumenstein

Teamfahrzeuge: 120.000 harte Kilometer in zwei Jahren

Um Personal, Zeit, Geld und Ressourcen zu schonen, werden viele Fahrzeuge via Spedition auf Trailern zur Tour geschickt. Die Autos bezieht Walter über Volkswagen Financial Services und nutzt sie zwei Jahre. In der Zeit spulen Walters Skoda etwa 120.000 Kilometer pro Fahrzeug ab.

Insgesamt gibt es bei Visma Lease a Bike rund 90 Fahrzeuge im Fuhrpark. Fast alle stammen aus dem Volkswagen-Konzern. Neben diverser Skoda-Modelle gibt es sechs Transporter (VW Multivan, Transporter und Crafter) sowie Scania und MAN. Plug-in-Hybride werden, wo immer möglich, eingesetzt, reine Elektroautos nur für die persönlichen Dienstwagen. Bei den Rennen ist es bislang unmöglich, gesichert grünen Strom zu bekommen, um am nächsten Tag startklar zu sein. Dabei wären E-Autos gerade bei Fahrten „im Feld“ perfekt. Doch wenn am Abend gut 500 E-Autos aller Teams zeitgleich in Alpe d'Huez laden müssen, gibt es eben ein Problem, das sich auch in naher Zukunft noch nicht lösen lassen wird. Aktuell existiert nicht einmal ein Plan der Veranstalter, wo die Trucks und Busse nachts parken. Da heißt es oft suchen oder „sich auskennen“.

Nach drei Wochen ist dieser Tour-Rummel wieder vorbei, um in kleinerem Rahmen auf neun Einzeletappen eine Woche später bei der Tour de France femmes mit 22 Mannschaften erneut das Publikum zu begeistern. Die Tour de France gehört mit mehr als drei Milliarden TV-Zuschauern und Millionen entlang der Strecken zu den „relevantesten“ Sportereignissen im Jahr. Und dennoch ist es eben ein Rennen von vielen für Walter und das Team Visma Lease a Bike.

Im November und Dezember haben die Profis meist Pause. Die letzten Rennen sind gefahren und die Beine sind von der Saison schwer. Zeit, diese hochzulegen und zu relaxen. Allerdings gilt das nicht für Walter und viele andere im Team. Sie planen bereits die Einsätze fürs kommende Jahr und schauen, ob Pkw, Transporter, Trucks und Busse noch eine weitere Saison durchhalten. Fuhrpark und Logistik haben irgendwie immer Hochsaison – und Walter sowieso.

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