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Gedrosselter Antrieb

Manche Unternehmen und Kommunen setzen gezielt auf CNG-Fahrzeuge. Doch wenn die Tankstelle in der Nähe schließt, schürt es Unsicherheit oder zwingt zum Kfz-Wechsel. Beispiel: Weingarten in Baden.


Datum:
07.06.2021
Autor:
A. Schneider
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Exakt 7.159 erdgasbetriebene Pkw sind hierzulande laut Kraftfahrtbundesamt (KBA) im Jahr 2020 neu zugelassen worden. Insgesamt ist deren Bestand folglich um 1,1 Prozent auf 83.067 Einheiten leicht gestiegen. Der Anteil aller Erdgasfahrzeuge am gesamten Kfz-Bestand verharrt dennoch bei schmalen 0,2 Prozent. Die Gründe, warum Compressed Natural Gas (CNG) und vor allem Biomethan bei den Pkw vor sich hin dümpelt, sind vielfältig. Zum einen dürfte die fehlende Anrechnung auf die sogenannten Flottengrenzwerte für Hersteller eine Rolle spielen. Da die Minderung der Treibhausgase durch CNG-Fahrzeuge im Vergleich zu Verbrennern nicht angerechnet wird, besteht auch kein Anreiz erstere zu produzieren. Das zeigt sich unter anderem darin, dass die Modellpalette schrumpft. Die geringer werdende Auswahl schmälert wiederum die Nachfrage.

Mittelbar ausgebremst

Unterdessen befeuert die Regierung mit Umweltbonus und steuerlichen Subventionen die dienstlich genutzten E-Autos und lässt im Vergleich dazu andere alternative Antriebe wenig attraktiv erscheinen. Und das, obwohl insbesondere CNG direkt einen Beitrag zur Senkung der CO2-Emissionen leistet, wenn das Biogas zum Beispiel direkt aus landwirtschaftlichen Abfall- und Reststoffen hergestellt wird. Mit CNG auf Biomethanbasis ließe sich schon jetzt das Ziel einer klimaneutralen Mobilität erreichen, konstatiert Zukunft Gas e.V. Deshalb hofft der Verband, dass im Juni 2021 bei der Revision der Flottengrenzwerte für Pkw und Vans sowie im Jahr 2022 für Lkw durch die EU sowohl Bio-CNG als auch Bio-LNG eine Anrechenbarkeit finden, damit die Klimaziele erreicht werden können.

Tankstellenzahl rückläufig

Ungeachtet dessen verabschieden sich Energieversorger, die hauptsächlich als Betreiber von CNG-Stationen aktiv sind, aus dem Geschäft. Das spiegelt sich in der sinkenden Zahl an Tankstellen wider. Gemäß den Zahlen von Zukunft Gas sind es Anfang 2019 bundesweit 855, ein Jahr später 833 und im März 2021 noch 812 Stationen gewesen. Zugleich hat sich jedoch der Anteil drastisch erhöht, der 100 Prozent Biogas vorhält. Diese Zapfstellen haben von 120 Anfang 2019 auf 417 zugelegt.

Die Schließung einer Erdgastankstelle hat auch bei einigen Flottenbetreibern in und um Weingarten in Baden für einen Paukenschlag gesorgt. Nachdem Erdgas Südwest die Zapfsäule im Ort zum 31. Dezember veräußert hatte, stellte der Käufer den Betrieb bereits zum 26. Januar ein. Zumindest vorerst. Es liefen zwar noch Verhandlungen, eine Wiedereröffnung sei aber unwahrscheinlich, meinte eine involvierte Person, die lieber nicht namentlich genannt werden möchte.

Kommune muss investieren

In der Gemeinde wird nun unter dem Brennglas deutlich, was eine solche Entscheidung für Flottenbetreiber mit CNG-Fahrzeugen heißt. So hat etwa die Kommune selbst fest damit gerechnet, dass die Station bleibt. Mit ihren fünf erdgasbetriebenen VW Caddy steht sie unter Zugzwang. "Die Gemeinde hat aufgrund der überraschenden Stilllegung beschlossen, die CNG-Modelle zu ersetzen", sagt Bürgermeister Eric Bänziger. Er bedauert dies, weil der Antrieb seit zehn Jahren im Einsatz ist und durch Verlässlichkeit, Sparsamkeit und Umweltfreundlichkeit überzeugt. Die Reichweite einer CNG-Tankladung beläuft sich bei den Fahrzeugen nach seinen Daten auf rund 580 Kilometer. Die nächsten Stationen in Bruchsal oder am anderen Ende im benachbarten Karlsruhe sind für die Mitarbeiter jedoch zu weit weg.

Geplant ist jetzt, ein E-Auto und vier Nutzfahrzeuge mit konventionellen Motoren als Ersatz zu beschaffen. "Je nach Verkaufserlös für die Gebrauchtwagen werden wir zirka 80.000 Euro investieren müssen", schätzt das parteilose Oberhaupt der Kommune. Er fügt hinzu: "Der Schritt folgt ausschließlich den Fakten. Da ich von der E-Mobilität nicht überzeugt bin, sondern in den gas- und wasserstoffbetriebenen Fahrzeugen die Zukunft sehe, werden die konventionellen Fahrzeuge eine Übergangslösung darstellen. Sollte der Wasserstoff kommen, werden wir gerne richtig investieren - unserer Umwelt zuliebe."

Pizzeria sucht neue Optionen

Ein Unternehmer, der seit etwa sieben Jahren nur Erdgasautos im Fuhrpark hat und sich davon bei jedem notwendigen Ersatz künftig trennen will, ist Ugur Bingöl. Der Franchise-Geber von Extrempizza mit drei Standorten in Karlsruhe, Pfinztal und Graben-Neudorf hat vor, die drei VW Eco Up und die vier Seat Mii Ecofuel nicht durch neue CNG-Modelle zu ersetzen. Zum einen, weil derzeit lediglich VW den Wagen noch im Programm hat. Zum anderen, weil die Tankstellen in unmittelbarer Nähe zu den Filialen weniger werden. Den ersten spürbaren Einschnitt hat es für den Lieferdienst mit der Schließung der Station in Karlsruhe Durlach gegeben. Jetzt kommt Weingarten dazu. Bingöl erläutert: "Mit den Autos werden pro Tag bis zu 300 Kilometer und insgesamt rund 50.000 Kilometer pro Jahr gefahren. Sie müssen außerdem schnell einsatzbereit sein. Deshalb können wir nicht erst durch die ganze Stadt kutschieren, um zu tanken."

Bei Beanspruchung bewährt

Die Entwicklung findet der Geschäftsmann nicht gut. Er hatte sich bewusst für CNG entschieden. "Ich habe damals nach sparsamen und möglichst CO2-armen Autos geschaut und bin bei den Kleinwagen fündig geworden", so Bingöl. "Vorher hatten wir Benziner. Diese haben wir jeden zweiten Tag für gut 50 Euro betankt. Mit den Erdgasautos sind es pro CNG-Ladung nur noch rund 15 Euro." Zusätzlicher Pluspunkt: Jenseits von Schrammen und Dellen kann er trotz extremer Beanspruchung von keinen Problemen mit den Fahrzeugen berichten. Dennoch ist ihm die Lage jetzt zu unsicher, um weiter auf Erdgas zu bauen. Welche Modelle es stattdessen sein werden, ist noch offen. Derzeit tendiert er zu Kleinwagen mit sparsamen Verbrennern oder gar LPG-Motor (Flüssiggas).

Wechsel zu CNG-Dienstwagen

Dagegen stellt das Heilpädagogische Zentrum Edukativa seit Januar 2020 soweit wie möglich auf CNG-Pkw um, sobald einer der bisherigen Firmenwagen ersetzt werden muss. "Wir möchten sowohl umwelt- als auch kostenbewusstes unternehmerisches Handeln in Einklang bringen", sagt Dr. Ludwig Paul Häußner, Leiter des Karlsruher Instituts. Auch der Abbau der Erdgas-Tankstellen in der Umgebung schreckt den Betriebswirt und Pädagogen nicht:"Wir haben sogar noch eine Station nur einen Kilometer von Edukativa entfernt." Die Schließung in Weingarten trifft eine Mitarbeiterin, die jetzt nur noch in Karlsruhe tankt.

Aktuell besitzen bereits sieben von zehn Pkw einen Erdgas-Antrieb. Diese sind für 24 respektive 36 Monate geleast und rekrutieren sich aus vier Seat Ibiza CNG, zwei Seat Leon ST TGI sowie einen Seat Arona TGI. Alle Fahrzeuge sind nicht nur auf Kurz- und Mittelstrecken in Stadt und Landkreis im mobilen heilpädagogischen Dienst unterwegs, sondern dienen auch zur privaten Nutzung. Die Mitarbeiterinnen fahren damit rund 10.000 Kilometer pro Jahr und legen mit einer Erdgas-Ladung - je nach Modell - rund 400 Kilometer zurück. Darüber hinaus senkt Edukativa mit den neuen Modellen die Treibstoffkosten um etwa die Hälfte. "Alle vorherigen Modelle waren mit Benzinantrieb. Unsere Seat Ibiza fahren jetzt 400 Kilometer weit mit einer Tankfüllung und bezahlen dafür zirka 16 Euro", erläutert Häußner.

Effektiv und ökologisch

Die Entscheidung pro CNG ist bei Häußner bewusst gefallen, weil er sich viel mit alternativen Antrieben beschäftigt hat. Er begründet seine Wahl:"Es ist meines Erachtens 'die' Übergangstechnologie zum Wasserstoffantrieb, da das Gas auch aus Abfällen oder Windkraft gewonnen werden kann. Die Fahrzeuge haben zudem deutlich weniger NOx-Emissionen und praktisch keinen Rußausstoß respektive Feinstaub - im Gegensatz zu schweren Elektrofahrzeugen, wie eine aktuelle OECD-Studie darlegt."

Als vormals langjähriger Manager in der freien Wirtschaft trommelt er dafür, dass sich Unternehmen wieder intensiver damit beschäftigen sollten."Denn auch das Spektrum an Fahrzeugen vom Seat Ibiza TGI mit 90 PS über den VW Golf TGI und den Skoda Octavia G-Tec mit 130 PS bis zum Audi A4 und A5 G-tron mit 170 PS reicht für den gewöhnlichen Fuhrpark völlig aus", wirbt Häußner. Und er zieht ein erstes Zwischenfazit für sein Institut: "Wir sind mit den Autos rundum zufrieden und hoffen, dass die CNG-Tankstellen mindestens in der derzeitigen Zahl erhalten bleiben und die Steuer auf CNG so bleibt - mindestens bis 2030." Gut wäre es aber seines Erachtens nach, wenn es 2.000 CNG-Tankstellen gäbe - vor allem entlang der Autobahnen.

Dieser Wunsch würde sich wohl nur erfüllen, wenn technologieoffene Förderungen für den Aufbau von Infrastruktur und vor allem eine vergünstigte Besteuerung von Dienstwagen - analog der E-Mobilität - dem Erdgas-Antrieb neuen Schwung verleihen. Verdient hat er es. Denn Biomethan ist grün, Autos sind vorhanden und das Angebot der Hersteller wäre schnell weiter ausbaubar. Aktuell ist lediglich der Volkswagen-Konzern mit den Marken Audi, Seat, Skoda und VW am CNG-Markt vertreten. Früher waren es Mercedes, BMW, Volvo, Opel, Ford ...

Chancen nicht weiter vertun

Ob Erdgas, Elektroantrieb, Plug-in-Hybrid, Benziner, Diesel oder Dienstrad: Zukunft Mobil Baden-Württemberg berät Kommunen und Unternehmen im Bundesland rund um die Mobilität. Der Verein als Initiative regionaler Stadtwerke und Energieversorger hat sich dabei zum Ziel gesetzt, möglichst alternative Antriebe voranzubringen. Dafür stehen Fuhrparkberater bereit. Sie zeigen die Möglichkeiten und Vergleiche aller Alternativen auf, um die Flotten in Sachen Umweltbilanz und Alltagstauglichkeit bestmöglich aufzustellen. "Die Anfragen sind jedoch durch die politischen Rahmenbedingungen zur massiven Förderung von Elektrofahrzeugen zurückgegangen. Für viele existiert nur noch der E-Antrieb als Alternative zu Benziner oder Diesel in den Köpfen", sagt Vorstandsmitglied Timo Martin.Die Zukunft des Compressed Natural Gas (CNG) ist daher für ihn zunehmend ungewiss. Das gilt nun umso mehr, weil er in Weingarten als Gemeinderatsmitglied und Mitarbeiter bei Erdgas Südwest selbst sieht, wie sich die Rahmenbedingungen mit Schließung einer Tankstelle ändern können. "Wenn nicht schlagartig Ernüchterung eintritt, beispielsweise bei der Betrachtung der Gesamt-CO2-Bilanz der Plug-in-Hybride und es keine Förderungen für den Aufbau der Infrastruktur oder für einen wirtschaftlichen Betrieb etwa durch Reduzierung oder Vermeidung von hohen Netzentgelten wie in anderen Ländern Europas gibt, wird die Situation für CNG bleiben wie sie ist oder sich verschlechtern." Er plädiert vor allem aus umweltpolitischer Perspektive für mehr Technologieoffenheit und eine gerechtere Verteilung der Fördermittel für alle alternativen Antriebe.Für Martin liegen insbesondere die Vorteile des CNG auf der Hand. "Es handelt sich um den einzigen konventionellen Kraftstoff, der mit Biomethan zu 100 Prozent regenerativ hergestellt werden kann. Die Treibhausgasemissionen können damit drastisch sinken", so der Vertreter von Zukunft Mobil BW."Außerdem verbrennt er nahezu rückstandsfrei, zeichnet sich durch weniger Verschleiß aus und die Kosten für eine Tankladung CNG belaufen sich im Durchschnitt gegenüber klassischem Sprit auf etwa die Hälfte." Deshalb hofft er, dass die Politik den Ball zugunsten des CNG-Antriebs richtig aufnimmt. Ansonsten rechnet er damit, dass die Zahl der CNG-Tankstellen weiter sinkt.Weitere Informationen unter: zukunft-mobil-bw.de

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