Physiotherapie soll für Mobilität sorgen, die Beweglichkeit wiederherstellen oder erhalten und Schmerzen lindern. Für Physiotherapeut Albert Becker hat Mobilität aber noch eine weitere Bedeutung, denn der 34-Jährige betreibt seit 2023 eine mobile Physiotherapie-Praxis in Hamburg. Das heißt eine Praxis "ohne Praxis" (Räumlichkeiten).
Nach seiner Zeit als aktiver Boxer wollte er Menschen helfen, nachdem er jahrelang von Sportphysiotherapeuten fit gemacht und gehalten wurde. Ab 2013 arbeitete Becker daher nach seiner Ausbildung als angestellter Physiotherapeut in Schleswig-Holstein, Berlin und Hamburg. Parallel belegte er Fortbildungen.
Als seine Tochter vor vier Jahren auf die Welt kam, machte sich Becker in Hamburg selbstständig. Im Kopf hatte er dabei die Idee eines ehemaligen Dozenten, der immer davon erzählte, in Frankreich mit Vespa und Massagebank von Patient zu Patient gefahren zu sein. Das hat Becker ausprobiert: Vespa und Behandlungsliege, das klappte nicht. Stattdessen gründete er das "PhysioPaedikum für Klein und Groß" und startete zunächst als Ein-Mann-Betrieb - für Selbstzahler und Privatversicherte.
Sein Bruder, ebenfalls Physiotherapeut, und ein Netzwerk, etwa mit den beiden - ebenfalls mobil arbeitenden - Hebammen Lia Rickert und Lena Fritz, halfen Becker bei der Unternehmensgründung. Nach einer guten Anlaufphase mit erfolgreicher Resonanz stellte er nach einem Jahr den ersten von heute vier Angestellten in Teil- und Vollzeit ein.
Zu fünft behandeln sie heute jeweils maximal sechs Patienten am Tag. Becker: "Ich will meinem Team eine gute Work-Life-Balance ermöglichen. Wir behandeln unsere rund 100 Patienten in den Hamburger Vierteln Ohlsdorf, Altona, Eimsbüttel, Eppendorf, Barmbek, Winterhude und Wandsbek bei ihnen zuhause - immer rund eine Stunde lang."
E-Autos für alle
Allen Therapeuten stellt er dafür jeweils einen Renault Zoe zur Verfügung, mit dem sie zu ihren Patienten stromern können. Geleast hat Becker die Fahrzeuge über sein Renault-Autohaus - in der Anfangsphase, in der er sich immer noch befindet, vorsichtshalber jeweils immer nur für zwei Jahre. Um die Wartung kümmert sich der Physio-Chef selbst, tauscht währenddessen das zu wartende Auto mit seinem eigenen aus, um Dienstausfälle zu vermeiden.
In der Freizeit dürfen die identisch aussehenden Fahrzeuge für private Zwecke verwendet werden. "Daher sind sie auch nicht gebrandet", so Becker. "Die Mitarbeiter sollen nicht nach der Arbeit das Gefühl haben, zu arbeiten." Apropos "Branding": Das Logo des PhysioPaedikums besteht aus zwei Eulen, weil seine Praxis auf Kinder und Erwachsene ausgerichtet ist. "Wir haben die erwachsene und die kindliche Eule", führt Becker aus.
Becker hat sich nämlich im Laufe des Berufslebens irgendwann von der Sportphysiotherapie verabschiedet und sich auf Pädiatrie und Neurologie fokussiert, außerdem - nicht zuletzt durch die Erfahrungen mit seiner Tochter - auf Frauen während und nach der Schwangerschaft sowie Kleinkinder.
Und warum hat sich Becker für den E-Franzosen entschieden? "Preis, Leistung und der elektrische Antrieb - das bringt alles mehrfach Vorteile mit sich", zählt er auf. Neben dem Umweltschutz erweist sich der Renault demnach als praktisch - sowohl die Therapiebank als auch das weitere Material wie Bänder, Matten oder Hanteln passen problemlos ins Fahrzeug - und als günstig: "Man spart viel an Steuern und Energiekosten, was wiederum den Gehältern der Mitarbeiter zugutekommen kann. Und die E-Dienstwagenbesteuerung von nur 0,25 Prozent vom Listenpreis ist attraktiv für die Mitarbeiter."
Kostenlos parken
"In Hamburg ist eine E-Flotte ideal", zählt Becker ein weiteres Plus auf. Denn mit einem E-Kennzeichen darf man in der Hansestadt an allen Parkscheinautomaten mit Parkscheibe bis zur jeweiligen Höchstparkzeit kostenlos parken. An Normalladesäulen dürfen Stromer in Hamburg maximal drei Stunden, an Schnellladesäulen maximal eine Stunde geladen werden. Das reicht leicht für die Behandlung im Patientenzuhause. "Während der Arbeitszeit ist die Parksituation daher meist entspannt", berichtet er.
"Höchstens am Feierabend gestaltet sich die Parkplatzsuche schwieriger." Fürs Laden sind die Therapeuten selbst verantwortlich, was laut Becker dank der Infrastruktur im Stadtgebiet unproblematisch sei. Bislang ist er recht zufrieden mit seiner E-Flotte, nur im Winter schwächle das Speichervolumen der Batterien etwas.
Weil es keine "Zentrale" gibt, ist Kommunikation für einen guten Teamspirit wichtig. "Wir telefonieren täglich, haben über die Patientensoftware und dank Online-Meetings alle zwei Wochen Kontakt", so Becker, der jeden einzelnen Patienten meist initial kennenlernt. "Meine Mitarbeiter und ich sind ständig im Austausch. Mindestens einmal im Monat lade ich zudem zum gemeinsamen Essen nach der Arbeit ein und wir veranstalten regelmäßig Projekttage, um etwa in den Heidepark zu fahren oder um ein Boxtraining zu absolvieren." Boxen spielt beim Ex-Boxer Becker immer noch eine Rolle: So motiviert er etwa einige seiner neurologisch eingeschränkten Patienten in der Behandlung mit "Boxrunden", bei denen gepuncht, ausgewichen und geschoben wird - so machen die klassischen Übungen den Betroffenen auch mehr Spaß.
"Ich brauche Albert zum KO-Schlagen", schmunzelt etwa ein älterer Patient mit halbseitiger Lähmung nach einem Schlaganfall. "Bei anderen Physiotherapeuten war er nie mit so viel Elan dabei", bestätigt seine Ehefrau.
Intensive Beziehungen
Das PhysioPaedikum ist bei Weitem nicht die einzige mobile Physiotherapiepraxis an der Elbe. Becker will sich mit seinem Team durch Qualität abheben. Er arbeitet zum Beispiel unter anderem in Kitas und versteht es laut eigener Aussage, "das Feuer in Patienten zu entflammen, sodass sie Spaß an der Therapie haben".
Sein Ansatz: "Es geht immer von außen nach innen: Erst muss man im Außen ein Lächeln erzeugen, dann beginnt die Therapie im Inneren, es geht in die Strukturen von der Haut über die Nerven bis hin zu den Knochen."
Eine gute Beziehung zu den Patienten ist Becker wichtig. So ist etwa ein 80-jähriges Ehepaar ohne Kinder seit zwei Jahren bei ihm in Behandlung. Die zuständige Therapeutin behandelt die beiden nicht nur auf der Therapiebank, sondern hält sie auch im Alltag mobil - mit Einkäufen oder Spaziergängen, wobei unterwegs Hindernisse wie Treppen, unebene Wege oder der Straßenverkehr bewältigt werden müssen. "Das ist manchmal besser als eine klassische Massage", so Becker.
Wenn sich ein neuer Patient telefonisch, per Mail oder Social Media bei Becker meldet, schafft er laut eigener Aussage immer freie Kapazitäten. "Je nach Schwerpunkt der Therapeuten ordne ich die Patienten zu, außerdem versuche ich, die Leute so einzuplanen, dass die Therapeuten möglichst von zu Hause anfangen und nah an zu Hause aufhören können." Die Behandlungsfrequenz ist mit teilweise drei bis fünf Therapien pro Woche hoch. "So lernt man die Patienten gut kennen und durch diese hohe Frequenz ist die Regeneration schneller."
Klar, im privaten Zuhause fehlen große Trainingsgeräte. "Teils kann man das aber mit funktionellem Training via Körpergewicht kompensieren, manchmal haben sich Patienten auch selbst mit Fitnessgeräten eingerichtet." Die Vorteile liegen neben der Hilfe im täglichen Setting laut dem Praxisinhaber darin, dass die Behandlung im eigenen Umfeld stattfindet, was für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen und Termindruck komfortabel und flexibel ist. Anfahrts- und Wartezeiten entfallen und die Behandlung kann mit ausreichend Zeit vor Ort individuell angepasst werden.
"Wichtig sind Respekt und ein Feingefühl, wenn man die Privatsphäre der Patienten betritt", gibt Becker zu bedenken. "Gerade ältere Menschen haben anfänglich teils Angst, wir Therapeuten müssen ihnen daher Sicherheit geben, damit sie in der Therapie loslassen und Spannungen reduzieren können." Hilfreich sei es in solchen Fällen, wenn Angehörige während der Behandlung zugegen sind. Becker ist zum ersten Mal selbstständig und Chef, daher will er mit Blick in die Zukunft erstmal den Status quo stabilisieren.
Außerdem plant er, noch in diesem Jahr einen fünften Mitarbeiter einzustellen - und auch da neue Wege zu gehen: Das soll nämlich über Social Media und nicht mehr über die klassische und teure Stellenanzeige funktionieren. Überhaupt will er die Online-Kommunikation rund um Social Media und seine Website mit Blog-einträgen intensivieren.
Auf dieser Website findet man unter anderem den Spruch: "Spuren im Sand der Zeit hinterlässt man nicht im Sitzen." Dieser Satz, so berichtet Becker, stammt von einem besonderen Menschen, der ihn in einer Zeit aufgefangen hat, als es ihm emotional nicht gut ging. "Aber auch zu Patienten passt der Satz", ergänzt er. "Patienten, die nicht nur dasitzen, sondern etwas dafür tun, um die Beschwerden zu lindern, haben mehr vom Leben."
Es bleibt dabei: Mobilität hat für Becker mehr Aspekte als für manch anderen Physiotherapeuten.