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Winterreifen: Ja, ist es schon wieder so weit?

Der Winter kommt bestimmt. Wie „hart“ er wird, weiß niemand. Dennoch sollten Flotten sich auf Schnee einstellen und die Bereifung anpassen. Ob es immer klassische Winterreifen sein müssen oder auch Ganzjahresreifen taugen, hängt von vielen Fakoren ab.
© Foto: Wolfilser / stock.adobe.com

Winterreifen oder Ganzjahresreifen? So oder so: Jetzt wird es Zeit, den Fuhrpark winterfit zu machen. Hier lesen Sie, worauf zu achten ist und warum All-Season-Pneus nicht immer das passende Schuhwerk sind.


Datum:
08.10.2021
Autor:
mb
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Das täglich grüßende Murmeltier kennen viele. Irgendwie geht es uns ja auch mit den Reifen so, der Turnus ist hierbei eher halbjährlich. Genauer: Von O bis O lautet die Faustformel - also von Oktober bis Ostern. Ob die immer passt, sei mal dahingestellt. Oft herrschen im Oktober noch sommerliche Temperaturen und Ende April gab es unlängst noch Schnee.

Und jetzt ist schon wieder Oktober, die Blätter werden bunter, die Tage kürzer und die Nächte kälter. Wer bislang noch nicht an Winterreifen gedacht hat, sollte das schleunigst tun. Denn der nächste Werkstatt-Termin ist nicht immer direkt greifbar.

Sind Winterreifen noch nötig?

Doch ist das Wechseln der Reifen eigentlich noch zeitgemäß? Immer häufiger hört und liest man von Ganzjahresreifen, die einen guten Kompromiss aus Sommer- und Wintereigenschaften in einem Produkt vereinen sollen. Für die Fachfrau oder den Fachmann, also die Fuhrparkleiter, die sich um das Fahrzeug kümmern, steht meist fest, dass im Winter der Winterspezialist montiert werden muss und im Sommer der für die warme Jahreszeit - egal, wie groß der Aufwand teils ist.

Andreas Schlenke, Entwicklungsingenieur bei Continental-Reifen, bringt es vielleicht auf den Punkt:"Wer unter nahezu allen Umständen mobil sein will oder muss, sollte weiterhin auf saisonale Bereifung setzen. Sie liefert das Höchstmaß an Sicherheit und Mobilität. Ich denke hier an Vertriebsmitarbeiter, die zu den Kunden müssen, aber auch an Mitarbeiter in sozialen Diensten. Ärzte, die Hausbesuche machen, Pflegedienste im ländlichen Bereich, aber auch Eltern im ländlichen Bereich, die ihre Kinder zur Schule oder in den Kindergarten bringen müssen."

Hinzu kommen vermehrt die spezielleren Anforderungen schwerer Elektro- und Plug-in-Hybrid-Fahrzeuge. So sagt auch Schlenke, dass bei den schweren Modellen "die Tragfähigkeiten recht nah an der Grenze sind. Hierfür haben wir von Continental nach den Absprachen in der Standardisierungsorganisation ETRTO den so genannten HL-Standard entwickelt. Da die nach diesem Standard gefertigten Reifen bisher Erstausrüstungsreifen sind, fertigen wir derzeit Sommerreifen. Aktuell führen wir auch die ersten Winter- und Ganzjahresreifen in die Produktion ein."

E-Autos mit speziellen Schuhen

Denn tendenziell ist der Reifenverschleiß aufgrund des höheren Gewichts und des starken Drehmoments ab dem ersten Meter der elektrifizierten Fahrzeuge größer als bei klassischen Verbrennern. Der Wechsel steht also oft früher an, wenngleich die meist ökonomischere Fahrweise, mit der elektrifizierte Autos bewegt werden, ausgleichend wirken kann.

Eine Pauschalaussage, ab welcher Restprofiltiefe oder welchem Alter Reifen gewechselt werden sollten, gibt es nicht. Die gesetzliche Mindestanforderung lautet in Deutschland bei allen Reifen 1,6 Millimeter Profiltiefe. In Österreich ist es dann längst illegal, da endet das Leben der Winter- und Ganzjahresreifen bei vier Millimetern. Diese Faustformel ist für alle, die ab und an wirklich Schnee unter die Räder bekommen, sicherlich keine falsche, wenngleich es auch um Ressourcenschonung und Kostenreduzierung geht, und da ist ein längeres Leben sinnvoll. So plädiert Michelin für die Ausnutzung der 1,6 Millimeter und verspricht gleichbleibende Performance.

Wer aus Umweltaspekten agiert, ist wohl mit Sommer- und Winterspezialisten besser versorgt, anstatt Ganzjahresreifen zu fahren. Denn Ganzjahresreifen fahren sich bei sommerlichen Temperaturen auf der Autobahn deutlich schneller ab als Sommerreifen. Schlenke von Conti benennt es so: "Unser Rat lautet, Winter- und Ganzjahresreifen nicht bis zur gesetzlichen Mindestprofiltiefe abzufahren, sondern vorher zu wechseln. Sobald man sich unsicher fühlt - sowohl auf Schnee wie auf nasser Fahrbahn - sollte man den Reifen von einem Fachmann prüfen lassen." Wie so oft, gibt es also auch hier zwei Meinungen.

Kompliziert

Dass Reifen mit zu den kompliziertesten Bauteilen im und am Auto gehören, ist vielen nicht bewusst. Ebenso wenige machen sich klar, dass lediglich vier handflächengroße Bereiche den Kontakt zwischen Auto und Straße herstellen. Nicht nur deswegen (ist ja nicht neu) werden die Anforderungen auch vom Gesetzgeber stets strenger. Seit Mai 2021gibt es das neue EU-Reifenlabel (wir berichteten), das unter anderem die besonders kraftstoffeffizienten Reifen für die Verbraucher kennzeichnet. Das ist unter anderem gut für die Umwelt, da Emissionen gesenkt werden (Reifen machen etwa 20 Prozent des Treibstoffverbrauchs aus) und gut, um Kosten zu reduzieren, da der Verbrauch bei richtiger Reifenwahl gesenkt und die Kilometerleistung der Reifen erhöht werden kann.

Eine weitere Neuerung bei Winter- und Ganzjahresreifen: Das Eis-Griff-Piktogramm, das nun zusätzlich zur "Schneeflocke" vorhanden sein kann. Es soll verdeutlichen, wie gut die Eignung des Reifens im Winter auf Eis ausssieht - also bestätigen, dass der Wintergrip geprüft wurde. Um genau das reproduzierbar zu prüfen, hat der Fahrzeugtest-Dienstleister Utac Ceram Millbrook eine Innenteststrecke konstruiert, die Reifenhaftungstests auf Eis unter immergleichen Voraussetzungen ermöglicht und damit nach eigenen Aussagen die wichtige Wiederholbarkeit garantiert.

KI kommt in die Reifen

Da Reifen für die Pneuhersteller längst nicht mehr nur schwarz und rund sind, bietet Goodyear unter dem Begriff "SightLine" die nach eigenen Aussagen erste intelligente Reifenlösung für kommerzielle Transporterflotten an. Sight Line ist eine Technologie zur vorausschauenden Wartung (predictive Maintenance) die dazu beitragen kann, drohende Reifenpannen und damit Ausfallzeiten der Flotte zu reduzieren. So werden ständig der Reifendruck und -verschleiß überwacht, was zu mehr Sicherheit und Kosteneffizienz führt. Das System nutzt Sensoren in Verbindung mit cloudbasierten Algorithmen, um mit den Flottenbetreibern in Echtzeit zu kommunizieren. Seit Anfang 2021 wird die Lösung für leichte Nutzfahrzeuge angeboten. Bis Ende des Jahres soll Goodyear Sight Line auch für die Erstausrüstungskunden sowie für Flotten- und Mobilitätsanbieter angeboten werden.

Klassisch aufs schwarze Rund verlässt sich Nokian Tyres. Doch auch die "Erfinder des Winterreifens", wie sie sich selbst gerne nennen, setzen mittlerweile auf den wachsenden Markt der Ganzjahresreifen für den professionellen Einsatz. Der neue Nokian Seasonproof C wurde für "schneelastige Wintertage" entwickelt und soll dennoch bei LCV (Light Commercial Vehicle) für ein ganzjährig souveränes Fahrgefühl sorgen. Präzises Handling und Stabilität sowie hervorragende Laufleistung und Langlebigkeit werden angepriesen. Gerade für Transporter können Ganzjahresreifen eine gute Option sein, um wechselnden Witterungen zu trotzen und zudem den Vorteil bieten, auch mal unwegsameres Gelände unter die Reifen nehmen zu können.

Der Seasonproof C ist für mitteleuropäische Gefilde konzipiert und mit dem Schneeflocken-Symbol versehen. Die patentierte Aramid-Seitenwand-Technologie bietet eine hohe Widerstandsfähigkeit und eine verbesserte Verschleißlebensdauer (plus 15 Prozent im Vergleich zum Vorgänger-Modell), was auch auf unbefestigten Wegen vorteilhaft ist. So preist Nokian den Seasonproof C als "eine praktische Lösung für vielbeschäftigte Berufstätige, die sich von den saisonalen Reifenwechseln verabschieden wollen", an.

Auch der japanische Reifenhersteller

Yokohama setzt auf Ganzjahresreifen bei den leichten Nutzfahrzeugen (LCV). Blu-Earth-Van All Season RY61 heißt das neueste Produkt von und aus Yokohama. Auch sie argumentieren mit dem Wegfall von Umrüstkosten und Ausfallzeiten im wirtschaftlich sensiblen Segment der Vans. Der Reifen soll ganzjährig überzeugende Fahreigenschaften mit Wirtschaftlichkeit in Einklang bringen. Charakteristisch für die Lauffläche ist das "Triple WD Groove"-Profil. Bei diesem Muster werden zickzackförmige Querrillen von geraden senkrechten Einschnitten flankiert. Erstere sorgen für Grip auf Schnee, während die großzügig bemessenen umlaufenden Längsrillen die Wasserableitung übernehmen und das Aquaplaningrisiko verringern sollen. Der BluEarth-Van All Season RY61 enthält drei Polymere, die Verschleißverhalten und Haltbarkeit spürbar verbessern sollen.

(Auch) für Schnee gemacht

Das Thema Nutzungsdauer hatten wir anfangs mit Michelin aufgegiffen. Die Franzosen stellen nun mit dem Cross Climate 2 die zweite Generation des All-Season-Reifens vor, der "vom ersten bis zum letzten Kilometer dauerhaft hohe Leistung bringt". Ein Grund, warum Michelin auf Ganzjahres-Pneus setzt, ist die Erkenntnis, dass in den kommenden fünf Jahren Wachstumsraten von jährlich 16 Prozent erwartet werden.

Von Pirelli stammt ein neuer Schneespezialist für die Mittelklasse und die Cross-Utility-Vehicle namens Cinturato Winter 2. Für die Entwicklung wurden laut Pirelli "fortschrittlichste Virtual-Reality-Systeme" genutzt, um die Lauffläche auf eine maximale Aufstandsfläche hin zu optimieren und damit mehr Verbindung zwischen Fahrzeug und Fahrbahn herzustellen. Dennoch solle sich die Umweltverträglichkeit (Verschleiß/Abrieb) des Cinturato Winter 2 sowie seine Geräuschemissionen und der Rollwiderstand verbessert haben. Das reduziert den Kraftstoffverbrauch und mindert die CO2-Emissionen des Fahrzeugs. Pirelli bietet auch spezielle Versionen für E-Autos an, die mit "ELECT" markiert sind.

Uniroyal kommt aus Belgien und gehört zum Continental-Konzern. "WinterExpert" lauten Name und Programm des neuen Schneespielers zugleich. Das neue Laufflächenprofil ist angeblich ideal für die Sicherheit bei winterlichen Bedingungen ausgelegt, was in unseren Gefilden oft auch Aquaplaninggefahr bedeutet. Erstmals bei einem Winterreifen hat Uniroyal seine "SharkSkin-Technologie" angewendet, die sich bei der Gestaltung des Profils an der Struktur der Haut von Haien orientiert. Zeitgleich sei es gelungen, "den Rollwiderstand mittels einer neuen Silica-Mischung erheblich zu reduzieren".

Da Reifen nicht nur beim Rollen Emissionen produzieren, sondern auch bei der Produktion, liegt es auf der Hand, dass sich einige Hersteller verstärkt um Alternativen zu den klassischen Reifenbestandteilen kümmern. Continental möchte ab 2022 recycelte PET-Flaschen einsetzen und damit auf 400 Gramm Polyestergarn pro Reifen verzichten beziehungsweise dieses Garn aus 60 recycelten PET-Flaschen gewinnen. Zusammen mit den Faserspezialisten Oriental Industries entwickelten die Hannoveraner das wiederaufbereitete Polyester, das angeblich ebenso leistungsfähig sei wie die bisher verwendeten. Sie besäßen die gleiche Qualität wie PET-Neuware,"sind ebenso stabil und aufgrund ihrer Bruchfestigkeit, Zähigkeit sowie thermischen Stabilität besonders gut für Reifen geeignet", heißt es.

Wiederverwertung erlangt in vielen Bereichen des Automobilbaus eine immer größere Bedeutung, da viele Hersteller ihre Emissionen in der Produktion senken müssen. Conti will bis 2050 sukzessive 100 Prozent nachhaltig erzeugte Materialien in seinen Reifenprodukten einsetzen. "Mit Naturkautschuk aus Löwenzahn, Taraxagum genannt, wollen wir uns hier nachhaltiger und unabhängiger machen. Daran arbeiten seit nun drei Jahren Wissenschaftler in unserem Versuchslabor in Anklam in Mecklenburg-Vorpommern. Nach heutigem Stand wollen wir in sieben bis acht Jahren Pkw-Reifen mit diesem neuartigen Werkstoff in Serie herstellen. Bei Fahrradreifen sind wir heute schon so weit: Unser Modell Urban Taraxagum wird in unserem Reifenwerk in Korbach mit Naturkautschuk aus Löwenzahn produziert", lässt uns Schlenke zum Abschluss wissen.

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