Bereits seit Mitte der 1960er-Jahre produziert „die Türkei“ Automobile. Ford war einer der ersten Hersteller, die als Produktionsstandort (auch) die Türkei auswählten. Fiat und Renault folgten, ebenso koreanische und japanische Hersteller. Knapp eine Million Pkw rollten zuletzt jährlich von den Bändern. Aber eine eigene Marke, die gab es nie. Bislang. Im Sommer 2018 wurde das erste türkische Automobilunternehmen gegründet – Togg, Türkiye'nin Otomobili Girişim Grubu. Frei übersetzt bedeutet das Türkeis (eigenes) Automobil-Projektkonsortium. Die ersten Togg wurden Ende Oktober 2022 im Werk Gemlik gefertigt. Gemlik liegt im Nordwesten zwischen Istanbul und Bursa. T10F und T10X lauten die nichtssagenden Modellnamen. F ist eine in unseren Gefilden eher schwer an den Mann zu bringende Limousine, X das SUV.
Das Design stammt vom renommierten Automobildesigner Murat Günak. Er leitete Anfang des Jahrtausends nicht nur die Designabteilung bei Volkswagen, er zeichnete zuvor beispielsweise auch den Peugeot 206 CC und den eleganten 607. Nach der VW-Ära fokussierte er sich auf die E-Mobilität und heuerte bei „Mindset“ und bei „mia“ an, beides Elektro-Startups, die nicht überlebten. Beim Togg T10X verantwortete Günak das Design und das kann als durchaus gelungen gelten. Das Heck erinnert nicht wenige Menschen an Mercedes. Die Silhouette sieht aus, wie bei jedem Kompakt-SUV und die Front ist einprägsamer als die jedes China-SUVs – der Togg T10X sticht positiv aus der Menge heraus.
Togg T10X
Togg T10X mit Megadisplay im Armaturenbrett
Das markantere Design zieht sich auch durch den Innenraum. Auffallendstes Merkmal ist das (abschaltbare) durchgängige Display, das sich von der linken bis zur rechten A-Säule zieht. Klar, dieses Megadisplay ist unterteilt. Ganz links befindet sich ein per Lenkradkreuz bedienbares Kleindisplay, das auch Bordcomputer-Infos ausführlich anzeigt. Daneben ist das klassische Tachometer zu sehen, inklusive Restreichweite in Kilometern, in Prozent und absolvierte Gesamtkilometer. In derselben, zum Kombiinstrument gehörenden Anzeige, befindet sich eine weitere, die wahlweise die Musik, das Telefonat, den Tempomaten oder andere Infos widerspiegelt und über das rechte Lenkradkreuz bedient werden kann.
Das nächste Display hält dezenten Sicherheitsabstand und zeigt Außentemperatur, Datum und Uhrzeit an. Darunter ist eine Touchfläche, die den Sprachassistenten aufweckt – der ist jedoch lethargisch und hat Verständnisprobleme. Für ein „Smart Device“ oder „digitale Mobilitätsmarke“, wie Togg sich nennt, ernüchternd. Ab Fahrzeugmitte folgen drei weitere Displays, die nach Belieben mit Inhalten wie Navigation, KI-generierter Musik-App, Radio und zum Beispiel Filmen bespielt werden können. Das Ändern der Anordnung gelingt in Echtzeit über das untere Display neben dem Fahrerknie.
Für den Beifahrer ist Youtube an Bord, als einzige derzeit erhältliche App mit „Mehrwert“. Jedoch reicht ein Blick des Fahrers auf das Youtube-Display aus, um den Film zwar weiterhin hören zu können, nicht aber zu sehen. Die Blickrichtung wird mittels Armaturenbrettkamera penibel überwacht, unterscheidet jedoch nicht exakt, ob der Blick zum rechten Außenspiegel oder aufs Display geht. Und dann sieht auch der Beifahrer nichts.
Togg-App-Store ist leer
So bringen die Displays zwar keinen höheren Nutzen als kleinere, können Technikaffine aber begeistern. Wie eventuell die Plattform „Truemore“, die wohl nicht unbeabsichtigt Teslas Idee der Kunden-Interaktion ähnelt. Über Truemore wird der T10X bestellt, Infos zum Lieferstatus gezogen und mit den Togg-Leuten, die in Stuttgart sitzen, kommuniziert. Weniger begeistern die ultimativ abgespeckten Möglichkeiten zusätzlicher Apps. In der Türkei soll es eine Fülle von Apps geben, die auf den Displays des Togg T10X laufen. Und in Deutschland? KI-Musik und Youtube. Wir hoffen, da folgen in den kommenden Monaten einige.
Der Pferdefuß: Apple Carplay und Android Auto gibt es bei Togg nicht und soll es auch nicht geben. Grundsätzlich ist das Vorgehen von Togg, einen eigenen App-Store zu etablieren, sinnvoll, um sich von den Tech-Konzernen zu separieren. Aber das Angebot sollte wenigstens rudimentär dem entsprechen, was Smartphone-Nutzer seit fast zwei Jahrzehnten gewohnt sind. Aktuell lässt sich umständlich Musik von Streamingdiensten via Bluetooth vom Handy abspielen – die KI-Musik-App ist aus Künstlersicht (die werden somit nicht mehr benötigt) mehr als fragwürdig. Da mutet das klangvoll spielende Meridian-Soundsystem für 1.000 Euro (brutto) fast überflüssig an.
Togg T10X im Video-Test
Software des Togg T10X überzeugt – und auch nicht
Ein weiteres Manko trotz der Displayfülle: Die Icons zum Tippen und die Schriften (Navigations-Ankunftszeit, Rest-Prozent des Akkus bei Zielankunft) sind zu klein und ab und an auch zu weit weg. Die Reaktionsgeschwindigkeit bei Eingaben via Lenkradfernbedienung oder beim Tippen auf die Displays ist schnell und zuverlässig. Anders als das Hochfahren des Systems nach dem Motorstart, das ab und an innerhalb von fünf Sekunden geschah und ab und an auch mal mehr als 30 Sekunden benötigte und dann nervte, da die Rückfahrkamera nicht aktiviert wurde oder die Navigationseingabe erst deutlich nach Fahrbeginn erfolgen konnte.
Genial einfach gelöst haben die Türken das Abschalten des Tempowarners und des Spurhalteassistenten: rechten Lenkstockhebel nach vorn und unten drücken, Tempobimmler ist deaktiviert; Lenkstockhebel zu sich ziehen und nach unten drücken, Spurhalteassistent ist aus. Das ist zugleich der Hebel zum Bedienen des Tempomaten – kennt man, auch von Tesla. Beim Togg T10X gibt es neben dem Abstandstempomaten ACC den Limiter und, das ist mittlerweile außergewöhnlich, einen klassischen Tempomaten ohne Geschwindigkeitsanpassung an andere Verkehrsteilnehmer.
Guckt man sich das gesamte Arrangement an, gibt es auch bei der haptischen und visuellen Qualität Schwankungen. Die Materialien sind teils sehr gut (Armaturentafel, Türverkleidung, Lenkstockhebel, Kofferraumbodenverkleidung) und frei von jeglichem Klavierlack, teils aber auch mit Potenzial. Bei der billig anmutenden und wenig responsiven Automatikbedienung und beim Start-Stopp-Knopf weiß man nie, ob der Wagen gleich nach vorn oder hinten fährt und ob der Motor „an“ ist oder nicht.
Die Sitze sind bequem. Die Sitzposition hinter dem zu wenig verstellbaren Lenkrad passt eher Menschen mit kurzen Beinen, langen Armen und einem „Handynacken“. Denn bei aufrechter Sitzposition drückt stets die Kopfstütze. Der Platz im Fond entspricht dem Gros des 4,60-Meter-Elektro-SUV-Breis. Der im Kofferraum eher weniger, wenngleich auch 440 Liter für die meisten Anforderungen ausreichen dürften. Der Kofferraum überrascht aber abseits seiner Packfähigkeiten. Wer Koffer darin ablegt, freut sich über die dick gepolsterte Bodenplatte, unter der sich ein kleines Fach fürs Ladeequipement befindet und ärgert sich, wenn diese weiter hochgehoben wird. Loses Kabelgewirr und Steckverbindungen muten wenig hochwertig an und lassen an der Zuverlässigkeit zweifeln. Liebe Toggs: da geht mehr.