Togg T10X: Einer von vielen

19.03.2026 11:38 Uhr | Lesezeit: 5 min
Der Togg T10X ist ein Elektro-SUV das mit 4,60 Metern Länge am oberen Ende der Kompaktklasse rangiert.
© Foto: Michael Blumenstein

In der Türkei werden seit rund 60 Jahren Automobile produziert. Togg ist jedoch der erste türkische Autohersteller und der T10X das erste Elektro-SUV von Togg. Und: Der Togg soll ein „Smart Device“ sein. Mal sehen, wie smart der T10X ist.

Bereits seit Mitte der 1960er-Jahre produziert „die Türkei“ Automobile. Ford war einer der ersten Hersteller, die als Produktionsstandort (auch) die Türkei auswählten. Fiat und Renault folgten, ebenso koreanische und japanische Hersteller. Knapp eine Million Pkw rollten zuletzt jährlich von den Bändern. Aber eine eigene Marke, die gab es nie. Bislang. Im Sommer 2018 wurde das erste türkische Automobilunternehmen gegründet – Togg, Türkiye'nin Otomobili Girişim Grubu. Frei übersetzt bedeutet das Türkeis (eigenes) Automobil-Projektkonsortium. Die ersten Togg wurden Ende Oktober 2022 im Werk Gemlik gefertigt. Gemlik liegt im Nordwesten zwischen Istanbul und Bursa. T10F und T10X lauten die nichtssagenden Modellnamen. F ist eine in unseren Gefilden eher schwer an den Mann zu bringende Limousine, X das SUV.

Das Design stammt vom renommierten Automobildesigner Murat Günak. Er leitete Anfang des Jahrtausends nicht nur die Designabteilung bei Volkswagen, er zeichnete zuvor beispielsweise auch den Peugeot 206 CC und den eleganten 607. Nach der VW-Ära fokussierte er sich auf die E-Mobilität und heuerte bei „Mindset“ und bei „mia“ an, beides Elektro-Startups, die nicht überlebten. Beim Togg T10X verantwortete Günak das Design und das kann als durchaus gelungen gelten. Das Heck erinnert nicht wenige Menschen an Mercedes. Die Silhouette sieht aus, wie bei jedem Kompakt-SUV und die Front ist einprägsamer als die jedes China-SUVs – der Togg T10X sticht positiv aus der Menge heraus.


Togg T10X

Togg T10X steht auf einer Anhöhe und wurde mit Wolken im Hintergrund von vorn fotografiert Bildergalerie

Togg T10X mit Megadisplay im Armaturenbrett

Das markantere Design zieht sich auch durch den Innenraum. Auffallendstes Merkmal ist das (abschaltbare) durchgängige Display, das sich von der linken bis zur rechten A-Säule zieht. Klar, dieses Megadisplay ist unterteilt. Ganz links befindet sich ein per Lenkradkreuz bedienbares Kleindisplay, das auch Bordcomputer-Infos ausführlich anzeigt. Daneben ist das klassische Tachometer zu sehen, inklusive Restreichweite in Kilometern, in Prozent und absolvierte Gesamtkilometer. In derselben, zum Kombiinstrument gehörenden Anzeige, befindet sich eine weitere, die wahlweise die Musik, das Telefonat, den Tempomaten oder andere Infos widerspiegelt und über das rechte Lenkradkreuz bedient werden kann.

Das nächste Display hält dezenten Sicherheitsabstand und zeigt Außentemperatur, Datum und Uhrzeit an. Darunter ist eine Touchfläche, die den Sprachassistenten aufweckt – der ist jedoch lethargisch und hat Verständnisprobleme. Für ein „Smart Device“ oder „digitale Mobilitätsmarke“, wie Togg sich nennt, ernüchternd. Ab Fahrzeugmitte folgen drei weitere Displays, die nach Belieben mit Inhalten wie Navigation, KI-generierter Musik-App, Radio und zum Beispiel Filmen bespielt werden können. Das Ändern der Anordnung gelingt in Echtzeit über das untere Display neben dem Fahrerknie.

Für den Beifahrer ist Youtube an Bord, als einzige derzeit erhältliche App mit „Mehrwert“. Jedoch reicht ein Blick des Fahrers auf das Youtube-Display aus, um den Film zwar weiterhin hören zu können, nicht aber zu sehen. Die Blickrichtung wird mittels Armaturenbrettkamera penibel überwacht, unterscheidet jedoch nicht exakt, ob der Blick zum rechten Außenspiegel oder aufs Display geht. Und dann sieht auch der Beifahrer nichts.

Beifahrerdisplay im Togg T10X
Riesig aber auch abschaltbar. Das Display des Togg T10X.
© Foto: Michael Blumenstein

Togg-App-Store ist leer

So bringen die Displays zwar keinen höheren Nutzen als kleinere, können Technikaffine aber begeistern. Wie eventuell die Plattform „Truemore“, die wohl nicht unbeabsichtigt Teslas Idee der Kunden-Interaktion ähnelt. Über Truemore wird der T10X bestellt, Infos zum Lieferstatus gezogen und mit den Togg-Leuten, die in Stuttgart sitzen, kommuniziert. Weniger begeistern die ultimativ abgespeckten Möglichkeiten zusätzlicher Apps. In der Türkei soll es eine Fülle von Apps geben, die auf den Displays des Togg T10X laufen. Und in Deutschland? KI-Musik und Youtube. Wir hoffen, da folgen in den kommenden Monaten einige.

Der Pferdefuß: Apple Carplay und Android Auto gibt es bei Togg nicht und soll es auch nicht geben. Grundsätzlich ist das Vorgehen von Togg, einen eigenen App-Store zu etablieren, sinnvoll, um sich von den Tech-Konzernen zu separieren. Aber das Angebot sollte wenigstens rudimentär dem entsprechen, was Smartphone-Nutzer seit fast zwei Jahrzehnten gewohnt sind. Aktuell lässt sich umständlich Musik von Streamingdiensten via Bluetooth vom Handy abspielen – die KI-Musik-App ist aus Künstlersicht (die werden somit nicht   mehr benötigt) mehr als fragwürdig. Da mutet das klangvoll spielende Meridian-Soundsystem für 1.000 Euro (brutto) fast überflüssig an.

Togg T10X im Video-Test

Software des Togg T10X überzeugt – und auch nicht

Ein weiteres Manko trotz der Displayfülle: Die Icons zum Tippen und die Schriften (Navigations-Ankunftszeit, Rest-Prozent des Akkus bei Zielankunft) sind zu klein und ab und an auch zu weit weg. Die Reaktionsgeschwindigkeit bei Eingaben via Lenkradfernbedienung oder beim Tippen auf die Displays ist schnell und zuverlässig. Anders als das Hochfahren des Systems nach dem Motorstart, das ab und an innerhalb von fünf Sekunden geschah und ab und an auch mal mehr als 30 Sekunden benötigte und dann nervte, da die Rückfahrkamera nicht aktiviert wurde oder die Navigationseingabe erst deutlich nach Fahrbeginn erfolgen konnte.

Genial einfach gelöst haben die Türken das Abschalten des Tempowarners und des Spurhalteassistenten: rechten Lenkstockhebel nach vorn und unten drücken, Tempobimmler ist deaktiviert; Lenkstockhebel zu sich ziehen und nach unten drücken, Spurhalteassistent ist aus. Das ist zugleich der Hebel zum Bedienen des Tempomaten – kennt man, auch von Tesla. Beim Togg T10X gibt es neben dem Abstandstempomaten ACC den Limiter und, das ist mittlerweile außergewöhnlich, einen klassischen Tempomaten ohne Geschwindigkeitsanpassung an andere Verkehrsteilnehmer.

Guckt man sich das gesamte Arrangement an, gibt es auch bei der haptischen und visuellen Qualität Schwankungen. Die Materialien sind teils sehr gut (Armaturentafel, Türverkleidung, Lenkstockhebel, Kofferraumbodenverkleidung) und frei von jeglichem Klavierlack, teils aber auch mit Potenzial. Bei der billig anmutenden und wenig responsiven Automatikbedienung und beim Start-Stopp-Knopf weiß man nie, ob der Wagen gleich nach vorn oder hinten fährt und ob der Motor „an“ ist oder nicht.

Die Sitze sind bequem. Die Sitzposition hinter dem zu wenig verstellbaren Lenkrad passt eher Menschen mit kurzen Beinen, langen Armen und einem „Handynacken“. Denn bei aufrechter Sitzposition drückt stets die Kopfstütze. Der Platz im Fond entspricht dem Gros des 4,60-Meter-Elektro-SUV-Breis. Der im Kofferraum eher weniger, wenngleich auch 440 Liter für die meisten Anforderungen ausreichen dürften. Der Kofferraum überrascht aber abseits seiner Packfähigkeiten. Wer Koffer darin ablegt, freut sich über die dick gepolsterte Bodenplatte, unter der sich ein kleines Fach fürs Ladeequipement befindet und ärgert sich, wenn diese weiter hochgehoben wird. Loses Kabelgewirr und Steckverbindungen muten wenig hochwertig an und lassen an der Zuverlässigkeit zweifeln. Liebe Toggs: da geht mehr.


Togg T10X V2 RWD (88,5 kWh)

Testwagenpreis 46.190 Euro
PSM-E-Motor | Heckantrieb
160kW/218 PS | 350 Nm | 7,8 s | 185 km/h
WLTP: 19,1 kWh | Reichweite: 523 km
Akku (brutto): 88,5 kWh
Laden: AC 11 kW (Option 22) | DC 180 kW
Abmessungen: 4.599 x 1.886 x 1.676 mm
Kofferraum: 441–1.515 Liter
Versicherung:  KH 19 | TK 21 | VK 20
Service: 2 Jahre/40.000 km
Garantie: 3 Jahre/100.000 km | Akku: 8 Jahre/160.000 km



Togg T10X: Generell leise

Auf der komfortablen Seite ist das Fahrwerk des Togg T10X. Es lässt das 2-Tonnen-SUV bei langen Bodenwellen zwar deutlich nachschwingen, bietet dafür aber auch einen angenehmen Federungskomfort. Der wird lediglich innerstädtisch getrübt, wenn – vor allem bei kalten Temperaturen – das Fahrwerk an Vorder- und Hinterachse hörbar poltert. Je wärmer es wird, desto unauffälliger wird es. Das Poltern fällt auf, da der T10X per se ein leises Automobil ist. Auch bei Autobahn-Richtgeschwindigkeit bleibt das SUV im Flüstermodus. Wer es eilig hat, ist indes im T10X an der falschen Adresse. Zu stark wankt der Aufbau (gut 19 Zentimeter Bodenfreiheit) bei der Kurvenhatz, zu schwerfällig und träge agiert die Lenkung. Unhandlich beschreibt es ganz gut.

Togg T10X: Vernünftige Ladezeiten bei hohem Verbrauch

In der Türkei macht Togg auch bei der Ladeinfrastruktur einen auf Tesla. Trugo heißt das eigene Netz aus derzeit mehr als 900 Ladestandorten. Den Strom, der per Plug-And-Charge abgerechnet werden kann, kostet pro Kilowattsunde umgerechnet zwischen 20 (AC) und 30 Eurocent (DC mit mehr als 150 kW Ladeleistung). 180 kW schafft der Togg T10 X mit dem gefahrenen 89er-Großakku in der Spitze. Diese Ladeleistung haben wir an unseren kalten Testtagen zwar nie erreicht (keine Vorkonditionierung möglich), dafür aber einen stabilen Ladeschnitt von rund 120 kW von 10–80 Prozent. Ab zirka 70 Prozent Akkustand geht die Ladeleistung unter die 100er-Marke. Schnelles Langsamladen bietet Togg in Form des 22-kW-Onboard-Chargers für 750 Euro – ein faires Angebot.

Weniger fair oder sinnvoll ist es, den T10X ohne Wärmepumpe auszuliefern. Das haben wir an den kalten Tagen gemerkt. Diese Zusatzeinrichtung, die bei E-Autos dieser Preisklasse oft extra bezahlt werden will, gibt es bei Togg (noch) nicht. Damit sind Kurzstrecken an winterlichen Tagen nicht unter horrenden 40 kWh zu absolvieren und auch im Mittel lagen wir kurz vor der 30 kWh-Marke. Das ist deutlich zu viel. Gehen die Außentemperaturen in Richtung 16 Grad hoch, reduziert sich der Verbrauch bei identischer Strecke und Fahrweise auf gerade noch akzeptable 22 kWh. Effizient ist der Togg T10X definitiv nicht. Gut, dass er mit einem 88,5-kWh-Akku zu haben ist. Denn selbst mit dem dezimiert sich die Strecke zwischen zwei notwendigen Ladepausen auf kurze 300 Kilometer.

Ladeleistung des Togg T10X auf einem Display ablesbar
Auch wenn der Togg T10X beim Laden keine Höchstleistungen vollbringt, seine Werte sind solide.
© Foto: Michael Blumenstein

Togg hat keine Händler und nur drei Servicepunkte

Kommen wir zu einem weiteren Punkt, den man wollen muss. Es gibt keine Togg-Händler. Wie skizziert wird mittels App oder übers Web der Wagen geordert und mit Togg-Deutschland, die in Stuttgart sitzen, kommuniziert. Erschwerend kommt hinzu, dass man derzeit seinen Togg lediglich auf einem Auto-Compound in Kelheim (im Niemandsland, westlich von Regensburg) abholen kann. Zuvor konnte man via App aber verfolgen, wo genau sich sein Togg gerade befindet. Gut ist indes, dass die Wartung (in geringem Umfang, Togg spricht von rund 300 Euro) nur alle zwei Jahre oder 40.000 Kilometer anfällt. Wiederum schwierig.  Stand Ende März 2026, gibt es genau drei Bosch-Werkstätten in Deutschland (Berlin, Essen und Nürnberg), mit denen Togg kooperiert, falls der Wagen mal in die Werkstatt muss. Zwei weitere (Frankfurt und München) sind geplant. Immerhin kommen viele Verbesserungen via OTA (Over The Air). Die sind aktuell noch nötig, denn wie ein Smart Device, ist auch der Togg trotz Kundenkontakt noch lange nicht „final“. Mehr als 100.000 Togg T10X und T10F rollen bereits auf den Straßen. 2026 sollen 100.000 dazukommen und 2032 lautet das erklärte Ziel der Türken: Mehr als eine Million. Unser Testwagen kostet 46.190 Euro. Bol başarı – oder wie wir sagen: Viel Erfolg.

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Autoflotte ist die monatlich erscheinende Fachzeitschrift für den Flottenmarkt im deutschsprachigen Raum. Zielgruppe in diesem wachsenden Markt sind die Fuhrpark-Entscheider in Unternehmen, Behörden und anderen Organisationen mit mehr als zehn PKW/Kombi und/oder Transportern. Vorstände, Geschäftsführer, Führungskräfte und weitere Entscheider greifen auf Autoflotte zurück, um Kostensenkungspotenziale auszumachen, intelligente Problemlösungen kennen zu lernen und sich über technische und nichttechnische Innovationen zu informieren.