Menschen sind schon merkwürdig. Gerade dann, wenn es um E-Mobilität geht. Auf der einen Seite ist Reichweite für viele noch immer das Entscheidende. Auf der anderen Seite setzen sie falsche Prioritäten bei der Fahrzeugwahl. SUV ist Trumpf, auch bei den E-Mobilen. Das bestätigen die Verkaufszahlen. Dabei sind eine windschlüpfige Karosserie, wie sie eine flache Limousine bietet, kleine Räder und eine effiziente Technik dazwischen die eigentliche Erfolgsformel. Und voilá, dieses Automobil gibt es seit rund vier Jahren.
Hyundai Ioniq 6 (Facelift | 84 kWh)
Hyundai Ioniq 6: Facelift im Frühjahr 2026
Der Hyundai Ioniq 6 erhielt im Frühjahr 2026 ein Facelift, gut drei Jahre nach Marktstart. Auffälligste Änderungen: neue Scheinwerfer und der kontrovers diskutierte Doppel-Heckspoiler hat sich verabschiedet. Das tut der Silhouette sichtbar gut. Und dennoch ist der Ioniq 6 kein Verkaufsrenner und die Zahlen sprechen für sich. 610 Ioniq 6 konnte Hyundai Deutschland bis einschließlich September 2026 verkaufen. 3.862 waren es im Gegenzug beim ebenfalls nicht mehr taufrischen Ioniq 5 – zwar kein typisches SUV, aber eben irgendwie SUV.
Wir haben zum Test des Hyundai Ioniq 6 die „fast“ Basisversion Trend gebeten. Ideal für alle, die elektrische Kilometer am Band abspulen müssen. Trend benennt die zweite Ausstattungslinie (Select, Trend, N-Line, Prime, N-Line-Evo) und die voll empfehlenswerte. Eigentlich rollte der Testwagen noch als „Centriq“ zu uns. Die Umstrukturierung der Ausstattungslinien erfolgte nicht mit dem Facelift, sondern im September.
18-Zoll-Basisbereifung lassen den CW-Wert auf Minimalniveau und senken den Normverbrauch im Vergleich zu 20-Zöllern (einzige Optionsgröße) um satte 1,2 kWh pro 100 Kilometer. Oder anders ausgedrückt. Mit einer Akkufüllung von 84 kWh (netto) kommt der Ioniq 6 mit den kleinen Rädern 56 Kilometer weiter. 56, einfach so. Und die aero-optimierten Alus sehen weder mickrig noch hässlich aus – funktional trifft es wohl perfekt. Im Gegensatz zu den fancy Kameraspiegeln der Topversionen. Einen Mehrwert hat diese Zusatztechnik, die im Reparaturfall teuer wird, nicht.
Startpreis des Ioniq 6 niedrig, aber …
Wenn es eh gerade um Geld geht: Der Hyundai Ioniq 6 startet als Select ab 45.750 Euro. Das liest sich wie ein Schnäppchen. Hat jedoch den Haken, dass lediglich die 63-kWh-Batterie an Bord ist, „nur“ 170 PS, „nur“ 195 kW Ladeleistung im Peak und die Wärmepumpe mit 1.200 Euro on top kommt. Doch wenn der Ioniq 6 eins nicht ist, dann ist das ein Kurzstrecken-Auto. Mit seinen 4,93 Metern Länge (mit dem Facelift um sieben Zentimeter gewachsen) taugt er für die Innenstadt in etwa so wie ein Mähdrescher zum Rasenmähen hinterm Haus.
So lautet unsere Empfehlung: Inster für die City und knapp 10.000 Euro mehr in den Ioniq 6 investieren und sowohl die Ausstattungslinie Trend einkalkuliert als auch den großen Akku. Mit an Bord: Wärmepumpe, elektrisch ausklappbare (unpraktische) Türgriffe, Sitzheizung im Fond, (leuchtschwache) Matrix-LED und ein paar Assistenten, die jedoch nicht sein müssten – aber dazu später mehr. 56.350 Euro stehen dann auf dem Preisschild. Sinnvoll ist das Technik-Paket, eigentlich nur wegen des Head-up-Displays. Kostet 2.600 Euro und schwupps, landet man bei fast 59.000 Euro.
Ioniq 6: 229 PS für 2.000 Kilogramm
Angetrieben wird dieser Ioniq 6 über die Hinterräder, 229 PS und 350 Newtonmeter Drehmoment verkraften sie locker. Das liest sich für einen 2.000 Kilogramm schweren Stromer nicht nach Übermotorisierung, passt aber ziemlich perfekt. In schnellen 7,4 Sekunden ist der Standardsprint abgehandelt, bei 185 km/h wird elektronisch Einhalt geboten. Auf dem Tacho steht dann 190 und der Ioniq 6 gleitet noch immer vergleichsweise leise durch den Wind. Hinzu kommt, dass der Antrieb wirklich geräuschlos agiert.
Der Ioniq 6 fährt sich – vor allem mit den 18-Zoll-Rädern, die Bordsteinkontakte oft verzeihen – phänomenal gut. Der Wagen liegt ruhig und stoisch auf der schnellen Autobahn-Etappe, geht für eine Limousine dieser Couleur willig um die Ecken und kann auch Komfort. Lediglich bei Langsamfahrten federt er etwas ungelenk. Wer sich oft im urbanen Einsatz bewegt, ärgert sich zudem über den großen Wendekreis von deutlich mehr als zwölf Metern, freut sich im Gegenzug aber über den sauberen Druckpunkt des Bremspedals und Verbräuche von unter 15 kWh pro 100 Kilometer. Auf der Langstrecke werden eher 19 kWh verbraucht. Eilige lassen 25 kWh jede 100 Kilometer „zurück“ – dann zieht aber selten noch jemand vorbei. So erweist sich die Aero-Limo als das, wofür sie konzipiert ist – Kilometerfresser, elektrisch.
Bei den nutzbaren 84 kWh des Akkus bedeutet es im Umkehrschluss, dass nach meist rund 400 Kilometern eine Säule in der Nähe sein sollte. Dass der Ioniq 6 nicht mehr taufrisch ist, merkt man genau jetzt. War der Koreaner vor vier Jahren das Nonplusultra beim Ladetempo, reiht er sich nun in der Liste der 800-Volt-Systeme hinten ein. Mit gut 260 kW in der Spitze startet der Ioniq 6 zuverlässig, sofern der Akku rund 15 Prozent oder weniger Energie gespeichert hat und man ihn vorkonditionierte, was bei der integrierten Ladeempfehlung automatisch funktioniert (und manuell machbar ist). Wäre diese nun noch gut, würde es volle Punktzahl geben. Wir haben auf unseren 3.000 Kilometern, die an drei Tagen abgespult wurden, jedoch die Erfahrung gemacht, dass MI (Menschliche Intelligenz) der KI im Vorteil ist. Mehrfach konnten durch eigene Ladestopps den Berechnungen 15–20 Minuten abgerungen werden. Wer allerdings gern alle 180–220 Kilometer einen Kurzladestopp von 5–12 Minuten einlegen will, fährt mit den Hyundai-Vorschlägen gut. Unter idealen Bedingungen war bei uns ein Ladeschnitt von 198 kW replizierbar und nach knapp 20 Minuten ist der Akku im Zickzackkurs (merkwürdige Ladekurve) bei 80 Prozent. Der neue, kleine Ioniq 3 lädt übrigens mit 22 kW als AC-Option. Das täte dem Ioniq 6 sehr gut. Mehr als 11 kW sind aber nicht drin.