Im März 2025 übernahm Michael Knippel die Verantwortung für alle Geschäftsaktivitäten und das gesamte Produktportfolio von Europcar in Deutschland. Knippel ist studierter Wirtschaftswissenschaftler mit Schwerpunkten in Personal, Marketing und Organisationsentwicklung und hat über 20 Jahre Erfahrung in der Mobilitätsbranche.
2008 begann er seine Karriere bei Sixt als Management Trainee und entwickelte sich über verschiedene Positionen bis zum Vice President Region Central & Managing Director. Vor seinem Wechsel war Knippel zuletzt vier Jahre für Sixt in Frankreich tätig.
Herr Knippel seit etwas mehr als einem Jahr führen Sie die Geschicke bei Europcar Deutschland. Welche persönlichen Eigenschaften haben Ihnen in der Zeit am meisten geholfen?
Michael Knippel: Ich habe über zwanzig Jahre Erfahrung in der Mobilitätsbranche. Das ist mein Fundament. Zudem habe ich eine große Neugier gegenüber allen Formen der Mobilität, sei es Bahn, Airlines, neue Fortbewegungsmittel oder ganz klein gedacht: das Fahrrad. Diese Neugier, gepaart mit einem stark ausgeprägten Pragmatismus, haben mir am meisten geholfen, mich in einem neuen Unternehmen mit neuen Menschen, neuer Rolle und anderer Unternehmenskultur schnell zurechtzukommen.
Unsere Branche und unser Unternehmen stecken mitten im Wandel, da darf man keine Angst vor neuen Wegen haben. Mein Ziel war es, vom ersten Tag an Vertrauen durch klare Entscheidungen zu schaffen und das Team auf dieser Reise mitzunehmen. Denn nur wer sich mitgenommen fühlt, geht die Extrameile mit. Und ich muss sagen: Wir haben ein super Team und sind auf dem richtigen Weg. Das macht mich stolz.
Sie waren vor dem Start bei Europcar länger in Frankreich beruflich aktiv. Vergleicht man das Portfolio französischer mit den deutschen Auto-Herstellern, dann spielt die E-Mobilität bei unseren Nachbarn eine große Rolle. Bei den Citycars mit E-Antrieb sind die Franzosen weiter. Wie ist ihre Wahrnehmung? Wo muss Deutschland aufholen.
Knippel: Frankreich ist bei der Elektromobilität, vor allem im urbanen Bereich und bei kleineren Fahrzeugen, früh vorangekommen. Jedoch mit sehr starken finanziellen Sanktionen, wie dem Gewichts- und CO2- Malus. Deutschland hat starke Hersteller und viel Know-how. Bei den Rahmenbedingungen müssen wir allerdings schneller werden. Aber wir Deutschen neigen dazu, alles 150 % zu machen. Die Franzosen sind da deutlich pragmatischer unterwegs. Ladesäulen entlang der Autobahnen sind dort ein Traum.
Wie blicken beide Länder auf die E-Mobilität?
Knippel: Aus Autovermieter-Sicht ist der entscheidende Punkt die Ladeinfrastruktur. Ohne ein verlässliches Netz im Alltag werden wir die Fahrzeuge nicht schnell genug einsatzbereit machen und wieder vermieten können, wie wir es bei Verbrennern schaffen. Dann erreichen wir nicht die notwendige Auslastung. Hier spreche ich insbesondere von Ladeinfrastruktur an großen Mobility-Hubs wie Bahnhöfen oder Flughäfen.
Aus Kundenperspektive muss man noch weiter unterscheiden zwischen Firmenkunden und Privatkunden. Firmenkunden liefern bereits heute eine gute Nachfrage bei E-Fahrzeugen, insbesondere bei längerfristigen Mieten. Privatkunden sind weiterhin skeptisch. Ein OEM hatte vor längerer Zeit einen guten Slogan, der sehr gut zur E-Mobilität passt: „Umparken im Kopf”. Da sind noch viele Themen offen.
Wie ist der Stand der Ladeinfrastruktur (AC und DC) an den eigenen Stationen? Wo arbeitet man mit Partnern (etwa an den Flughäfen) zusammen?
Knippel: Wir bauen unsere Ladeinfrastruktur an den eigenen Stationen kontinuierlich aus. Gleichzeitig arbeiten wir insbesondere in großen Städten und stark frequentierten Standorten eng mit Partnern zusammen, da der Ausbau dort häufig nur in Kooperation sinnvoll realisierbar ist. Gerade an Flughäfen und in touristischen Regionen sehen wir jedoch weiterhin deutliche Defizite in der verfügbaren Ladeinfrastruktur. Dafür setzen wir uns gemeinsam mit dem Verband der internationalen Autovermieter (VIA) ein und stellen klare Forderungen an die Politik.
Können Sie kurz umreißen, welche Ideen der Eigner von Europcar, die Green Mobility Holding, welche mehrheitlich zu VW gehört, mit Europcar verfolgt?
Knippel: Diese Frage müssen Sie eigentlich unseren Shareholdern stellen, denn ich kümmere mich um Europcar Deutschland und ganz platt gesagt darum, dass wir unser Kundenerlebnis verbessern, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter begeistern und unseren Marktanteil steigern.
Wie ist man in die Prozesse etwa von VW Financial Services integriert?
Knippel: Seit Mai 2022 arbeiten wir im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten mit unseren Shareholdern an gemeinsamen Initiativen. Zuletzt beispielsweise mit Volkswagen Financial Services (VW FS) an der Europcar Mobility App. Ziel der App ist es, Kundinnen und Kunden über einen einzigen Zugang verschiedene und sich ergänzende Mobilitätsdienste anzubieten – von der klassischen Autovermietung über Carsharing bis hin zur Mikromobilität wie E-Scooter und E-Bikes.
Bleiben wir kurz bei der App. Welche Partner und Mobilitätslösungen sollen noch als Partner dazukommen?
Knippel: Nach dem erfolgreichen Start in Deutschland und Irland rollen wir die App jetzt international aus. Unser Ziel ist es, die Anwendung durch kontinuierliche Verbesserungen und neue Features stetig weiterzuentwickeln. Ein wesentlicher Schritt wird dabei die vollumfängliche Einbindung unseres Loyalitätsprogramms “Privilege for you” sein.
Damit schaffen wir einen weiteren Mehrwert: Unsere Kundinnen und Kunden profitieren künftig von zusätzlichen Rabatten, exklusiven Angeboten und Prämien. Zudem prüfen wir laufend weitere länderspezifische Partnerschaften, um unser Angebot vor Ort – über den klassischen Mietwagen hinaus – sinnvoll zu ergänzen. In Deutschland arbeiten wir aktuell bereits mit Miles Mobility (Carsharing) und Dott (E-Bikes und E-Scooter) zusammen.
Sie selbst waren vorher 19 Jahre bei Sixt. Ist die digitale Ausrichtung der Pullacher auch ein Vorbild für Europcar.
Knippel: Wir schauen natürlich immer, was links und rechts von uns im Markt passiert. Unser Fokus ist, was Kundinnen und Kunden heute von uns erwarten: digitale, flexible, individuelle und einfache Mobilität gepaart mit guter Qualität. Und deswegen stellen wir unsere Kundinnen und Kunden konsequent in den Mittelpunkt. Wir wollen aus guten Erfahrungen echte Begeisterung machen. Wenn unsere Kundinnen und Kunden am Ende sagen: „Das war so einfach, professionell und sympathisch, da buche ich wieder” – dann haben wir alles richtig gemacht.
Das Vermietgeschäft bleibt ein volatiles. Anbieter, wie aktuell Starcar, verschwinden und gehen zum Teil in anderen Netzwerken (in dem Fall Arndt Mobility) wieder auf. Wie blicken Sie aufs Mietgeschäft?
Knippel: Marktbewegungen und Konsolidierungen gehören in unserer Branche dazu, das war schon immer so. Eins ist aber sicher: Der Bedarf an Shared Mobility wird nicht sinken – im Gegenteil, die Nachfrage nach flexibler Mobilität wächst stetig und ist zudem ein Milliarden-Geschäft.
In einem volatilen Umfeld kommt es darauf an, einen klaren Kurs zu halten und diszipliniert immer wieder zu hinterfragen, ob mein Prozess, mein Produkt und mein Auftritt weiterhin optimal sind. Unsere Stärke bei Europcar ist dabei die Kombination aus globaler Schlagkraft und lokaler Präsenz. Das macht uns zu einem verlässlichen Partner, auch wenn sich der Markt verändert. Deshalb blicke ich positiv auf die weitere Entwicklung des Vermietgeschäfts.
Leapmotor B10 Test (2026)
Less Ownership more Mobility – so lautete ein Slogan bei Europcar. Klingt irgendwie nach Autoabo. Was meint Europcar damit genau?
Knippel: „Nutzen statt Besitzen” ist für uns kein Modewort, sondern tief in unserer DNA verwurzelt. Schließlich hießen wir bei unserer Gründung 1949 bereits „L'Abonnement Automobile”. Heute bringen wir das in die digitale Welt. Damit meinen wir vor allem flexible Mobilitätslösungen. Für Unternehmen bedeutet das, dass sie Mobilität genau dann abrufen, wenn sie sie brauchen – ohne die starren Bindungen eines klassischen Fuhrparks.
Ein aktuelles Beispiel dafür ist unsere neue Lösung „FleetShare” in Deutschland. Mit diesem Corporate-Carsharing-Angebot können Unternehmen ihren Mitarbeitenden eine vollständig digitalisierte Full-Service-Lösung zur Verfügung stellen. Mitarbeitende, die kein eigenes Fahrzeug haben, profitieren von dem schlüssellosen Prozess, und für die Unternehmen reduziert sich der Verwaltungsaufwand.
Was konkret kann FleetShare, was andere Lösungen am Markt nicht können? Ein schlüsselloser Zugang zum Poolwagen war ja bereits zu car2go-Zeiten Standard.
Knippel: „FleetShare” ist ein vollständiges Corporate-Carsharing-Angebot für Unternehmen. Wir verbinden Poolfahrzeuge, Telematik, App und persönlichen Service. Dadurch wird nicht nur die Nutzung für Mitarbeitende einfacher, sondern auch die Verwaltung für Unternehmen deutlich schlanker: Buchung, Rückgabe und Fahrzeugdaten laufen digital, die Auslastung des Fahrzeugpools wird transparenter, und gleichzeitig gibt es eine klare monatliche Kostenstruktur inklusive Serviceleistungen wie Wartung und Schutz. Hinzu kommt, dass Unternehmen bei Bedarf weitere Bausteine, wie ein digitales Fahrtenbuch, Tankkarten oder digitale Führerscheinprüfung ergänzen können.
Mit welchen Partnern agieren Sie bei FleetShare?
Knippel: Unsere wichtigsten Sparringspartner bei der Entwicklung von Mobilitätslösungen sind unsere Kundinnen und Kunden. Erst kürzlich haben wir uns am Vorabend der „Flotte! Der Branchentreff” im exklusiven Kreis intensiv zu „FleetShare” ausgetauscht. Das Feedback war eindeutig: Gefragt sind keine isolierten Einzellösungen, sondern ein integriertes Angebot aus einer Hand. Genau diesen Anspruch erfüllen wir mit „FleetShare” und arbeiten kontinuierlich daran, das System weiter auszubauen.
Kommen wir nochmal kurz zurück zum Auto-Abo. Wie zufrieden sind Sie mit dem Skoda-Auto-Abo, das im letzten Herbst an 21 Standorten startete
Knippel: Wir haben das Škoda-Auto-Abo im November 2025 gemeinsam mit Volkswagen Financial Services (VW FS) und Škoda Auto Deutschland als Pilotprojekt gestartet. Es ist ein spannendes Modell, weil wir hier unsere operative Erfahrung mit der Markenstärke von Škoda kombinieren. Besonders im Fokus stehen der Elroq und der Enyaq. Das Abo bietet unseren Kundinnen und Kunden somit eine gute Möglichkeit, E-Mobilität ohne langfristige Bindung im Alltag zu testen. Der Start verlief erfolgreich und die operative Zusammenarbeit läuft sehr gut. Für eine abschließende Einschätzung ist es aktuell jedoch noch zu früh.
"We embrace change" ist einer der Unternehmenswerte der Europcar Mobility Group. Im Vermietgeschäft hat sich gezeigt, dass das Change-Tempo allein der Mietkunde festlegt. Wie weit ist der Mietkunde etwa beim Thema E-Auto?
Knippel: Langfristig gibt es zur Elektromobilität keine Alternative. Wir investieren konsequent in die Flotte, aber ich komme zurück auf „Umparken im Kopf”: Das Tempo bestimmen unsere Kundinnen und Kunden – und die brauchen Sicherheit. Das Interesse ist zwar da, aber die Nachfrage korreliert direkt mit der Ladeinfrastruktur und der Alltagstauglichkeit. Besonders an unseren wichtigsten Standorten, den Flughäfen und Bahnhöfen, fehlt es oft noch an leistungsfähigen Ladepunkten, die einen schnellen Fahrzeugumschlag überhaupt ermöglichen.
Zudem spüren wir bei vielen noch eine gewisse Unsicherheit im Umgang mit der Technik. „Was ist DC?”, „Was ist AC?”, „Wieso lade ich auf langen Fahrten nur bis 80%?” und „Was heißt überhaupt 200 kW Ladeleistung bei einem 400-Volt-Auto?”. Deshalb setzen wir auf Aufklärung. Wir schulen unsere Teams intensiv und schaffen durch Veranstaltungsformate wie unsere „E-Xperience” Gelegenheiten, E-Mobilität ohne Druck zu testen. Wir liefern nicht nur das Auto, sondern das Vertrauen in die Technologie gleich mit. Ich persönlich möchte nicht mehr zurück zu einem Verbrenner.
VW ID.3 Neo
Mit Renault wurde das Angebot erweitert. Wie sieht die Flottenstrategie bei elektrischen Transportern aus?
Knippel: Bei den E-Vans sehen wir eine klare Dynamik: Viele Firmenkunden wollen ihren Lieferverkehr jetzt elektrifizieren, sei es durch eigene Nachhaltigkeitsziele, Vorgaben ihrer Auftraggeber oder auch aus Kostengründen. Da kommen wir ins Spiel. Unsere Transporter dienen oft als flexible Brücke: Entweder um Piloten zu starten oder um die Zeit bis zur Lieferung der eigenen E-Flotte ausgiebig zu testen, was gut funktioniert. Deshalb bauen wir das Portfolio mit Partnern wie Renault aus und sind bereits mit anderen Herstellern im Gespräch. Wir gehen dabei sehr analytisch vor: Ein E-Transporter muss im harten Arbeitsalltag bestehen. Wir testen die Praxistauglichkeit neuer Modelle genau und hören auf das Feedback unserer Kundinnen und Kunden, bevor wir sie in größerer Zahl in die Flotte nehmen.
Bei der Neuausrichtung der Europcar Mobility Group im Jahr 2022 wurde als eines der Ziele folgendes formuliert: Die nächste wichtige Entwicklungsstufe ist die Ergänzung um autonome Fahrzeuge in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts. Wie weit ist man hier?
Knippel: Autonomes Fahren ist grundsätzlich ein hochkomplexes Feld, bei dem noch viele regulatorische und rechtliche Grundsatzfragen geklärt werden müssen. Das braucht Zeit. Und wenn Sie mich als Fahrzeug-Enthusiasten ganz persönlich fragen: Rein optisch haben wir da auch noch einen Weg vor uns. Aktuell verschandeln die vielen Kameras und Sensoren das Design der schicken Fahrzeuge noch ein wenig – da blutet mir manchmal das Herz. Aber Spaß beiseite: Wir beobachten die Entwicklungen natürlich sehr genau. Für heute ziehen wir für Europcar das Resümee: Wir sind operativ voll auf Kurs und bereit für die nächste Phase.
Vielen Dank, Herr Knippel, für das Gespräch