Herr Müller, Sie kommen von Smart, einer Marke im Mercedes-Geely-Joint-Venture. Dort haben Sie eventuell erlebt, wie schnell chinesische Entwicklungszyklen sind. Wo ist Volvo – ebenfalls Geely-Marke – heute besser als die „klassischen“ chinesischen Hersteller – und wo sollten Europa von China lernen?
R. Müller: Volvo verbindet die Geschwindigkeit moderner Entwicklungsprozesse mit fast 100 Jahren Erfahrung im Premium-Segment. Dank unserer SPA3-Architektur entwickeln wir neue Fahrzeuge heute in rund 30 Monaten und nehmen uns dabei bewusst die Zeit, um höchste Ansprüche in puncto Sicherheit, Qualität, Design und Werthaltigkeit zu erfüllen. Europäische Hersteller können von China sicher die hohe Entwicklungsgeschwindigkeit und Konsequenz in der Umsetzung lernen. Unsere Stärke liegt jedoch darin, diese Agilität mit dem Vertrauen und den Werten einer etablierten Premium-Marke zu verbinden.
Volvo hat sich als Premium-Alternative zu den deutschen Herstellern etabliert. Wo sehen Sie den größten Wettbewerbsvorteil von Volvo gegenüber Audi, BMW und Mercedes?
R. Müller: Volvo hat eine sehr klare Markenidentität: Sicherheit, skandinavisches Design, Nachhaltigkeit und ein menschenzentrierter Entwicklungsansatz prägen Volvo seit Jahrzehnten. Diese Werte schaffen eine hohe Kundenloyalität, die gemeinsam mit der starken Betreuung durch unsere Handelspartner dafür sorgt, dass Volvo für viele Kunden mehr ist als nur eine Kaufentscheidung.
Volvo EX60 P10 (92 kWh)
Viele Flottenkunden wünschen sich Planungssicherheit statt ständig neuer Antriebsdebatten. Welche klare Botschaft geben Sie Unternehmen heute mit Blick auf Elektroautos und Plug-in-Hybride mit?
R. Müller: Für uns ist ganz klar, dass die Zukunft der Mobilität elektrisch ist. Die Transformation verläuft in den einzelnen Unternehmen jedoch mit unterschiedlicher Geschwindigkeit. Während der vollelektrische Antrieb für viele Flotten bereits heute die wirtschaftlich und operativ beste Lösung ist, können Plug-in-Hybride in Bereichen, in denen die Rahmenbedingungen noch nicht passen, weiterhin eine sinnvolle Übergangslösung sein.
Wenn wir uns Ende 2027 wieder treffen: An welcher Kennzahl möchten Sie dann gemessen werden? Marktanteil, Profitabilität, Elektroanteil oder etwas ganz anderes?
R. Müller: Selbstverständlich sind Marktanteil und Absatz wichtige Kennzahlen, aber für uns steht nachhaltiges Wachstum im Vordergrund. Dazu müssen wir unsere Position als Premium-Marke weiter stärken und gemeinsam mit unseren Handelspartnern profitabel wachsen. Gleichzeitig wollen wir den erfolgreichen Wandel hin zur Elektromobilität weiter vorantreiben und unseren Kunden die passenden Lösungen bieten.
Welcher Beschluss eines deutschen Fuhrparkleiters hat Sie in den ersten drei Monaten bei Volvo am meisten geärgert oder zumindest überrascht?
R. Müller: Wirklich geärgert hat mich bisher keine Entscheidung. Überrascht bin ich jedoch immer wieder darüber, dass die Diskussion über die Ladeinfrastruktur häufig als größter Hemmschuh der Fuhrparkelektrifizierung gesehen wird. In der Praxis zeigt sich dann oft, dass die tatsächliche Ladepause deutlich weniger Zeit in Anspruch nimmt als die vorherige Diskussion darüber.
Herr Müller, vielen Dank für das Interview.