Er ist der automobile Liebling des ganzen Globus, ein japanischer Volkswagen, der zuerst den VW Käfer als meistgebautes Auto aller Zeiten entthronte und dann mehr Herzen gewann als der Golf: Der kompakte Toyota Corolla fand in 60 Jahren gut 55 Millionen Käufer in über 150 Ländern.
Eine einmalige Erfolgsbilanz in der Automobilgeschichte, die nicht einmal der Trend zum SUV beendet, gibt es den Corolla doch längst auch als „Cross“. Vor allem zahlt sich aus, dass die Corolla Limousine auf dem weltweit geschrumpften Stufenheck-Markt anders als viele frühere Konkurrenten weiter präsent ist und hinter dem größeren Toyota Camry die Führung in diesem Segment übernommen hat – als bieder-braves Auto mit überlegener Qualität und Zuverlässigkeit. Wie ein römischer Cäsar seinen Lorbeer trägt der Corolla die namensgebende Blütenkrone, auf frühen Fahrzeugen erkennbar als Logo mit drei blühenden Kirschpflanzen, die sich weltweit vermehren sollten.
1966 die ersten Corolla in Europa
Tatsächlich tauchten schon 1966 die ersten Corolla in Europa auf, und auch in den USA bewies der nach neuen Qualitätsprinzipien gebaute Japaner, dass nicht nur Wolfsburger Krabbeltiere preiswert und fast unkaputtbar sind. Der Corolla reüssierte als Fahrschulauto, Familienkutsche, Dienstwagen, Taxi und Behördenauto. So machte er Toyota zur weltweiten Nummer eins unter den Autobauern, ohne jemals selbst das Straßenbild optisch zu prägen. Das verhinderten die oft im Vier-Jahresturnus wechselnden Designs von bis heute zwölf Corolla-Generationen, und auch der Sprung zur coolen Kultkarre gelang nur wenigen Corolla-Typen.
Ganz langsam hatte die japanische Automobilindustrie nach dem Zweiten Weltkrieg losgelegt, amüsiert oder gelangweilt schauten die westlichen Konzerne in Wolfsburg, Turin oder Detroit auf die ersten Exportversuche von Toyota und Nissan mit technisch altbacken wirkenden Biedermännern in kuriosem Design. Aber das Jahr 1966 machte alles anders, für die Japaner war es wie ein Neustart im Automobilbau: Mazda (Familia), Mitsubishi (Colt 1100), Subaru (1000), Nissan (Sunny) und Toyota (Corolla) entdeckten gleichzeitig die moderne Kompaktklasse und damit die ersten echten Volksautos für das Land der aufgehenden Sonne, die zugleich das Potential zum globalen Exportbestseller mitbrachten.
Nissan machte den Anfang
Nissan machte den Anfang: Am Neujahrstag rief der Autobauer die Bevölkerung von Nippon via Zeitungsanzeige auf, einen Namen für den Nissan im Format von VW Käfer oder Opel Kadett zu finden, und 8,5 Millionen Menschen beteiligten sich per Postkarte. "Sunny" sollte der Neue heißen und damit Internationalität vermitteln. Schließlich hatte Japan gerade sein Shakkanhō-Maßsystem durch das metrische Maßsystem ersetzt, italienische Designer beeinflussten Mode und Farben im Kaiserreich, und auch die Band "The Beatles" bestätigte durch ausverkaufte Konzerte in Tokio, dass Japan den Trends der westlichen Welt hinterherlief.
60 Jahre Toyota Corolla
Für Toyota Anlass, den Sunny schnell mit dem Corolla zu kontern, die Rivalen von Mazda, Mitsubishi und Subaru zu überholen und globale Zeichen zu setzen – vielleicht nach dem Vorbild des fernöstlichen Hightech-Spielzeuggiganten Bandai, der ab 1966 sogar auf den westlichen Matchbox- und Mattel-Heimatmärkten viel Anerkennung fand.
Für den Corolla als allerersten asiatischen Exportartikel "For Everyone on Earth" entstanden die riesigen Takaoka Auto Works in Toyota City, ein Produktionszentrum, dem sogar VW- und GM-Vorstände Respekt zollten. Sollte das anfangs nur 3,85 Meter lange, aber fünfsitzige Familienauto doch das erste Null-Fehler-Fahrzeug in der Automobilhistorie sein, ein neues Auto ohne Mängel und die damals üblichen "Kinderkrankheiten", die erst in Kundenhand kuriert wurden. Vorbei die Zeiten, als zuverlässige, aber klapprige Corona- und Crown-Karossen nur preissensible Knauserkunden in USA oder Skandinavien überzeugten, der zunächst 43 kW/58 PS starke Corolla beeindruckte die kritische europäische Fachwelt auf Anhieb – weit mehr als der Nissan Sunny.
Toyota: Deming Award als erster Autobauer
Toyota bewies mit dem Corolla, warum sie als erster Autobauer den Deming Award für Verdienste um das Total-Quality-Management erhalten hatten. Bereits wenige Monate nach seinem Debüt als Limousine und Kombi überraschte der Corolla die Besucher der Autosalons von Brüssel und Paris mit serienmäßig fast kompletter Ausstattung – ein weiteres Erfolgsrezept, das 1971 auch den Deutschlandstart erleichterte.
Damals hatte es Toyota dank des Corolla bereits auf Platz drei im Ranking der weltgrößten Autobauer gebracht, und der kompakte Shootingstar war mit "Japan-Speed" dabei, neue westliche Massenmodelle von Ford (Escort/Pinto), Fiat (128), Renault (12) oder Chevrolet (Chevette) zu überholen. Dies mit einem über den ganzen Globus verteilten Netz an Produktionsstätten und einem rasanten Innovationszyklus: Alle vier Jahre eine neue Corolla-Generation, das war beeindruckend flott, zumal es den Japaner mit einem großen Karosserieportfolio gab, das für Emotionen Raum gab. Für Furore sorgte etwa die dritte Generation des Corolla als Sportkombi im Stil eines extravaganten Shootingbrakes. Das fein ausgekleidete Frachtabteil bot viel Platz für Golfbags oder großes Urlaubsgepäck.
Für Gänsehautmomente zuständig waren die Rallye- und Rundstreckenrenner, vor allem aber ab 1983 eine Driftmaschine: Obwohl die fünfte Corolla-Generation auf Frontantrieb setzte, wählt Toyota für das 955 Kilogramm leichte Sportcoupé AE86, in Japan auch Levin oder Trueno genannt, den klassischen Hinterradantrieb in Kombination mit einem drehfreudigen 16-Ventil-Triebwerk. Der agile Sportler entwickelte sich rasch zum Drift-Champion und gewann sogar die Tourenwagen-Europameisterschaft. Bis heute genießt die Zahl „86“ in Japan einen ikonenhaften Ruf vergleichbar der "911" in Deutschland. Genau diesen Corolla AE86 zitierten später die Sportcoupés Toyota GT86 und GR86.
Der sechste Corolla bahnte mit dem Tercel 4x4 Crossover-Modellen wie dem RAV4 den Weg, im Jahr 2004 enterte der Corolla mit dem Verso vorübergehend das Van-Segment. Seit 2002 werden die in Europa verkauften Corolla nicht nur in der Alten Welt gebaut, sondern auch dort entwickelt – und dennoch schützte diese Strategie nicht vor Fehlern: Der fünftürige Corolla mutierte zum Auris, ein vermeintliches "Goldstück", das die neue koreanische Konkurrenz abwehren sollte, aber plötzlich mit Qualitätspannen auffiel. Der seit 2009 tätige CEO Akio Toyoda – ein Enkel des Unternehmensgründers – revitalisierte daraufhin nicht nur den Traditionsnamen Corolla, sondern fand auch zurück zur Null-Fehler-Strategie.
Hinzu kamen Hybrid-Varianten, mit denen die "Blütenkrone" einmal mehr als meistverkauftes Auto des Erdballs neue Meilensteine setzte. Die 50-Millionen-Produktionsmarke knackte der Corolla 2021, und auch heute wird noch alle 15 Sekunden ein Corolla verkauft – künftig wahlweise als Verbrenner, Stromer oder mit Wasserstoff, wie die bereits als Concept Car gezeigte 13. Generation des japanischen Weltautos andeutet. Seine einstigen japanischen Rivalen hat dieser Toyota übrigens alle längst überlebt.