Mobilitätsforscher: "Mikromobilität war ein Hype, ist aber kein Allheilmittel"

09.01.2026 06:07 Uhr | Lesezeit: 2 min
Andreas Herrmann
Prof. Dr. Andreas Herrmann, Direktor des Instituts für Mobilität der Universität St. Gallen.
© Foto: Rocco Swantusch

Ein Gespräch mit dem Experten Prof. Dr. Andreas Herrmann über die Entwicklung der Mobilitätsforschung in den letzten Jahrzehnten, Elektromobilität und die Zukunft des autonomen Fahrens.

Autoflotte traf den gefragten Redner und Mobilitätsexperten am Rande der Preisverleihung zum 43. KS Energie- und Umweltpreis des Kraftfahrer-Schutz e.V. in München. Dieser entstammte aus der Zeit der Energiekrise Mitte der 1970er Jahre und prämiert jährliche Ideen wie in diesem Jahr einen nachhaltigen Reifen von Continental und ein Ladesystem für Lkw von Siemens. Mobilität war eben schon immer vielfältig. Das weiß gerade ein Enthusiast wie Andreas Herrmann (aktuelles Buch: Mobilität für alle), der in der Schweiz zu Hause ist, aber auch in London, Shanghai und Stockholm lehrt.

Herr Professor Herrmann, Sie beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit Mobilitätsforschung. Wenn Sie den Blick 30 Jahre zurückwerfen – wie hat sich die Forschung seither verändert?

Prof. Herrmann: Der größte Unterschied ist, dass wir damals hauptsächlich das individuelle Mobilitätsverhalten untersucht und optimiert haben. Heute spielen Umwelt- und Klimaaspekte eine zentrale Rolle – CO₂-Emissionen, Flächenversiegelung, all das war früher kaum Thema. Heute ist es das dominierende.

Autoflotte: Wie sind Sie früher an Modellierungen herangegangen – und wie haben sich Ihre Prognosen bewährt?

Prof. Herrmann: Unsere Modelle waren immer stark individuell ausgerichtet. Verkehrswachstum oder makroökonomische Entwicklungen haben wir bewusst ausgeklammert. Das haben andere gemacht. Wir haben vom Einzelnen her gedacht und optimiert.

Autoflotte: Welche Rolle spielt heute künstliche Intelligenz in Ihrer Forschung?

Prof. Herrmann: Wir nutzen KI-gestützte Tools, aber mich interessieren weniger die exakten Prozentwerte, sondern eher die Implikationen. Vor einigen Jahren dachten alle: In fünf Jahren ist Elektromobilität Standard. Heute sieht es so aus, als ob wir noch 20 bis 25 Jahre Parallelwelten mit Verbrennern und Elektroautos haben werden. Einige Hersteller nehmen sich von ihren rein elektrischen Zielen wieder zurück. Das hat wirtschafts- und industriepolitische Konsequenzen.

Autoflotte: Wie bewerten Sie die Güte der Prognosen generell? Hat sich da etwas verändert?

Prof. Herrmann: Prognosen haben gut funktioniert, solange es technologische Kontinuität gab – also bis etwa Anfang der 2000er Jahre. Dann kamen massive Brüche: Elektromobilität, autonomes Fahren. Heute wissen wir oft gar nicht, was die nächste Technologie mit der Gesellschaft macht. Das erschwert Vorhersagen enorm.

Autoflotte: Was treibt Sie in Ihrer Forschung besonders an?

Prof. Herrmann: Nicht der Ärger über Fehlprognosen. Mich beschäftigt vielmehr die Frage: Ziehen wir politisch und wirtschaftlich die richtigen Schlüsse? Haben wir verstanden, was wir tun müssen? Softwarekompetenz ist beispielsweise ein riesiges Problem in Europa – und ein strategischer Nachteil.

Autoflotte: Auch die chinesischen Marken holen auf. Wie bewerten Sie deren Rolle?

Prof. Herrmann: Der chinesische Markt ist technikaffin. Dort zählt weniger die Marke, sondern das Gadget. In Europa ist das anders – hier dominieren Marke und Händlernetz. Das haben die Chinesen lange unterschätzt, holen aber auf, kaufen europäisches Know-how ein. Dennoch: Die Absatzzahlen chinesischer Marken in Europa sind derzeit noch niedrig.

Autoflotte: Wird sich daran schnell etwas ändern?

Prof. Herrmann: Sie arbeiten mit Hochdruck daran. Beim Design, beim Vertrieb, bei Managementstrukturen – da kommt einiges in Bewegung. Ich denke, wir werden Mischmodelle sehen, vielleicht eine stärkere Einbindung europäischer Partner in Vertrieb und Service.

Autoflotte: Wird das Händlernetz dabei weiter bestehen?

Prof. Herrmann: Händler stehen unter massivem Druck: Sie müssen für die Elektromobilität investieren, bekommen aber tendenziell weniger Umsatz durch geringeren Wartungsbedarf. Daher konsolidiert sich der Markt. Mehrmarkenstrategien werden zunehmen.

Autoflotte: Welche Rolle spielt Mikromobilität?

Prof. Herrmann: Mikromobilität war ein Hype, ist aber kein Allheilmittel. Es gibt Einschränkungen: Wetter, körperliche Voraussetzungen, Kosten – und die fehlende Integration in bestehende Tarifsysteme. In der Schweiz habe ich eine ÖPNV-Flatrate, aber der E-Scooter kostet extra – das ärgert mich. Wenn solche Modelle erfolgreich sein sollen, brauchen wir integrierte Lösungen.

Autoflotte: Und der Blick auf die Zukunft – wird sich der Autobesitz grundlegend verändern?

Prof. Herrmann: Besitzfragen hängen weniger an der Antriebstechnologie als an der Frage: Manuell oder autonom? In Europa wird autonomes Fahren wahrscheinlich Teil des öffentlichen Verkehrs. Wenn Städte autonome Flotten einsetzen, wird das private Fahrzeug zunehmend überflüssig.


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Autoflotte: In welchen europäischen Städten kann man die veränderte Mobilität am besten beobachten?

Prof. Herrmann: In Europa sind es Oslo und Hamburg. Beide bereiten sich auf den großflächigen Einsatz autonomer Fahrzeuge vor. In den USA und China ist das Modell anders – dort ist autonomes Fahren stärker im privatwirtschaftlichen Ride-Hailing verankert.

Autoflotte: Wenn Sie zurückblicken: Welche Entwicklung hat Sie in Ihrer Karriere – und damit in den letzten drei Dekaden – am meisten überrascht?

Prof. Herrmann: Da ist sicherlich die Geschwindigkeit, mit der sich die gesamte Automobilbranche in den letzten fünf bis sieben Jahren verändert hat. Jahrzehntelang passierte nur Inkrementelles. Und plötzlich sind da radikale Umbrüche: Elektromobilität, China als neuer Wettbewerber, autonome Fahrzeuge. Ich hoffe sehr, dass unsere Autoindustrie diesen Wandel schafft – aber ich sehe auch große Risiken.

Autoflotte: Welche?

Prof. Herrmann: Wir haben zu lange gezögert. Elektromobilität wurde unterschätzt, autonome Technologien ebenso. Die nötige Mentalität zur ständigen Veränderung fehlt uns. Und während wir zögern, sind andere schon weiter – das sehen wir besonders bei Software. Da haben wir einen eklatanten Nachholbedarf.

Autoflotte: Sind Sie noch optimistisch?

Prof. Herrmann: Ich glaube nicht, dass die deutsche Autoindustrie untergeht. Aber es droht ein massiver Verlust an Wertschöpfung – gerade im Zulieferbereich. Und: Es war nicht Schicksal, es war auch hausgemacht. Noch ist es nicht zu spät. Aber der Veränderungsdruck steigt – und mit ihm die Notwendigkeit, wirklich neu zu denken.

Herzlichen Dank, Herr Herrmann, für das Gespräch.

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