Ja, bezahlbare (Elektro-)Sportler sind rar. Bei einigen steht Sport drauf und steckt Lethargie drin. Bestes Beispiel: Brabus Smart. War Brabus einst eine Manufaktur zum sportlichen Veredeln von Mercedes-Modellen, ist das Signet auf Smart #1, #3 und #5 nur noch Show, so wie die aberwitzige Leistung: (bis zu) 646 PS. Weder Fahrwerk noch Lenkung noch Details verströmen ansatzweise das, was ein Sportmodell verspricht, geschweige denn, hält. Denn merke: Leistung ist nicht alles.
Opel Mokka GSE (54 kWh)
Opel kann’s noch
Opel-Veredler gab es viele. Irmscher (macht heute belanglose Optik-Modifikationen für Leapmotor), Bitter (pappt alberne Details an und in den Corsa), Rieger (übertreibt optisch nach wie vor) und Lexmaul sowie Mantzel (die beiden kümmern sich zu Recht eher um die alten Opel-Modelle). So nimmt Opel das Thema Performance seit Jahren selbst in die Hand. Legendär waren Opel Corsa OPC Nürburgring Edition und Opel GTC OPC. Aber auch ein Schwergewicht wie der Insignia OPC hat seine Freunde gefunden. Mit dem Beginn der PSA-/Stellantis-Ära (2017) waren diese Sperenzchen vorbei. GSE lautet seit 2020 das Label für dezente Sportlichkeit direkt von Opel, wenngleich alles bislang Erschienene eher einer Ausstattungslinie glich. Das ändert sich fortan. Mit dem Mokka GSE zeigen die Rüsselsheimer, dass sie es noch immer können – jetzt halt elektrisch.
Das Ausgangsprodukt, der Opel Mokka, hat für eine Sportversion per se nicht die schlechtesten Gene. Kompakt (4,15 Meter), nicht zu hoch und innen eher Sportdress als Schlabber-Joggo. Gute Anlagen also, um nachzuschärfen. Das haben die Rüsselsheimer getan. Ultrasportliche Schalensitze, die vermutlich bei vielen Menschen eine Spur zu eng sind, klammern einen fest. Ein unten abgeflachtes Lenkrad soll den Sportgeist im Fahrer wecken. Viel mehr gibt es auf den ersten Blick nicht zu entdecken. An die "alten" OPC-Sitze, die teils von Opel entwickelt wurden und ab und an den Recaro-Schriftzug tragen durften und nach Vorgabe produziert wurden, kommt das Mokka GSE-Gestühl nicht ran. Das GSE-Mobiliar besitzt kaum Langstreckentauglichkeit. Das jedoch ist nur konsequent. Denn der Mokka GSE ist auf der Langstrecke in etwa so sinnvoll wie ein Mercedes-Maybach auf Santorini.
Mokka GSE: 5,6 Sekunden bis Tempo 100
Zurück in den Mokka. Hinten sitzen noch weniger Leute als im normalen Mokka, der massiven Vordersitze wegen. Der Mokka ist ein 2+2-Sitzer, und das ist gut so, denn er hat damit eine Nische besetzt. Die Materialien sind okay, die Bedienung ebenso. Einige GSE-Features in der Darstellung informieren über Batterietemperatur und Leistungsabgabe in Prozent. Querbeschleunigungssensoren und eine 0–100-km/h-Messung wecken den Spieltrieb. Die Übung ließ sich in 5,6 Sekunden abhandeln, die Werksangabe von 5,9 Sekunden ist somit untertrieben. Aber so ist Opel ab und an: nicht zu dick auftragen und dann doch souverän liefern, gerade mit Nischenprodukten gelang das oft.
Das genau merken all jene, die auf der Landstraße an einem Mokka GSE dranbleiben wollen. Im Verbrenner-Sprech braucht es dabei deutlich potentere Fahrzeuge. Denn die 281 PS des Mokka GSE stehen immer an. Zumindest dann, wenn man von Eco über Normal in den Sportmodus per Wippe in der Mittelkonsole geswitched hat. Der kleine Opel geht brutal vorwärts. Insbesondere Serpentinen und das Herausbeschleunigen aus Kurven sind die Spezialitäten des Mokka GSE. Das Zauberwort lautet: Mechanisches Torsen-Lamellen-Sperrdifferenzial. Was andere mittels Elektronik versuchen zu imitieren, ist lächerlich, wenn man mal in einem Elektroauto eine mechanische Differenzialsperre erlebt hat. Ähnlich wie beim Corsa OPC Nürburgring Edition giert der Mokka GSE nach der kommenden Kurve und zieht einen (trotz Vorderradantrieb) beim Vollgasgeben in die Kurve hinein. Am Anfang ungewohnt, schneidet einem dieses Fahrverhalten bei jeder Engkurve ein Grinsen ins Gesicht und lässt das Gewicht von knapp 1,7 Tonnen vergessen – ehrlich.
Erstklassiges Fahrwerk im Mokka GSE
Kombiniert wird das Ganze mit einer akkurat agierenden Lenkung, die alle anderen in der Klasse einfach nur mitteilungsmüde wirken lässt. So wünscht man sich ein sportliches Setup. Hinzu kommt ein Fahrwerk mit Selektivdämpfern, das innerstädtisch zwar nervt, ab Landstraßentempo jedoch sein Potenzial mit bedingungsloser Bodenhaftung unter Beweis stellt. Es ist schön zu sehen, dass Opel es noch kann, wenn man sie einfach mal lässt.
Dass das Tempobolzen auch negative Auswirkungen hat, ist klar. Schnell an Geschwindigkeit zulegen sollte stets mit noch schneller an Geschwindigkeit dezimieren geknüpft sein. Dazu hat Opel wahnsinnig große Bremsen an der Vorderachse montiert. 380 Millimeter messen die Alcon-Scheiben, die von einer Vierkolbenanlage in die Zange genommen werden und brachiale und dauerhaft kurze Bremswege ermöglichen. Bei sportlicher Gangart geben diese ein fantastisches Gefühl an den Fahrer wieder, beim Langsamfahren fühlt es sich eher unwirsch an. Ab Werk rollt der Mokka GSE auf haftfreudigen Michelin Pilot Sport EV in der Dimension 225/40 R20. Angeblich soll trotz der Riesenräder ein Wendekreis von rund 10,5 Metern realisierbar sein.